Reisen

Wenn einer eine Reise tut…
dann kann er was erzählen. Und da ich nicht nur einmal gereist bin in meiner Zeit hier in Bolivien, habe ich hier ganz schön viel nachzuholen. Mehr noch, weil ich mich wieder einmal so ewig nicht gemeldet habe. Aber meine Tage hier sind ausgefüllt, unter der Woche arbeite ich praktisch den ganzen Tag und auch am Wochenende gibt es grundsätzlich immer etwas zu tun. Die Zeit fliegt, sie rennt mir davon, hängt mich fast ab, so sehr ich auch daran festhalte. Ich fühle mich noch nicht bereit, wieder zu gehen und mein kleines, aufgebautes Leben für immer hinter mir zu lassen, zu glücklich bin ich im Moment hier, zu sehr bin ich angekommen. Schon kann ich meine verbleibenden Wochen in Santa Cruz an einer Hand abzählen. Genau deshalb habe ich mir heute vorgenommen, einen weiteren Blogeintrag zu verfassen, wer weiß, ob ich es sonst noch schaffen würde, hier in Bolivien. Um meine Reisen soll es gehen.
Samaipata – lang, lang ist es her
In dem hübschen Dörfchen relativ nah bei Santa Cruz waren wir am Wochenende, bevor ich mit der Arbeit in der Aldea angefangen habe, also wirklich vor sehr langer Zeit. Samaipata liegt circa 4 Fahrtstunden (ja, in Bolivien ist das wenig) entfernt im Gebirge. Ziemlich viele europäische Auswanderer leben dort, was dem Örtchen einen alternativen Hippiecharme gibt. Unsere Gruppe bestand aus einigen Freiwilligen der Aldea und Gastschülern von AFS.
Am Samstag waren wir bei El Fuerte, einer Ruine aus der Inkazeit, die laut Beschilderung nur 8 Kilometer entfernt ist. Wir beschlossen also, Geld zu sparen und statt im Trufi einfach zu Fuß zu gehen. Wie wir später herausfanden, muss es sich bei der Kilometerangabe um Luftlinie gehandelt haben. So stapften wir also bei sengender Hitze ungefähr 3 Stunden lang bergauf, was ziemlich anstrengend war. Im Nachhinein hat es sich aber wirklich gelohnt, so viel von der wunderschönen Berglandschaft hätten wir im Auto wohl kaum bewundern können.
Am nächsten Tag fuhren wir zu Las Cuevas, Wasserfällen, bei denen man schwimmen kann. Wie schön die Natur hier in Bolivien ist!

 

Lago Titicaca und La Paz – ganz schön hoch oben
Die erste Reise, die ich mit AFS gemacht habe, ging nach La Paz und danach zum Lago Titicaca. Schon allein die Hinfahrt war, zumindest für mich, eine Erfahrung, wenn auch nicht die beste: Ich wurde höhenkrank. Nach der Nacht im Bus, in dem man erstaunlich gut schlafen kann, wachte ich auf und die Schönheit der Landschaft – karge Hochfläche, immer wieder Felsen, Sonnenaufgang – in Kombination mit der dünnen Höhenluft nahm mir erst einmal den Atem. Hinzu kam später noch Kopfweh und Übergeben. Vom ersten halben Tag in La Paz hatte ich dementsprechend wenig. Nachdem ich allerdings ein paar Cocablätter gekaut hatte, ging es mir wieder besser.
Am nächsten Morgen ging es dann los an den höchstgelegenen schiffbaren See der Welt. Riesig ist der Titicacasee, wirkt an vielen Stellen aufgrund der Landschaft fast wie das Mittelmeer…wenn man vom Klima absieht. Wir waren auf der Isla del Sol und auf der Isla de la Luna, die beide eine große Wichtigkeit für die Inkas besaßen. Auch die Stadt Copacabana haben wir besucht. Viel Zeit haben wir zudem auf Booten auf dem Wasser verbracht.
Zurück in La Paz habe ich mit anderen AFSlern aus Santa Cruz das Valle de la Luna besichtigt, bevor ich wieder den Heimweg angebrochen habe.
Mit Maras Familie in Sica Sica – Landleben
Mara, meine liebe Mitfreiwillige aus der Aldea, hat vor kurzer Zeit erst von ihrer Welcomefamily in ihre wirkliche Gastfamilie gewechselt. Diese baut gerade ein Häuschen in Sica Sica, einem Landstrich 6 Stunden von Santa Cruz entfernt. Der Plan ist, dort später Trauben zu produzieren, die Weinstöcke sind schon gepflanzt. Maras Gastpapa fährt fast jedes Wochenende mit seinem besten Freund aufs Land, und an einem Wochenende wurde ich mitgenommen.
Eigentlich ist schon die Busfahrt recht beeindruckend. Auf dieser auf der Karte so kurz wirkenden Strecke (also eben für bolivianische Verhältnisse) ändert sich die Landschaft ziemlich gravierend. Um Santa Cruz und El Torno gibt es eigentlich kaum eine Erhebung, auf der Reise fährt man durch dschungelbewaldetes Gebirge und Sica Sica selbst ist zwar auch bergig, aber das satte Grün wird vom Ocker riesiger Kakteen abgelöst.
Das Haus Maras Familie ist wie gesagt noch im Bau, ein gemütlich kleines, aus Lehmziegeln gebautes Gebäude mit einer Decke aus Schilfrohr. Auch Mara und ich haben mit angepackt, wir haben geholfen, Stromleitungen zu verlegen, haben Trauben vom benachbarten Produzenten sortiert und mit Maras Papa eine Outdoordusche gebaut.
Aber auch das Vergnügen kam nicht zu kurz, wir waren im Fluss schwimmen, haben lecker gegessen, unter anderem angebratene Blüten eines Baumes, und lagen auf einer Picknickdecke im Schatten.
Salar de Uyuni, Potosi, Sucre – der Weg ist das Ziel
Vor einer Woche kam ich von meiner längsten und schönsten Reise zurück. Mit AFS Bolivien haben wir eine Tour gemacht und danach noch einige Tage in den Städten Potosi und Sucre verbracht. Es war wirklich schön, alle Leute von der Vorbereitung wieder zu sehen.

Die AFS-Reise haben wir hauptsächlich im Jeep verbracht, sind querfeldein durch die beeindruckende Landschaft gedüst. Vielleicht hört es sich ein bisschen langweilig an, drei Tage lang im Auto zu sitzen, aber das war es in keinster Weise. So viel Wunderschönes, nie zuvor Gesehenes flog am Fenster vorbei, so gute Gesellschaft hatte ich im Auto. Wir waren zu siebt.
Die ewige Weite des Landes ist unglaublich, und die Diversität kann man sich nicht vorstellen. Die wunderschönen Lagunen mitten im Nirgendwo mit rosafarbenen Flamingos, orangene Sandwüste, riesige Felder mit Felsbrocken, dazwischen immer wieder grüne Oasen mit kleinen Bachläufen, auf denen Lamas grasen. Und dann ist da natürlich noch der Salar de Uyuni, die gigantische Salzwüste. Die Berge, die in der Ferne auftauchen, wirken durch die Spiegelung auf der weißen Salzoberfläche wie schwebende Inseln. Der Salar ist ein Wunder und eine Schönheit!

Nach dieser Reise mit AFS waren wir noch zwei Tage in Potosi, der bisher schönsten Stadt, die ich in Bolivien entdeckt habe, mit ihren bunten Kolonialstilhäusern im Zentrum. Sie war einst die wohlhabendste und wichtigste Stadt der Welt, da der nahegelegene Berg Cerro Rico einen unglaublichen Reichtum an Silber hatte. Mittlerweile sind die Silbervorräte relativ aufgebraucht, aber der Abbau, der schon seit Jahrhunderten andauert, wird fortgesetzt, mit denselben Arbeitsmethoden und –bedingungen. Die Arbeit hat schon vielen Menschen das Leben gekostet, die engen Gänge, die immer wieder einstürzen, von denen keiner weiß, wie viele existieren und wo sie liegen, die Dynamitexplosionen und Handarbeit. Dementsprechend skeptisch war ich also, als meine Freunde eine Tour im Berg buchen wollten. Letztlich bin ich allerdings doch mit, und froh, meine Angst überwunden zu haben. Es ist interessant und erschreckend, wie die Menschen dort arbeiten. Um zum Abbauort zu kommen, müssen sie durch niedrige Gänge laufen und durch enge Löcher kriechen. Viele fangen schon als Kinder an, in den Minen zu schuften. Der durchschnittliche Minero wird aufgrund des Gesteinstaubs und der Chemikalien 40 Jahre alt, wenn nicht vorher ein Minenunglück geschieht. Von denen, die wir getroffen haben, hoffen alle, ihren Kindern eine bessere Zukunft geben zu können.
Nochmal würde ich nicht mehr in den Cerro Rico gehen, zu groß wäre mir das Risiko, dass ich jetzt schon einmal eingegangen bin.

Die nächste Station unserer Reise war Sucre, die konstitutionelle Hauptstadt Boliviens. Die Regierungsgebäude stehen jedoch in La Paz. Für eine Hauptstadt ist Sucre auch sehr gemächlich und klein. Das Zentrum ist komplett weiß. Mächtige koloniale Gebäude ließen mich eher an Paris denken als an Bolivien. Auch hier haben wir eine wirklich schöne Zeit verbracht, natürlich nicht, ohne Boliviens beste Schokolade zu probieren. Sehr, sehr lecker, aber mit Milka und Ritter Sport kann einfach nichts mithalten.
Bilder aller Reisen folgen noch, mein Blogeintrag ist schon so lang
Was ich die letzten Wochen hier noch treiben werde
Auch wenn ich praktisch keine Zeit mehr hier habe, habe ich noch ziemlich viel zu tun. Arbeiten und meine Zeit mit den Jungs auskosten kommt natürlich an erster Stelle, ein Pfadfinderlager steht an, über die Wochenenden an Weihnachten und Neujahr werde ich jeweils mit meiner Familie verreisen, ich muss mich noch verabschieden… Es gäbe noch so viel, das ich mir vorgenommen habe für meine Zeit hier, was ich mir einfach aus dem Kopf schlagen muss. Aber all die Sachen, die ich nicht gesehen und gemacht habe, geben mir mehr Grund, wieder zurückzukommen, irgendwann. Sei es für kurze Zeit auf einer Reise oder auch für etwas längere.
Anfang Januar werde ich dann voraussichtlich mit den anderen Santa Cruz Freiwilligen nach La Paz fahren, wo die ihr Midstaycamp haben, und dort noch einige Tage verbringen. Von dort geht es nach Santiago de Chile, wo mein Onkel lebt und ich meine Eltern treffen werde, die mich sozusagen abholen. Wenn alles nach Plan läuft, lande ich am 5. Februar wieder auf deutschem Boden. Verrückt, wie die Zeit rennt. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich meine Daten für den Hinflug bekommen habe, wie ich in Panik in Tränen ausgebrochen bin. Und jetzt, beim Lesen der Mail mit dem Rückflugdatum, musste ich mich genauso zusammenreißen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>