Alles ist Toast


Christoph und ich wohnen am Niederrhein und sind zum zweiten Mal Gasteltern. Diesmal von Micah (17) aus den USA, der PPP-Stipendiat ist. Nach einem vierwöchigen Intensiv-Deutschkurs beim AFS-Komitee in Leer ist er Ende September bei uns eingezogen.


Gasteltern zu sein ist spannend. Denn es bedeutet (genau wie für das Gastkind), jeden Tag etwas zu lernen oder etwas zu erfahren, über das man sich vorher noch nie Gedanken gemacht hat.


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Obligatorisches Selfie vor einem geschichtsträchtigen Gebäude in Südfrankreich. Die Sonne blendet, der Mistral weht.

Zum Beispiel über Computerspiele. Etwas, das ich zuletzt 1987 (Tetris) und 1994 (Duke Nuke Em) getan habe. Micah liebt Videogames, schaut sich sogar auf YouTube Turniere an oder guckt zu, wie andere spielen. Zum ersten Mal im Leben spiele ich Super Mario und versuche verzweifelt, und unter den Anfeuerungsrufen von Gastsohn- und -vater, ein Monster von einer Bergkuppe zu schubsen. Ich schaffe es irgendwann (Eventuell hat Micah ein bisschen geholfen). Während ich noch jubelstolz meinen Sieg mit Schokolade feiere, hat der Gastsohn Christoph schon mit einem Spiel namens „Superfighter“ angefixt. Es gilt mittels vieler komplizierter Knopf-Kombinationen den Gegner k.o. zu hauen. Ergebnis: Der Gatte möchte jetzt auch einen Playstation-Controller, damit wir gegeneinander spielen können.


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Superfighter – so geht’s.

Micah wiederum sagte neulich zu uns: „Voll komisch, in der Schule dürfen keine Handys benutzt werden.“ An seiner High School in den USA sei es völlig normal, im Unterricht das cell phone am Start zu haben. Das wiederum fanden wir voll komisch (Christoph ist übrigens Lehrer und malte sich wohl gerade in einer Horrorvision aus, wie seine gesamte siebte Klasse whatsappend und daddelnd vor ihm sitzt). Micah fügte hinzu: „Ich höre über mein Handy im Unterricht Musik. Das hilft mir, mich zu konzentrieren.“ Bei Tests müsse man das Handy jedoch wegpacken.


Weitere deutsch-amerikanische Kulturunterschiede entdeckten wir im Backwarenbereich. Eher zufällig fanden wir heraus, dass Micah jedes Broterzeugnis als Toast bezeichnet, sobald es einmal den Toaster verlassen hat. Wir hingegen unterscheiden zwischen Graubrot, Weißbrot, Pumpernickel, Bauernbrot, Paderborner usw., ganz egal wie getoastet die Schnitte auch sein mag. Nur Toast ist auch wirklich Toast. Und zwar schon vor dem Röstverfahren.


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Ständig gibt es Neues zu entdecken.

P.S. Abendliche Gesprächsthemen (Fortsetzung)
Vom Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, Bob Dylan (den Micah nicht kennt und ich nicht mag), korrekte Höflichkeitsformen in Deutsch, Japanisch und Englisch, Faultiere (könnte auch ein Selbstgespräch gewesen sein), Gottesdienst, Austern, Tulpenzwiebeln und Mario Adorf.


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2 Gedanken zu Alles ist Toast

  • Hi, bin gerade über deine neuen Berichte gestolpert! Cool, dass ihr euch wieder für einen Gastschüler entschieden habt.

    Ich wünsche euch ein tolles Jahr und eine entspannt Adventszeit!

    Lieben Gruß
    Stephi

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