Zu Lame

Ich sitze mittags am Küchentisch, schalte meinen Laptop an und versuche das fast schon gewohnte Gefühl, der frisch chlor-gebadeten Finger (Ich wasche Geschirr hier fast immer mit Chlor) zu missachten. Gerade war ich dabei meinen schon lange aufgeschobenen Blog-Artikel zu vervollständigen, da kommt das Lama aus dem Schrank. Ich nehme mit meinen nivea-eingecremten Fingern die frische Tasse Kaffee in die Hand und nippe leicht daran. Es hoppelt langsam auf mich zu. Ich sage: „hast du’s auch mal geschafft?“, ohne damit zu rechnen dass eine Antwort kommen würde. – Ich hatte schon fast vergessen das es da ist. Es war bestimmt über zwei Monate im Schrank und hat keinen Spucker von sich gegeben. Ebenfalls hatte ich damit gerechnet das es mich wie gewohnt anspucken würde, doch das blieb aus. Stattdessen begann es astrein Spanisch zu reden. Ich war kurz verblüfft, dann fing ich an über das Gesagte nachzudenken.

“ Hast du nicht was besseres zu tun als deinen blöden Blog zu schreiben?!“, sagte es mit einem leichten Unterton von Schadenfreude. „Ich… Ich … Ja habe ich aber…“, sage ich leicht stotternd,  verwirrt über die ganze Situation. Noch nie hatte das Lama gesprochen, jedenfalls nicht zu mir. „na alsoooo, dann geh arbeiten!“, sagte es in herrischem Ton.
„Aber ich habe schon so viel gearbeitet und dachte mir ich muss mal wieder einen Blogartikel schreiben damit „Die“ da drüben noch informiert bleibe…“.
„Uuuund?“, unterbricht mich das Lama in herausforderndem Ton,
„Techo lässt nicht auf sich warten! Du bist „Coordinador General“, „Coordinador de Comunicaciones“,  und „Apoyo de Oficina“ wie kannst du es da verantworten mal „kurz“ zu faulenzen und irgendwelchen eurozentristisch Denkenden, unaufgeklärten Wutbürgern die Möglichkeit zu geben noch mehr Vorurteile und Stereotypen zu bilden?!“
„Nebenbei willst du, wenn ich das nicht falsch verstanden habe, dich auf dein Studium in „Kaltland“ bewerben und dein Pseudo-Künstlerdasein verfolgen?!“, Sagt es nun in vollkommen imperativen, militärischem Tonfall.
Perplex sage ich: “ Aber ich… Die sind doch nicht alle… “ “ Und du?“, frage ich um die ausgesprochene Wahrheit zu kaschieren,“Du bist ein Lama, was kümmert dich denn das?“. „Ausserdeeem“, Sage ich, um weiter vom Thema weg zu kommen, “ Seit wann redest du denn in direkter Rede sonst bist du doch immer nur im konjunktiv aufgetaucht?“
„Und du bist ganz schön Lahm wa?“, antwortet es belustigt über seinen Wortwitz, “ Ich rede in direkter Rede seit dem ich Lust dazu habe. und nun: “ Arbeeeitteeeee!!!“ .“

“ Und du bist ganz schön lame (ah)…“, sage ich, mit dem typisch peinlichem Gefühl, das auftritt wenn man versucht einen besonders „coolen“ Spruch rauszuhauen, es einem aber nicht gelingt. „…Sitzt zwei Monate im Schrank und kommst raus wie ein Militär-Oberbefehlshaber.“

“ Dann lad halt einfach ein paar Fotos hoch von den letzten Tagen“, sagt das Lama mit bedrohlich ruhiger Stimme, “ Und fang verdammt nochmal an zu ARBEIIITEEEN“, schrie es nun.
„Wenn du schon dabei bist Vorurteile zu schüren und den Menschen, die ihre Capslocktaste mit einem Briefbeschwehrer bestückt haben,  das Bild des „Südamerikaners“ zu liefern geht das auch einfacher.

Ich versuche einen schon halb resignierten Argumentationsansatz, jedoch merke ich schon mitten im Satz, dass es keinen Sinn hat und der eigentliche Sinn der „Tugend-Predigt“ des Lamas die vermutliche Absicht ist, meinen Computer für illegale Musikdownloads zu nutzen. Darauf hin lade ich resigniert ein paar Bilder hoch, mit dem wirklich schlechten Wissen und Gewissen, dass ich somit wirklich die Vorurteilsbildung aktiv supporte. Ich hoffe einfach auf die utopische Vorstellung, dass die Welt sich bis in zwei Minuten, nach Kant aufklärt… richtig daran glauben kann ich aber nicht.

 


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