Ganz schön komisch

Christoph und ich wohnen am Niederrhein und hatten elf Monate eine Gasttochter – Sharon (17) aus Paraguay.

IMG_1213
Mit Arbeitsblättern aus Christophs Schule haben wir Deutsch geübt.


Ich habe länger nichts geschrieben, weil wir drei ein paar Probleme hatten. Die Gründe dafür waren Missverständnisse (sprachlich, kulturell und überhaupt) und unterschiedliche Erwartungen auf beiden Seiten sowie Heimweh. Gemeinsam und mit der Unterstützung unserer AFS-Gastfamilien- und Schülerbetreuerinnen haben wir Gespräche geführt und die Situation geklärt.

Auch das gehört zum Gastfamilien-Alltag. Und es hat uns gezeigt, wie wichtig es für alle Beteiligten ist, (immer wieder) über alles zu reden, und Bedürfnisse, Fragen und Kritik zu äußern.

Dezember
Es gibt kaum etwas, das ich gemütlicher finde als die Weihnachtszeit in Deutschland. Und deshalb durfte Sharon jeden Morgen Schokolade oder Mini-Kosmetika von dm aus ihrem Adventskalender fischen. Ihre Freundin Ana Maria aus Paraguay, die ebenfalls gerade ein Austauschjahr in Deutschland verbringt, hat auch einen Kalender bekommen. Das Prinzip scheint sie jedoch nicht ganz verstanden zu haben. „Ana-Maria hat ihre 24 Schokoladen sofort gegessen!“ berichtete Sharon mir halb lachend, halb empört.

IMG_2312

Wir haben Plätzchen mit unserer berühmt-berüchtigten, umfangreichen Ausstechförmchensammlung und Spritzgebäck gemacht. Wir haben gebastelt (Stroh- und Transparentsterne) und erklärt, was es mit dem Wichteln auf sich hat. Wir probierten Glühwein und Punsch, Raclette und Fondue und verbrachten die Weihnachtsfeiertage mit einem Teil der Familie in Potsdam.

Besonders eindrucksvoll schlug sich Sharon, die beim Deutsch lernen ein bisschen faul geblieben ist, beim abendlichen „Rippel-Tippel“-Spiel. Dabei rufen sich die Teilnehmer gegenseitig mit Sätzen wie „Ich bin Rippel-Tippel Nummer Eins ohne Tippel und rufe Rippel-Tippel Nummer Vier mit einem Tippel.“ Das ist schon für Muttersprachler nicht ohne. Wer sich verhaspelt, erhält mit einem gerußten Korken einen „Tippel“ auf die Stirn. Der Gastonkel hat dabei Nur so viel sei verraten: Sharon war nicht diejenige mit den meisten Tippeln im Gesicht.

Ende des Jahres verbrachte Sharons Freundin Fatima, ebenfalls aus Paraguay, einige Tage bei uns. Höhepunkt für die beiden war es natürlich Silvester zu feiern – zusammen mit gefühlt halb Südamerika – in… Köln. Die Ereignisse haben uns nachträglich einen großen Schrecken eingejagt, aber Gott sei Dank haben die zwei mit ihrer Gruppe nichts davon mitbekommen.

Januar
Wir nutzen unseren letzten Samstag für einen Ausflug ins Haus der Geschichte nach Bonn mit anschließendem Stadtbummel und Schnitzel essen im Brauhaus „Zum Gequetschten“. Nebenan laufen Karnevalslieder; die Prinzengarde kippt ein paar Kölsch. Die schmucken Uniformen und verzierten Narrenkappen sorgten bei Sharon für große Augen.

IMG_2115

Die letzte Woche verbringt Sharon mit Shoppen im geliebten Düsseldorf und ersten Versuchen, all ihre Sachen, die sie in den vergangenen Monaten bereits geshoppt hat, in zwei äußerst große Koffer zu packen. Am Nachmittag textet sie mir: „Annette, hast du die Balance?“ Abends teile ich ihr mit, dass ich zwar keine Balance, dafür aber eine Waage hätte. Mit der wiegt sie ihre Koffer, packt etwas aus, wiegt nochmal, bis irgendwann zwei Mal 23 Kilogramm erreicht sind. Als Konsequenz dieses Prozesses bleiben schließlich ein Kubikmeter Klamotten und sieben Paar Schuhe im deutschen Kleiderschrank zurück.

Am letzten Abend kommen Sharons Schulfreundinnen. Christoph und ich machen Burger für die Mädels aus Paraguay, Irak und Australien. Danach überlassen wir ihnen das Wohnzimmer für ihre Party, die den Geräuschen nach als gelungen bezeichnet werden kann.

Der Abschied ist traurig. Wir vermissen unsere Gasttochter und hoffen, dass sie uns irgendwann besucht. Schön, dass du bei uns warst, Sharon!

Unser Fazit
Es war nicht immer alles positiv. Wie auch? Mit einem Teenager zusammenzuleben ist ja schon eine Herausforderung an sich (zumal wir als Eltern bisher keine Erfahrung vorzuweisen hatten). Für einen Jugendlichen aus einer anderen Kultur gilt das umso mehr. Trotzdem haben wir unser gemeinsames Jahr sehr genossen und es als äußerst bereichernd empfunden. Es hat Spaß gemacht, und wir freuen uns schon auf unsere nächste Tochter (oder Sohn) auf Zeit!

P1100301


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>