„Dawai dawai!“

Christoph und ich wohnen am Niederrhein. Bei uns haben bereits Sharon aus Paraguay und Micah aus den USA gelebt. Seit September sind wir die Gasteltern von Artem (16) aus Russland.

 

Die Schule beginnt um 8 Uhr. Mit dem Fahrrad dauert der Weg zum Gymnasium keine zehn Minuten. Als ich um viertel nach sieben nach unten komme, sitzt Artem schon im Bademantel in der Küche und frühstückt halb deutsch (Brot, Marmelade), halb russisch (Tee, Schokolade, Eiskrem).

 

Nüsse, Tee und ganz wichtig: Schokolade!

7.30 Uhr
Artem geht nach oben – sicher um sich anzuziehen.

7.32 Uhr
Artem duscht.

7.40 Uhr
Artem föhnt.

7.45 Uhr
„Du musst jetzt wirklich los!“, rufe ich.
Artem hört nichts. Artem föhnt.

7.50 Uhr
„Jetzt komm! Du verspätest dich sonst!“
„Ja, ich weiß.“

7.53 Uhr
„Artem! Du wirst jetzt zu spät kommen.“

7.57 Uhr
Auftritt Artem im Flur.
„Jetzt aber schnell!“
Artem wandert in die Küche, um seine Flasche mit Wasser aufzufüllen.
„…RegelnpünktlichunfhöflichbeeilenkeineDiskussiondasgehtnicht…“ Ich werde ungemütlich.

8 Uhr
„Dawai dawai!“, rufe ich.
Artem erscheint wieder im Flur und checkt sein Spiegelbild.

8.01 Uhr
Wir verlassen gemeinsam das Haus.

8.02 Uhr
Vor dem Fahrradschuppen zückt Artem sein Handy.
„GPS anmachen. Für den Weg. Ich habe ihn vergessen.“

8.03 Uhr
Ich begleite ihn zur Schule. Zur Strafe trete ich ein bisschen kräftiger in die Pedale, und Artem versucht die Balance zu halten zwischen schnell genug fahren, nicht zuviel schwitzen und nicht die Frisur zu ruinieren.

8.09 Uhr
Ankunft Gymnasium. Hallejuja!

8.31 Uhr
Anruf von Artem:
„Informatik ist im anderen Gymnasium. Ich suche es. Es ist sehr kompliziert. Tschüss Annette, danke!“

 

Schokolade rules! Hier die russische Variante.

P.S.
Ich glaube, man könnte Artems Namen austauschen – der Schulbesuch ist wahrscheinlich bei vielen Gastschülern nicht ganz so beliebt. Es ist ja auch alles einfach – anders: der Stundenplan, die Fächer, man muss tatsächlich pünktlich sein, die Konzentration lässt rasch nach, wenn man kein Wort versteht (das strengt an!), man verirrt sich im Gebäude, und überhaupt: länger schlafen wäre wirklich schön…

 

Doch auch solche Erfahrungen gehören zum Gasteltern-Sein dazu. Wir finden es in diesem Zusammenhang wichtig, frühzeitig sowohl mit dem Gastkind, als auch ggf. mit der Schule und AFS über die Situation zu reden.

 

Edit:
Zu spät kommen ist für Artem kein Thema mehr. 😉

 

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Ein Gedanke zu „Dawai dawai!“

  • Wie nett geschrieben! Schön, dass ihr es so mit Humor nehmt.
    Unser Gastkind ist auch seit September da und bei uns läuft es genau anders herum. Jeden Morgen (auch in den Ferien) geht gegen fünf die Dusche an und so gegen halb sechs dann der Föhn. Wenn ich dann gegen halb sieben in die Küche komme sitzt die junge Dame beim Frühstück ist sehr vergnügt und quasselt irgendwas von „early bird“ und so …. 🙂

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