Erfahrungen als Gastfamilie

Wir hatten Ende 2014 kurzfristig beschlossen, im Januar 2015 eine Gastschülerin bei uns aufzunehmen. Das haben wir nicht bereut, es wurde ein tolles Jahr.

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Wir leben in Leipzig. In unserer Wohnung gibt es ein kleines Arbeitszimmer. Mit etwas Umräumen und Streichen und ein paar zusammengeborgten Möbeln haben wir es in ein wohnliches kleines Zimmer verwandelt. Die Arbeit haben wir für ein Jahr in eine Schlafzimmerecke verlagert, was zudem auch noch den positiven Nebeneffekt hatte, dass durch die räumliche Beschränkung Unnötiges endlich mal aussortiert wurde.

Unser Gastkind sollte Lydia aus Malaysia werden. Nach Lektüre unserer Familienselbstbeschreibung fand AFS, dass jemand aus Asien gut zu uns passen könnte. Konnten wir uns auch vorstellen. Wir hatten keine Kontakte nach Asien und waren auch noch nie dort. Aber egal, auf ins Abenteuer.

Ankunft

Im Januar kam Lydia dann bei uns an. Wir waren ganz schön aufgeregt, schließlich war es unser erstes Gastkind. Wir haben sie alle gemeinsam vom Bahnhof abgeholt, wo sich auch ein kleines Begrüßungskomitee von AFS versammmelt hatte. Es war sehr festlich und ungeheuer bewegend. Auf dem Weg zu uns nach Hause haben wir versucht, die Stadt mit ihren Augen zu sehen. Wie sie das jetzt wohl empfindet? Im Januar sind schließlich alle Bäume kahl, die Tage sind kurz und unser Haus von außen sehr grau, ein kalter Wind pfiff unter einem grauen Himmel, ein bisschen Müll wehte umher. Beim ersten Kaffeetrinken zuhause haben wir Fotos gemacht, über die wir später manchmal gelacht haben, weil alle so steif und förmlich um den Tisch herum sitzen. Die Förmlichkeit ist nach einigen Tagen völlig verschwunden.

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Deutsch sprechen

Lydia konnte noch kein Deutsch, als sie ankam. Ihre Muttersprache ist aber Englisch, so dass wir uns  problemlos verständigen konnten. Das hat es für uns sicher etwas leichter gemacht. Wenn wir geahnt haben, dass ihr etwas sehr fremd vorkommen musste, konnten wir es immer gleich erklären. Wir hatten uns als Ziel gesetzt, nach ungefähr einem Monat konsequent Deutsch zu sprechen. Aber als die zeit heran war, kam uns das doch irgendwie seltsam vor, die sprachliche Brücke einfach einzureißen. Bei Essen haben wir untereinander ohnehin mehr und  mehr Deutsch gesprochen, auf Drängen unseres 8-Jährigen, der sonst von der Konversation ausgeschlossen war. Nachdem man das Ein-Monats-ziel fallen gelassen hat und die Sache einfach locker angegangen ist, ging es wie von selbst mit der Sprachumstellung. Wir haben gemerkt, dass Lydia immer mehr versteht und deswegen nicht länger außen vor war, wenn wir uns unterhielten. Deswegen haben wir mehr und mehr deutsch gesprochen, so dass sie schneller und schneller lernte. Ich denken Anfang Mai war alles komplett auf Deutsch umgeschaltet. Im August ist mir aufgefallen, dass wir uns nicht mal mehr die Mühe machten, die Endungen nicht mehr zu vernuscheln und mit ihr so sprachen wie wir es untereinander auch tun.

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Schule

Nicht so leicht war es mit der Schule. Da die Leipziger Gymnasien ausgelastet bis auf den letzten Platz zu sein scheinen und die Zeit drängte, haben wir schließlich bei der Schule unserer Kinder angefragt, das Evangelische Schulzentrum, eine private Schule in kirchlicher Trägerschaft. Ich finde diese Schule sehr nett, die Lehrer sind wirklich engagiert. Zum Glück war es für Lydias Familie kein Problem, das Schulgeld zu bezahlen. Weil Lydia 17 war und in Malaysia bereits das Abitur gemacht hatte, wurde sie in die 11. Jahrgangsstufe eingeteilt und konnte sich ihre Kurse wie ein deutscher Schüler wählen. Das Kurssystem und die wechselnden Gruppen sind aber nicht leicht für einen Austauschschüler, das haben wir wirklich unterschätzt. Man steht schließlich in jedem Fach wieder vor einer Wand aus unbekannten neuen Schülern, zwischendurch wechselt man schnell den Raum und so ist wenig Gelegenheit, sich wirklich kennenzulernen. Das fand sie wirklich schwer. Ein paar Freunde hat sie dennoch gefunden.

Sie hat im Unterricht lange nicht mitmachen können. Stattdessen hat sie in dieser Zeit ungeheurer fleißig selbständig Deutsch gelernt. Als sie mir ihre Kurswahl gezeigt hat, habe ich mich gewundert, warum sie Englisch Leistungskurs macht. Aber es zeigte sich bald, dass das eine gute Wahl war. Endlich ein fach, wo sie alles versteht und gut ist! Im Herbst ist sie mit ihrem Englisch-Kurs sogar nach London und Oxford gefahren. Ach lustig, weil es die Rollen wieder so durcheinander wirbelt. Plötzlich war sie die Muttersprachlerin. Die Deutschen haben sie oft vorgeschickt nach dem Motto: „sprich du mal für uns, dann denken die alle, dass wir perfekt englisch können.“

Bewegungsfreiheit

Es war für uns schön, zuzusehen, wie sie sich immer selbstständiger und selbstverständlicher in der Stadt bewegt hat. Am ersten Tag ist sie noch ganz vorsichtig in den Supermarkt gegenüber gegangen. In Malaysia gibt es durchaus Ecken, die man meiden sollte, deswegen hat sie sich natürlich erstmal informiert. Und nachdem wir gesagt hatten, dass es hier in der Stadt eigentlich ungefährlich ist, ist sie in den ersten Tagen gleich gelaufen und gelaufen. Von der Schule nach hause, mehrere Straßenbahnhaltestellen. Der Weg allein mit der Bahn zum ersten AFS-Camp nach Berlin war schon noch aufregend. Aber schon im Sommer ist sie mit einer Freundin quer durch Deutschland nach Belgien und Holland gefahren. Am Ende des Jahres war sie viel unterwegs, hat andere Austauschschüler in anderen Städten besucht und ist viel in der Stadt herumgefahren, ganz so wie ihre deutschen Altersgenossen.

Sommerferien & Urlaub

Im Sommer haben wir sie mit in den Urlaub genommen. 2 Wochen, ein schwedisches Ferienhaus auf dem Land. Es zeigte sich, dass das Konzept „Urlaub auf dem Land“ für Lydia unbekannt war. Auf ihre Frage „was machen wir heute?“ konnten wir meistens nur antworten: „spazieren gehen, lesen, einkaufen, kochen und leben.“ Auch wenn sie das sehr verwundert hat, warum man an einen Ort ans Ende der Welt fährt, um dort lange öde 2 Wochen gar nichts zu machen, hat sie sich drauf eingelassen, so seltsam es ihr erscheinen mochte. Sie hat aber drauf hingewiesen, dass Leute aus Asien das nicht machen würden. Tatsächlich: auf der Insel keine Asiaten weit und breit.  Für uns war es interessant, zu hören, dass ihre Familie im Urlaub gerne für ein paar Tage in quirlige Metropolen fährt. Nur dass man sich danach quasi vom Urlaub erholen muss. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, dass das Konzept vom Erholungsurlaub auf dem Land gar nicht so verbreitet ist wie ich dachte.

Erkenntnisse

Was ihr gefallen hat, war im Grunde diese Freiheit, die durch den funktionierenden öffentlichen Sektor entsteht. Man kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln überall hin, quer durch Europa. Es gibt tolle öffentliche Bibliotheken für jedermann. Die Unis sind weitestgehend kostenlos. Die staatlichen Schulen sind ok. Es gibt wenig Kriminalität. Jugendliche können sich frei bewegen, ohne das sie um ihr Leben bangen müssen. Für uns war das sehr interessant zu hören, worin eigentlich unser Reichtum besteht.

Was ihr nicht gefallen hat, war die Verschlossenheit der Deutschen. Sie fand es schwer, Freunde zu finden. Wenn man hier Passanten auf der Straße anlächelt, überlegen die überrascht, woher man sich kennt. Man geht nicht so aufeinander zu, fremde Leute unterhalten sich hier in unserer Gegend kaum miteinander. Das muss ihr alles sehr unfreundlich erschienen sein. Als sie am Ende des Jahres von ihren Schulfreunden dann doch noch tränenreich verabschiedet wurde, war sie sehr überrascht und auch gerührt.

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Ende und Abschied

Das tolle an der Winteranreise ist, dass man sieht, wie es Frühling, Sommer, Herbst und schließlich wieder Winter wird. Weihnachten ist ein absoluter Höhepunkt, danach reist man bald ab. In den Sommerferien hat man schon ein paar Kontakte geknüpft und kann von der anstrengenden Schule ein wenig verschnaufen, nach den Ferien ist alles leichter.

Lydia hat am Ende des Austauschjahrs ein wenig in der AFS -Broschüre „Tipps für das Leben mit Gastschülern aus Asien“ gelesen. Der deutsche Blick auf Asiaten, sozusagen. In manchem hat sie sich auch ein bisschen wiedererkannt. Was wohl in so einer Broschüre in Asien über uns Deutsche stehen würde?

Der Abschied war sehr traurig. Eigentlich haben wir es gar nicht so richtig hingekriegt, große Abschiedsworte zu sprechen. Wir haben so lange wie Möglich Normalität gelebt und sind dann auf den letzten Drücker zum Bahnhof gehetzt, wo schon der Zug stand. Als wir nach hause fuhren, hatten wir das deutliche Gefühl, das jemand fehlt. Wir haben uns alle in das kleine Zimmer gesetzt. auf dem Bett lag ein Gedicht, das Lydia für uns gemacht hat. Auf Deutsch!

Es handelte von Wasser aus dem Wasserhahn, fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Urlaub auf dem Land und wir mussten alle ein bisschen weinen.

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