März, April

(ein weiterer Nachtrag)

Bald steht Ostern in Deutschland an und eigentlich sollte es jetzt Frühling sein. Eigentlich, weil das Wetter in Deutschland ja immer nur so wage den Erwartungen der Bev ölkerung entspricht. Hier geht es langsam wieder auf den Winter zu. Aber bis ungefähr Mai ist noch Sommer – Glück gehabt. Schlecht allerdings für alle Menschen, die in entlegenderen Regionen Costa Ricas, aber auch ganz besonders Nicaraguas und Panamas leben. Dadurch, dass knapp 5 Monate lang kaum oder gar kein Regen fällt, leiden nicht nur die Menschen,  die von Landwirtschaft leben.

Von roter, trockener Erde zu grünen Bäumen

Würdet ihr 9 h An- (und logischerweise Rück-) reise in Kauf nehmen, für knapp 1 ½ Tage Aufenthalt?

Hätte ich wahrscheinlich auch nicht. Bis vor Costa Rica. Gerade weil mir nicht mehr viel Zeit bleibt (sagte ich schon im März, jetzt haben wir es Ende Mai!), nutze ich alle Chancen die sich mir bieten, das Land noch besser kennen zu lernen. Wer weiß schließlich, wann sich mir nochmal die Chance dazu bietet. Und in Gesellschaft und bei unseren Gesprächen über wortwörtlich Gott und die Welt mit Lena (genau, Pérez- Leni ist gemeint) und meinen anderen Mitfreiwilligen, gehen die langen Busfahrten super schnell rum. Geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid. Und so ging es einen Freitag im März nach Monteverde. (Genauer lässt sich das leider auch nicht spezifizieren, weil ich hier weder einen Kalender habe, noch wie schon erwähnt kein Tagebuch führe.)

Monteverde de Santa Elena ist nicht nur ein Ort inmitten vieler Nationalparks und bekannt für seine Nebelwälder– sondern auch einer der teuersten Touristenorte, an die man überhaupt hier reisen kann. Lonely Planet schreibt, und ich übersetze mal frei:„(…)[Monteverde] ist für Backpacker mit knappem Budget bis hin zu gut ausgestatteten Rentnern. An guten Tagen ist Monteverde eine Inspiration für alle, die von alternativen Energiequellen und organischem Anbau träumen. An schlechten Tagen wirkt es wie Disneyland in Birkenstocks.“

Wir haben uns zu 10. Eine Ferienhütte mit Betten für 8 Leute geteilt. Letzten Endes kam das sogar günstiger, als hätte jeder in einem Stockbett in dem Hostel im Ort geschlafen. Neben wunderbarer Natur und Wanderwegen ist Monteverde bekannt für Canopy. Im Grunde bekommt man dazu eine Gurthalterung ähnlich beim Klettern, einen Helm, Handschuhe und wird an eine bis zu 2 km lange Seilbahn gehängt und angeschubst. Den größten Teil der Strecke in ca 50 m (und mehr) Höhe wird im Sitzen zurück gelegt und man bremst mit dem dicken Lederhandschuh, in dem man den Druck auf das Stahlseil erhöht. Das Allerbeste war der Superman-Flug, der einmalig in Costa Rica nur dort angeboten wird. Wir wurden panza abajo (Bauch unten) am Rücken eingeklinkt und eine Strecke von knapp 1,5 km über den Wald entlang geschickt. Näher kann man dem Gefühl von fliegen kaum noch kommen!

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Adrenalinvollgepumpt und endorphinverschüttend

Am Ende ist im Angebot noch der berühmte Tarzansprung enthalten. Das hätte ich ja ni loca gemacht, bis zu dem Tag. Schon gar nicht als Erste. Ich weiß auch nicht ganz genau was mich geritten hat, aber schwupps stand ich an einem Seil befestigt auf der Brücke und fiel 40 m ins Leere, bis das Seil anfing zu greifen und ich noch ein bisschen ausgependelt bin. Ob ich vielleicht liebevoll geschubst wurde oder selber gesprungen bin, weiß ich nicht mehr. Ganz sicher weiß ich aber noch, wie ich bestimmt 2 Sekunden wie gelähmt meinem Ende mit aufgerissenen Augen und Mund ohne zu Atmen ins Gesicht geblickt habe, bis ich überhaut schreien konnte. Ich wünschte ich könnte behaupten, es wäre ein wilder, abenteuerlicher Schrei gewesen. Freunden zufolge war es mehr ein gefoltertes Heulen. Die Mitarbeiter an der Station müssen auch täglich ihren Spaß haben zu beobachten, wie man noch in der Luft mit den Beinen fuchtelt, als könne man irgenwo in der Luft Fuss fassen.

„Profe“

In der Schule sprechen die Schüler mich mittlerweile manchmal mit „Profe“ (kurzform von Profesor/a bzw. Lehrer/In) an. Lustigerweise bewege ich in meiner Arbeit immer zwischen den Linien von Lehrer und Schülerin, meistens je nachdem wie es in dem Moment besser passt. So korrigiere ich mittlerweile Arbeiten und bewerte Aufsätze, aber wenn die Schüler frei haben, darf ich auch zu Hause bleiben. Ich nehme an Schülraktivitäten teil, aber esse mit den Lehrern zu Mittag. Manchmal sitze ich fast wie eine Schülerin im Unterricht, darf mich aber frei im Büro auch hinter dem Tresen bewegen. Im Grunde nehme ich alle möglichen Vorteile mit. Ansonsten geht alles den gleichen Lauf.

Semana Santa

Die „Heilige Woche“ ist die katholische Osterwoche, in der das Leiden, der Tod und die Auferstehung Jesus Christus gefeiert wird. Insbesondere thematisiert die Semana Santa das Umdenken im religiösen Sinne und den übergang vom alten ins neue Testament. Das Datum variiert von Jahr zu Jahr und kann von mitte März bis Mitte April fallen. Traditionell wird im Kreise der Familie mit viel Essen gefeiert und die täglich von den Kirchen veranstalteten Prozessionen verfolgt. Man isst viel Fisch, da die Kirche den Konsum von rotem Fleisch verbietet und vor allem Thunfisch, da viele Ticos normalen Fisch nicht ausstehen können. Die sprituelle Woche soll dazu genutzt werden um zu beten und sich auf das Wichtigste zu besinnen. Daher wird es nicht gut angesehen, wenn man reist, Alkohol trinkt und feiert.

Die wichtigsten drei Prozessionen

Domingo de Ramos (Sonntag)

Die Ankunft des Propheten in Jerusalem wird gefeiert. Die Menschen ziehen mit Palmwedeln, Blumen und einer Darstellung Jesus Christus durch die Straßen.

Via Cruzes

Die Kreuzigung und Jesus Weg vor seinem Tod werden thematisiert.

El Resucitado

Die Auferstehung Jesus wird dramatisch mithilfe einen durch die Strassen getragenen Glassargs mit Darstellung des Verstorbenen illustriert. Dennoch ist es ein fröhlicher Festzug.

Meine Gastma hat die gesamte Woche gearbeitet und ist am Wochenende zu den Großeltern gefahren. Sie hat mir die Erlaubnis erteilt in dieser Woche meine Reise nach Nicaragua zu legen.

Das Land über Costa Rica

Das Ganze war mehr oder weniger ein ziemlich spontane Aktion. Ich hatte mir nachmittags um 3 in San Isidro das Ticket für den Nachtbus nach Nicaragua gedruckt, der um 24:00 Uhr nachts in San Jose fahren würde. Zu dem Zeitpunkt war ich aber noch 4 h von der Bushaltestelle entfernt. Lotti und Alessio, meine Reisegefährten aus der Gruppe, haben den Bus erst am folgenden Morgen genommen. Dementsprechend war ich nach zermürbenden 9 h in einem völlig unterkühlten Bus und kaum Schlaf schon vor ihnen in Granada, einer Stadt im Kolonialstil etwas unterhalb von der Hauptstadt Managua. Granada ist heiß und sehr schön und hat dreizehnmal so viel Geschichte und Architektur, wie jede costaricanische Stadt die ich kenne.

Den Tag sind wir durch die Stadt gebummelt, haben sie „mit den Füßen“ entdeckt. Abends haben wir in einer überteuerten Bar Moritz kennen gelernt und morgen darauf im Hostel Nils. Die beide sind zwei Deutsche, Abiturienten wie wir, alleine reisend und haben sich uns die folgenden Tage der Reise angeschlossen.

Nach Granada ging es nach Ometepe, eine Insel im größten Süßwassersee Lateinamerikas. Nach Ometepe ging es hin mit einem Boot das aussah wie ein Ponton mit Motor und zurück in einer gefährlich schwankenden Fähre durch deren Fenster aus dem Bootsinneren ich abwechselnd nur Himmel und Meer sah. Andere hingegen sahen schon gar nicht mehr Himmel, sondern nur noch über die Reling gehängt das Wasser.

So wurde unsere Fähre betrieben. Zwischendurch auch ordentlich Wasser aus dem Maschinenraum gepumpt und alles nicht besonders vertrauenswürdig, aber wir sind ja gut angekommen.
So wurde unsere Fähre betrieben. Zwischendurch auch ordentlich Wasser aus dem Maschinenraum gepumpt und alles nicht besonders vertrauenswürdig, aber wir sind ja gut angekommen.

Auf Ometepe gibt es zwei inaktive Vulkane. Bestiegen haben wir keinen. Dafür aber mit einem Taxifahrer für einen Tag einen Ausflug an alle möglichen schönen Orte mit dem krönenden Abschluss eines wunderbaren Sonnenuntergangs gemacht. Den wir übrigens fast verpasst hätten, weil Moritz am Strand einen Spaziergang gemacht hat und ewig nicht wieder aufgetaucht ist.

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wir drei links von AFS, de Rest unsere Mitreisenden
wir drei links von AFS, de Rest unsere Mitreisenden

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Weiter ging es nach San Juan del Sur, aber nur für eine Nacht. San Juan del Sur ist ein stumpfer und uninspirierender Feierort – der Ballermann oder das Lloret del Mar Nicaraguas. Also sind wir am nächsten Tag mit einem (in Deutschland niemals zugelassen wordenen) Taxi an den nächsten Strand gefahren. Es stellte sich heraus, dass es dort nicht so viel zwischen Luxusresorts und Privatgrundstücken gab. Am Ende bekamen wir an der Straße, die nur ein Restaurant und viele kleine Hotels beherbergte, die zwei letzten Zimmer in der günstigsten Unterbringung. Die Tage haben wir eigentlich von morgens bis abends am Strand verbracht und die letzte Nacht sogar auf unsere Betten verzichtet und am Strand geschlafen. Das ist allerdings nicht ganz so romantisch wie es klingt, denn egal  wie ich lag stand die Böe immer so, dass es mir den Sand ins Gesicht geweht hat. Und besonders gut habe ich auch nicht wirklich geschlafen. Aber die Erfahrung war es wert.

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Am Ende der Reise kam es dann noch zum Supergau: 5 Meter vor meiner Haltestelle in meiner Stadt in Costa Rica auf dem Weg zum Bus nach Pejibaye, eine Strecke die ich schon 1000 Mal abends gegangen bin, wurde mir mein Handy geklaut. Es war ziemlich unspektakulär und ich kann es mir auch selber zuschreiben, Musik hörend und Nachrichten schreibend da lang zu gehen. Mir kam halt ein Typ entgegen und – zack – hatte ich nur noch die Kopfhörer im Ohr und er war um die nächste Ecke. Ich fühle mich hier einfach zu sehr heimisch, als dass ich das jemals erwartet hätte. In Panama vielleicht. Auch in Nicaragua. Aber doch nicht in San Isidro! Aber das kann einem ja überall auf der Welt passieren.

Fosforo

Diesen Spitznamen bekam ich auf einem Wochenendausflug mit Jonathan (ein gemeinsamer Tico Freund, Anwalt, 29) und Lena. Wir waren ins Valle Central gefahren, um die zwei Vulkane Turrialba und Poás zu besichtigen. Fosforo bedeutet Streichholz und diesen Namen hatte ich mir leider durch meine Dummheit verdient, Sonnencreme nicht für nötig zu halten, weil es ja sonnig, aber durch den Wind kühl war. Pustekuchen. Ich hatte zunächst ein krebsrotes Gesicht, das sich dann die nächsten Tage nach und nach pellte. Da half auch Aftersun und Aloeveragel nichts mehr.

Volcán Poás
Volcán Poás

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Jonathan und Lena
Jonathan und Lena
Volcán Turrialba
Volcán Turrialba

Ihr könnt drauf wetten, dass ich ganz schön braun gebrannt bin, wenn ihr mich wieder seht. Wahrscheinlich werden ich den deutschen Sommer in langer Hose und Pulli verbringen, so wie ich die temperaturen hier gewöhnt bin. Aber wir wollen es natürlich mal nicht hoffen 🙂

Kleine witzige Anmerkung: Der Vergleich meiner Gastma ihrer beiden Gastkinder (Yannik, Freiwilliger vor 2 Jahren) und ich.Beide mit Friörtalent. Geerbt natürlich.
Kleine witzige Anmerkung: Der Vergleich meiner Gastma ihrer beiden Gastkinder Yannik, (Freiwilliger vor 2 Jahren) und ich.Beide mit Friörtalent. Geerbt natürlich.

 


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