Die Jahresuhr steht niemals still

Puh, knapp eine Woche habe ich jetzt intensiv an den letzten beiden Einträgen gearbeitet. Aber das habe ich euch auch geschuldet. Und mir selbst verschuldet.

Heute habe ich 10 Monate und 1 Tag Jubiläum. In 54 Tagen bin ich schon wieder da.

Noch eine Sache die ich ansprechen möchte, bevor es hier (wieder mit Reiseberichten) weitergeht. Warum scheint es, als würde ich kaum arbeiten? Warum berichte ich fast nur von Reisen?

Was mache ich hier eigentlich / Die kleinen Wunder des Freiwilligendienstes

Vielleicht primär zu meinem Alltag. Nach der Arbeit komme ich zwischen halb 4 und 4 heim, dusche und danach mache ich normalerweise zwei Dinge: Ich bin im Haus oder ich bin im Salon. Die Hauptaktivitäten mit meiner Gastfamilie bestehen aus essen und fernsehen. Manchmal fahre ich um 6 in die Stadt, um Lena zu treffen und um 10 wieder zurück. Das wars. Ich wünschte, ich könnte euch mehr berichten und ich muss auch zugeben, dass mir Freizeitmöglichkeiten unmenschlich fehlen.

Auch an den Wochenende passiert bei mir nicht viel, ausser wenn ich reise. Meine Gastmutter ist alleinerziehend und arbeitet zwischen 6 und 7 Tage die Woche. Wenn wir Sonntags etwas unternehmen, fahren wir manchmal in die Stadt aber auch nicht viel weiter. Schliesslich ist es dann der einzige freie Tag von Roxana und da möchte sie auch entspannen. Mit Recht!

„In Pejibaye ist eine Palme auf die Strasse gefallen“, „ein Pferd hat vor den Supermarkt gemacht“, „In der Bar gabs eine Schlägerei“, „Tante X hat das und jenes über Nachbarin Y behauptet“ und „heute ist der Strom ausgefallen“ würden meine überschriften lauten, wenn ich einen Blogeintrag nur zu meinem Alltag verfassen würde. Nicht so wirklich nennenswert, oder?

Sicher habe die Zweifler hier Recht – in gewisser Weise achte ich natürlich darauf, dass neben der Arbeit auch genug Vergnügen bleibt, unbestritten. Und dass ich viel Urlaub habe, ist auch wahr.

Ich hoffe einfach, dass ihr Spass an all meinen Erzählungen habt, auch wenn ich mich  wahrscheinlich mehr als Entdeckerin und Backpackerin illustriere als als Weltveränderin, Missionarin und vor Motivation strotzende Freiwillige. In meinen 8 (zwischenzeitlich sogar 9 ½) h Dienst jeden Tag vollbringe ich andere Wunder, als man sich das eventuell vorstellt.

Meine Arbeit wirkt eher im kleinen Rahmen. Zum Beispiel zu erklären, dass Amerika und Europa keine Landverbindung haben, Hiter nicht mehr lebt, was man in Deutschland so isst,  was ich für einen Blick auf Dinge habe oder besser es überhaupt noch andere Sichtweisen auf Dinge gibt und dass es gar nicht so unmöglich ist, jemals ausserhalb der eigenen Landesgrenzen zu kommen. Und alleine zu hören, dass ich in vielen Schülern den Wunsch inspiriere, überhalb den Tellerrand gucken zu wollen, macht mich glücklich.

Ich werde niemals Fotosmachend durch die Schule zu laufen und die „armen, ungebildeten Einheimischen“ zu  porträtieren und wie ich ihr „Leben verbessere und die Welt verändere“. Das ist nämlich nicht nur eurozentrisch und respektlos, sondern auch unrealistisch, diskriminierend und nicht meine Meinung bzw. Motivation.

Nochmal zu einem anderen Thema, im Anschluss an meine Reisen nach Panama und Nicaragua. Leider kann ich kulturell kaum etwas berichten, dazu war ich doch zu sehr Tourist und zu wenig Zeit im jeweiligen Land unterwegs. Aber:

Der Kampf ums Pinto

Woher kommt eigentlich das traditionellste Frühstück Zentralamerikas, das Gallo Pinto? (Zu sehen in meinem Blogeintrag Januar, Februar auf Boca Brava.) An sich ist sind es ja nur Reis und Bohnen in einer Pfanne mit Salsa Lizana, Koriander, Paprika etc. vermischt, aber der Streit um den Ursprung des Pintos ist ziemlich real.

Auch wenn in jedem Land, sogar regionsweise das Pinto ganz anders zubereitet wird. Es werden fast schon von Familie zu Familie unterschiedliche Gewürze benutzt und an der Karibik wird es mit Kokosmilch zubereitet und nennt sich „Rice and Beans“. Trotzdem schmeckt es natürlich immer da am Besten, wo man nachfragt. Es mag vielleicht albern klingen, aber das Pinto ist tatsächlich so tief im Alltag und der Kultur Costa Ricas (und offensichtlich der anderen Länder) verankert, dass sogar Kochqualitäten einer Person an der Zubereitung des Pintos gemessen werden. „Mir schmeckt ihr Pinto nicht“, muss nur einmal von jemandem über seine Nachbarin geäussert werden und schon wirkt sich das negativ auf ihre Reputation aus.

Es wird auch immer steif im jeweiligen Land behauptet, das Pinto käme von dort. In Panama war das schon gar keine ernstzunehmende Frage – offensichtlich (!) käme es aus Panama. Auch in Nicaragua und Costa Rica ist mir das Selbe passiert. Im Anschluss auf die Frage wurde sich dann auch immer grossartig darüber aufgeregt, dass die jeweiligen anderen Länder überhaupt Anspruch auf die Erfindung Reis-Bohnen-Gemisch erhoben hätten. Ehrliche Seelen haben mir allerdings ihre Zweifel gesteckt, dass das Pinto vermutlich doch wahrscheinlich aus Nicaragua wäre.

Dieser gesamte Grundkonflikt lässt sich auf die Rivalität der drei Länder untereinander zurückführen. Costa Rica und Nicaragua sind vermutlich verfeindet, seit Costa Ricas nördliche Region, Guanacaste, Nicaragua abgesprochen und Costa Rica zugesprochen wurde. Auch noch heute gibt es etliche (politische) Konflikte unter den zwei Streithähnen.

Auch von Costa Rica südlich wird das Verhältnis nicht umbedingt besser. Die jeweilige Bevölkerung hat insgesgesamt einfach kein gutes Bild vom Nachbarland. So sind Panameños im Volksmund Arbeiter „negrillos“ (von negro, daher eher „schwärzliche“)  und Nicaraguenses „dumm“ und „alle gewalttätig“. Gerade das Image der Nicaraguenses ist angeschlagen. So wurden allein in meiner Zeit hier zwei Mördermassaker mit nicaraguanischen Tätern auf costaricanischem Territorium wochenlang diskutiert. Viele Ticos würden auch nicht nach Nicaragua reisen, partout aus der Angst ausgeraubt oder sogar „umgebracht“ zu werden.

Im Gegensatz wird über die Ticos gesagt, sie seien alle „Schwächlinge“ und „Gays“ (Homosexuelle, soll allerdings eine unpassende Kritik an der Eitelkeit der Ticos sein).
Ihr seht, man diskriminiert sich gegenseitig. Aber natürlich ist das nicht immer die Meinung ALLER. Nur zeichnen sich schon deutliche Muster in der Wahrnehmung der jeweiligen anderen Länder ab, die auch durch Politik und Medien polarisiert werden.

Gerade durch die neue Flüchtlingssituation (Oh ja, hier kämpfen sie auch damit) scheiden sich die Geister ganz extrem an ihrer Meinung zum Nachbarland.

Kurz die Situation ohne grosse Erklärung: Seit dem (umgangssprachlich) „A pie“ („zu Fuss“) Gesetz Obamas, welches durch die politische Annäherung der USA mit Kuba dessen Bevölkerung Visa verspricht, wenn sie über Landweg und nicht Wasserweg in die USA einreisen, kommen massenhaft Menschen an die Grenzen aller zentralamerikanischen Länder. Das Problem ist, dass es „nach oben“ nur einen Weg gibt und daher, um in die USA zu gelangen, alle Länder den Durchgang gewähren müssen. Das passiert natürlich nicht und so hängen tausende von Menschen an der jeweiligen Grenze fest und müssen ausharren, bis sich die Situation ändert.

Das wirkt sich insofern auf den Konflikt zwischen Costa Rica, Panama und Nicaragua aus, als dass Panama viele Kubaner nach Costa Rica gebracht hat, aber Nicaragua die Grenzen seit längerem zuhält. So sitzen viele Flüchtlinge an der Grenze und in Costa Rica fest und sind wahrscheinlich auch vielleicht gar nicht so traurig über diese neue Option. Schliesslich gilt Costa Rica als eines der reichsten und wirtschlaftlich stärksten Länder Lateinamerikas. Das ärgert aber vor allem einen: Costa Rica.

Insofern ist also auch hier nicht alles ‚Pura Vida‘ zwischen den Ländern.

Bocas 2.0

Manche Menschen waren noch nie auf Bocas, auch wenn sie in Costa Rica oder gar in Panama leben. Ich war jetzt schon das zweite Mal da. Das ist ehrlich gesagt ziemlich dekandent, ich gebs ja zu, aber vielleicht versteht ihr mich nach diesem Blogeintrag besser.

Bocas del Toro ist eine Inselgruppe an der Atlantikküste im Norden Panamas, direkt hinter der Grenze zu Costa Rica. Zu Erreichen nur durch eine halbe Stunde Bootsfahrt von dem Festlandort Almirante aus. (Die Anreise dazu findet ihr in meinem Eintrag Januar, Februar.)

Auf Bocas gibt es die Hauptinsel Isla Cólon, die den Grossteil aller Hostels, Bars und den einzigen Bankautomaten der Inseln beherbert. Drum herum liegen drei weitere Inseln mit Unterbringungsmöglichkeiten. Es werden viele Touren angeboten und auch um an Strände zu kommen, muss man ein Wassertaxi nehmen. Was mir bisher jedes der zwei Male auf Bocas passiert ist: Ich hab mir gehörig den Hintern verbrannt. In dem glasklaren Wasser mit tellergrossen Seesternen kann man hervorragen schnorcheln. Und weil die ganze Zeit die Sonne scheint und es heiss ist, vergisst man zu leicht, dass wir auch nach 10 Monaten nicht braun genug sind und es niemals sein werden, um mit 30er Sonnencreme stundenlang im Wasser zu plantschen.

Während ich das erste Mal mit Lena (Panamareisen-Lena) jede Nacht Insel und Hostel gewechselt habe, bin ich mit meiner Mai-Reisegruppe bestehend aus Isabell, Lukas und Pérez-Lena alle drei Nächte auf der Hauptinsel geblieben sind. Aus Zufall haben wir noch AFS-Freiwillige aus Panama getroffen, die zur selben Zeit im Hostel waren. Witziger Weise waren das die selben Mädels, die ich auch auf dem Festival in Ciudad de Panama getroffen hatte.

Was haben wir so gemacht? Ich habe am Strand jonglieren gelernt, wir haben eine Nachttour gemacht und sind mit Glowing Plankton (hatte ich auch schon im Januar, Februar Eintrag von berichtet, aber ich habe es mir nicht nehmen lassen, das nochmal mit den anderen zu erleben) geschnorchelt, in auf Wasser gebauten Bars im Meer schwimmen gegangen und die karibische Landschaft genossen. Aber eigentlich sprechen die Bilder von meiner talentierten Fotografen-Freundin Lena für sich.

Das Highlight waren die selbstgekochten Pestonudeln mit der Guten „Barilla“ grünen Glaspesto (keine Schleichwerbung, nur Verehrung von deutschen Produkten). Die fand ich in der hintersten Ecke des Supermarktes und darauf hin war das unser Abendessen für alle drei Nächte.

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Der Flug vor dem Flug

Eine grosse Neuigkeit, neben der Tatsache, dass ich nur noch 14 Tage arbeite, gibt es noch. Lena (ja, Pérez-Leni) und ich haben uns vor kurzem Flüge nach Guatemala gebucht! So werden wir unsere freie Zeit am Ende vom 28. Juli bis zum 8. Juni noch nutzen, um 10 Tage lang Guatemala zu erkunden. Ich freue mich schon, euch davon hören zu Lassen!


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