Heimwärts

Vom Abschiednehmen und Ankommen

Der Abschied aus Santa Cruz fiel mir sehr schwer. Lange, genauer gesagt bis zum Tag, an dem ich in den Flieger nach La Paz gestiegen bin, realisierte ich nicht, dass ich gehen muss. Nun ja, ich wollte nicht realisieren. Auch in La Paz ertappte ich mich immer wieder beim Gedanken: „Wenn ich wieder in Santa Cruz bin, dann muss ich unbedingt…“ Aber ich sollte ja erst einmal für lange Zeit nicht mehr dorthin zurückkehren.
Meine Familie hatte ein wunderschönes Abschiedsfest für mich organisiert und mein letzter Tag im Projekt war einer der schmerzhaftesten in meinem Leben gewesen.

In La Paz blieb ich eine Woche, traf Gastfamilienmitglieder, Freunde und Mitfreiwillige, bis ich dann nach Santiago de Chile flog. Dort lebt mein Onkel mit seiner Familie und meine Eltern wollten mich dort so zusagen abholen. Wir blieben insgesamt drei Wochen in Chile, machten mit meinem Cousin eine Rundreise in den Süden.
Obwohl Chile wirklich ein sehr schönes Land mit toller Natur ist, ging es mir dort nicht wirklich gut. Chile schien mir so europäisch, so komplett anders als Bolivien, aber ebenfalls anders als Deutschland. Ich gehörte dort nicht her, sehnte mich danach, irgendwo anzukommen und heimisch zu sein. Außerdem hatte ich so viel schon gesehen, dass ich nichts mehr aufnehmen konnte.
Trotzdem war es toll, wieder Zeit mit meinen Eltern, die ich so vermisst hatte, und mit meinem Cousin, den ich nur sehr selten sehe, zu verbringen.

Dann kam ich in Frankfurt an. Meine Freunde standen im Flughafen, sie hatten mich im Juli dort verabschiedet und empfingen mich im Februar wieder. Ich bin so froh, sie zu haben.

Alles anders, alles gleich

Ich bin wieder daheim und war es doch schon die ganze Zeit. Ich habe mich auch in Santa Cruz geborgen und zuhause gefühlt. Ungefähr drei Wochen ist es jetzt her, dass ich meine Füße das erste Mal seit einem halben Jahr wieder auf deutschen Boden gesetzt habe, meine lang ersehnte Brezel gegessen habe und Oma und Opa begrüßen konnte.
Alles ist genau wie vorher und gleichzeitig ist alles anders. Als ich in unser Haus gekommen bin, war ich erstaunt: Ich dachte, ich müsste mich fremd fühlen, aber alles war noch so heimisch. Bis auf eine neue Handcreme im Gästeklo war alles gleich, als ob ich erst gestern das letzte Mal durch die Haustür gegangen wäre.
Dieses Gefühl zieht sich zurzeit durch mein Leben: Als ich meine Freunde endlich wieder in die Arme schließen konnte, war das wie immer. Mit vielen von ihnen fühlt es sich an, als wäre ich nie weg gewesen. Wir können noch immer reden und reden und reden, vertrauen einander alles an, lachen zusammen. Mit anderen fühlt es sich an, als wäre ich nicht nur ein halbes Jahr, sondern ein ganzes Leben weggewesen. Das ist sehr traurig, aber wohl nicht zu ändern.
Ich kenne die Einstellung der Deutschen und ihren Lebensstil in- und auswendig, verstehe, warum wie gehandelt wird und verstehe dennoch nichts mehr. Selbst wenn mir alles so vertraut ist, sind mir viele Verhaltensweisen völlig schleierhaft. Ziemlich oberflächlich hier, so viel Deko und Krimskrams und Mode. Nicht, dass ich mich nicht auch sehr auf meinen Kleiderschrank und mein hübsch eingerichtetes Zimmer in Deutschland gefreut hätte, aber ich weiß, es gibt so viel Wichtigeres. Die deutsche Gesellschaft kommt mir so egoistisch vor.

Ich selbst bin, glaube ich zumindest, immer noch genau die Gleiche und doch eine Andere: Vielleicht erwachsener oder etwas mutiger, ich kann es nicht wirklich benennen. Aber es hat sich etwas geändert in mir.

Ich habe sehr viel mitgenommen aus meiner Zeit in Bolivien, habe verstanden, wie und warum Menschen und Gesellschaften sich in bestimmte Richtungen entwickeln und wie komplex die Zusammenhänge sind. Außerdem habe ich einmal mehr erkannt, was wirklich wichtig ist und dass man oft sehr genau hinschauen muss, um die wahren Ursachen für Handlungen und Entwicklungen zu erkennen. Vor allem die Kinder haben mir auf diesem Gebiet sehr viel beigebracht.
Mir ist es wichtiger geworden, zu reden und auch zuzuhören.

Besonders eindrucksvoll waren für mich meine Erkenntnisse zum Eurozentrismus, also dem „Europa als Maß aller Dinge“, und der Darstellung der so genannten Entwicklungsländer hierzulande. Vor dem Vorbereitungsseminar hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht. Die Berichterstattung über Bolivien und andere Länder suggeriert die angebliche eigene Überlegenheit Europas und Nordamerikas. Ich glaube nicht einmal, dass dies mit Absicht geschieht. Aber es geschieht.

In Deutschland denkt keiner, der an Bolivien denkt, an Gated Communities, wie es sie in Santa Cruz zuhauf gibt. Die Leute stellen sich Lamahirten in bunten Ponchos vor, die irgendwo im Hochland durch karge Landschaften stapfen. Klar, das gibt es, es ist jedoch nicht die ganze Wahrheit.

Nach meiner Rückkehr schaute ich eine Dokumentation über Bolivien an, die meine Mutter für mich aufgenommen hatte. Die Bilder dort waren authentisch, die Szenen laufen genauso in Bolivien ab, es schien nicht gestellt zu sein. Und trotzdem, der Kommentator (der über das Tiefland als „Busch“ spricht) und die Auswahl der Filmsequenzen ließen Land und Leute primitiv erscheinen. Ein indigenes Sonnwendfest in Tiwhuanacu wurde gezeigt, Quinoabauern, die einer alten und winzig kleinen ethnischen Minderheit angehören und alles in Handarbeit machen, Minenarbeiter, die ein Lama opfern und das Blut auf den Grubenzugang streichen– all das findet so in Bolivien statt. Aber es ist nicht der bolivianische Alltag, es ist nicht die Mehrheit der Bevölkerung, die so lebt, es ist eine äußerst einseitige Art der Berichterstattung: Schaut her, wie anders, wie einfach und genügsam. Dass Bolivien auch eine steinreiche Oberschicht hat, wie das Leben in den Städten abläuft,… wurde ausgelassen.

Und das hat mich erschreckt. Auch ich schaue mir solche Dokumentationen an, habe ihnen früher ohne mit der Wimper zu zucken geglaubt. Dass sie allerdings nie die komplette Wirklichkeit abbilden beziehungsweise abbilden können, und in welchem Maße sie Meinungen lenken können, habe ich nie erfasst.

Ein bisschen Heim-Fernweh

An manchen Tagen denke ich kaum an Bolivien und bin wieder völlig im Hier und Jetzt, an anderen stelle ich so vieles in Deutschland in Frage. Ich habe mich wieder an mein Leben hier gewöhnt, trotzdem fällt es mir nicht leicht, wieder Fuß zu fassen.
Bis vor kurzem habe ich mich geweigert, mich mit Bolivien zu beschäftigen. Alles in mir hat sich dagegen gesträubt, einen letzten Blogeintrag zu verfassen, Fotos auszusortieren oder endlich, endlich mein Reisetagebuch zu vervollständigen. Es tat mir einfach zu sehr weh, dass diese Zeit vergangen war, dass ich manche Menschen und Orte, die ich in mein Herz geschlossen habe, vielleicht nie wieder sehen werde. Klar, den Vorsatz, einmal zurückzukehren hat wohl jeder heimgekehrte Freiwillige, ob sich dieser auch umsetzen lässt, ist allerdings eine andere Sache.
Gestern habe ich also endlich die Bilder wieder angeschaut und damit ein Emotionschaos in mir ausgelöst. Die Gesichter und Straßen sind noch so vertraut und heimisch, aber gleichzeitig schleicht sich auch ein anderes Gefühl mit ein: Ich empfinde das, was ich sehe, plötzlich wieder als ein wenig exotisch – und es war doch Normalität für mich. Das schmerzt ziemlich. Auch wenn mir der Name einer Speise nicht mehr einfällt oder ich merke, dass ich mich nicht mehr ganz so gut auf Spanisch verständigen kann, tut das ziemlich weh.
Und ich vermisse meine bolivianische Familie, meine Jungs aus der Aldea, unser Haus in Santa Cruz und meine Mitfreiwilligen.

Und so habe ich Heim- und Fernweh gleichzeitig. Es ist ein bittersüßes Gefühl, weil ich bei meinen Lieben bin und doch nicht bei allen, die mir wichtig sind. Weil alles vertraut und eben auch ganz anders ist als sonst. Weil die Erinnerungen wunderschön sind und doch auch schmerzhaft.
Ich werde Bolivien und die Menschen, die ich dort kennengelernt habe, immer im Herzen tragen, so viel ist klar.

 


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