Schulkrise und Alltag

03.2.2016

Inzwischen sind nicht nur 8 Schulen in der Metropolregion Port Elizabeth im Streik, sondern über 50. Die Eltern blockieren die Zufahrtswege und lassen ihre Kinder nicht in die Schulen, da es an allem fehlt – Lehrer/innen, Räume, Bücher, Bänke…. auf diese Weise will man das Department of Education zwingen, etwas zu tun. Aber bisher geschah nichts.

In meinem Township – Kwa Dwesi – und an der Emafini School – ist die Situation zwar angespannt (es fehlen Bänke, in manchen Klassen sitzen drei Schüler in einer Bank statt zwei) und der vorgegebene Durchschnitt von 40 Schülern wird um 10% überschritten, aber der immer sehr freundliche Direktor scheint die Ruhe selbst zu sein. Ich meine, er vertritt eine Art fatalistische Einstellung, mit der er überlebt und zumindest an seiner Schule versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Wir sprechen über „inclusive education“, in Deutschland ist das ja seit einigen Jahren auch ein großes Thema: Inklusion. Alle Kinder aller Entwicklungs- und Leistungsstufen, ob lernschwach oder hochbegabt oder behindert – in einer Klasse. In Südafrika wird das in allen staatlichen Schulen praktiziert und bedeutet – laut Emafini Direktor – dass fast 50 % der Kinder in irgendeiner Form spezielle Förderung bekommen sollten, gerade in den Townships. Allein in meiner 7. Klasse gibt es Kinder mit sog. Alkoholsyndrom (die körperliche und geistige Entwicklung ist stark verlangsamt), viele Kinder, die ohne Eltern aufwachsen (40% Aids), oft selbst HIV positiv sind (das scheint aber mit neuen Medikamenten im Griff), sehr sehr viele alleinerziehende Mütter. In der nahegelegenen Highschool im Township beenden nur 17% der Kinder, die in die 8. Klasse eintreten, die 12.Klasse, sind also ohne Schulabschluss.

Trotz dieser deprimierenden Fakten tut dies der Atmosphäre an der Schule keinen Abbruch. Die Kinder platzen vor Energie, die meisten sind auch lern- und wissbegierig. Heute mussten alle einen kleinen Aufsatz über ihr Wochenende schreiben- für mich sehr aufschlussreich! Schon muss ich revidieren, dass am Wochenende alle Schwarzen in Port Elizabeth ans Meer gehen – weit gefehlt! Kein einziges Kind aus den vier Klassen fuhr ans Meer (ich hörte inzwischen, dass manche  noch nie am Meer waren!), sondern Samstags wird im Township eingekauft und zu Hause gekocht, gewaschen (u.a. die Schuluniform), geputzt, man besucht Freunde und Verwandte und am Abend wird  viel fern gesehen (alle einschlägigen „soaps“). Mir fällt auf, dass die Mädchen fast ausnahmslos viel Hausarbeit übernehmen, teilweise sogar die Eltern versorgen, aber auch dafür belohnt und belobigt werden.

Der Sonntag ist  heilig –  alle gehen in die Kirche und zwar stundenlang (danach wird wieder lang und viel gegessen) und es wird gefeiert – traditionelle Hochzeitsfeste oder „Initiationsfeste“  über die ein andermal berichtet wird.

Heute gab es übrigens wieder ein anderes Gericht zur Pause: es nennt sich „stiff pap“ und besteht aus Mais, Karotten, Kohl und einer Sauce drauf – alles eine Art Pampe, auf die sich die Kinder stürzen! Es ist vielleicht ihr erstes richtiges Mahl an diesem Tag. Die Küchenhilfe mit ihrem himmelblauen Bottich wird also sehnlichst erwartet und jeder bekommt von einem ausgewählten Schüler sein hellblaues Schälchen serviert, das er ohne Löffel ausschlürft.

P1170022Danach darf ich von den Mädels noch ein paar rötliche „Snacks“ kosten, ziemlich scharf, aber köstlich, und alle freuen sich.P1170035

 


Ein Gedanke zu Schulkrise und Alltag

  • wahnsinnig interessant dein Blog, könnte sogar mich zu einem Blog Anhänger machen. Weiter so und auf bald xxx Cati

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