Abschiedsgedanken

  Das letzte Mal habe ich im Oktober hier von meinen Erfahrungen als „Singlegastfamilie“ und meinen beiden Gastschülerinnen berichtet. Jetzt ist schon wieder Juli und Kaimook aus Thailand fährt in wenigen Tagen wieder nach Hause.   Vieles haben wir zusammen geschafft. Wir sind gemeinsam umgezogen. Von einer Wohnung in Oldenburg in ein Haus in Varel. Dadurch hat Kaimook zwei Schulen kennengelernt, genauso wie das Leben an zwei unterschiedlichen Orten. Wir haben den deutschen Winter überstanden und gemeinsam festgestellt, dass es tatsächlich noch kälter als 6 Grad werden kann und auch muss, wenn man Schnee sehen möchte. Wir haben nacheinander eine „typisch deutsche“ Erkältung überlebt! Wir haben Weihnachten und Neujahr gefeiert und festgestellt, dass Deutschland viele Geschichten und Traditionen zu bieten hat. Angefangen bei St. Martin, über den Nikolaus bis hin zum traditionellen „Dinner for One“… und vieles mehr. Wir waren in der Nordsee und haben die unterschiedlichsten Schalentiere kennen gelernt, genauso wie dieses merkwürdige Phänomen „Ebbe“.   Und wir haben außerdem festgestellt, dass 10 Monate auch nach einem guten Einstieg noch viel mehr sind als ‚den Schulweg alleine beherrschen‘ oder ‚einen Platz in der Tanzgruppe bekommen‘. Die vielen ungeschriebenen Gesetze in einem fremden Land sind so viel schwerer zu erkennen und zu erlernen als der Schulweg. Und da ist es als Gastfamilie auch viel schwerer zu helfen. Wenn das Brot zum Frühstück einfach nicht schmeckt, kann man eben jeden Abend eine Portion Reis vorkochen. Das ist kein Problem! Aber wie erklärt man jemandem, der es ganz anders gelernt hat, dass lächeln und „ok“ als Antwort auf jede Frage, hier in Deutschland schnell mehr als Desinteresse denn als Höflichkeit gesehen wird und wilde Geschichten als eine unangenehme Lüge und nicht als eine Art Konflikte zu vermeiden? Und wie schafft man es, dies deutlich zu machen ohne zu persönlich und verletzend zu werden? Klar, man kann immer wieder erklären und auf Unterschiede hinweisen, aber so leicht lassen sich Verhaltensweisen, die man verinnerlicht hat und selbst auch gut und richtig findet nun mal nicht ändern. Da Kaimook wirklich bis zum Ende konsequent wenig von sich gezeigt und noch weniger gesprochen hat, gibt es nun recht wenige Personen hier, die sie gut kennen und die sie wirkliche Freunde nennen könnte. Zu Beginn des Jahres hat ihr das sehr zu schaffen gemacht und wir haben alle unsere Betreuer um Hilfe gebeten. Der gemeinsam ausgearbeitete Plan, war für sie allerdings eine zu große Herausforderung.   Inzwischen hat sie ein paar Freundschaften mit anderen Gastschülern, bevorzugt auch aus Thailand und geht mit einem Lächeln darüber hinweg, dass ihr so viele Menschen zum Abschied deutsche Süßigkeiten schenken, obwohl sie weder Schokolade noch andere Süßigkeiten mag. Das zu sagen hat sie 10 Monate lang für unhöflich gehalten.   Insgesamt würde ich sagen, haben wir beide viel gelernt in den letzten Monaten, auch wenn der kulturelle Austausch insofern sehr begrenzt war, als dass sie kaum von ihrer Heimat erzählt hat. Es war nicht immer einfach aber Thailand ist eben wirklich weit weg und Kultur und Verhaltensweisen sind manchmal für den Mitteleuropäer schwer zu verstehen. Genauso muss Deutschland für einen thailändischen Menschen manchmal ein einziges Rätsel sein… Aber ich glaube wir haben beide gelernt, dass besonders zwischenmenschliche Dinge, die man erstmal für Eindeutig halten könnte, wie zum Beispiel Höflichkeit, Ehrlichkeit, Freundlichkeit … aus der Sicht einer anderen Kultur ganz anders gewertet werden können und sind in dieser Hinsicht sensibler und offener geworden. Außerdem ist Kaimook sicher ein ganzes Stück erwachsener und selbstständiger geworden und ich hoffe sie profitiert noch lange von den teilweise merkwürdigen Erfahrungen, die sie hier gemacht hat.                        


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