Unperfektion

 Liebe Freunde, Verwandte und Bekannte,

Das hier ist mein erster Blogeintrag nach nunmehr drei Monaten in Peru. Ich schreibe meinen ersten Eintrag so spät weil ich in das Leben hier eingetaucht bin und meine Zeit mit anderen Dingen, als dem Schreiben verbracht habe. Ich möchte euch hier näher bringen was ich in meiner bisherigen Zeit hier erlebt habe, wie es mir dabei ergangen ist und wie mein Alltag hier aussieht. Entschuldigt bitte, dass die Fotos so ungeordnet sind, ich werde das vielleicht in den nächsten Tagen ändern.

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Meine Stadt

Ich lebe in der Küstenstadt Trujillo ( https://en.wikipedia.org/wiki/Trujillo,_Peru ), die zwölf Busstunden nördlich von Lima liegt. Das heißt, ich wohne relativ äquatornah. Das Wetter ist dementsprechend warm und die Flora und Fauna ungewohnt für mich. Es ist oft bewölkt wobei es nie regnet. Auf den Straßen herrscht ein geordnetes Durcheinander. Wer mit dem Bus fahren will muss sich an den Straßenrand stellen, wenn der Bus kommt, die Hand heraushalten und wenn der er dann für einige Sekunden hält, schnell einsteigen. Man kann aber auch gut und günstig mit dem Taxi fahren. Man hört das Hupen der Autos in jedem Winkel der Stadt, oder das schrille Hupen der Brotverkäufer, die morgens um 7 lautstark ihr Produkt bewerben. In Lima, der Hauptstadt Perus, ist der Verkehr vollgestopft und stockend. Hier in Trujillo geht es voran und man kommt gut von A nach B.

Straßenhunde gibt es auch viele. Man gewöhnt sich an den Anblick der teilweise leidenden Individuen. Manchmal hält mich das Bellen der Hunde wach. In manchen Straßen liegt stinkender Müll weil die Müllabfuhr nicht kommt. Man kann in vielen Gesichtern Armut und ein Leben voller Körperlicher Arbeit sehen. Auf der anderen Seite hat sich Peru in den letzten Jahren wirtschaftlich entwickelt und die Globalisierung hat auch hier Einzug gehalten. Ich bin zum Beispiel oft mit meinen Freunden in einer der beiden shopping Malls der Stadt wo man sich alles kaufen kann, was manche als westlichen Lebensstandard bezeichnen würden.

Zum Shoppen kann man auch einen der Märkte besuchen, wo man von garantiert nicht gefälschten Markenklamotten bis hin zu Früchten alles kaufen kann. Auf dem „Mayorista“, einem Markt, der zentrumsnah liegt, kaufe ich mir regelmäßig meine Haferflocken, Bananen und was ich sonst noch brauche. Stinken tut es hier in der Fleischabteilung. Und wem sein Handy geklaut wurde findet es hier auch wieder.

Das Stadtzentrum ist nicht schön und auch nicht hässlich. Es gibt einige Kolonialbauten, Klamottenläden, einen McDonalds, eben alles was man von einer Stadt mit 700.000 Einwohnern erwarten kann. Es gibt auch einige Kirchen, meist voller Menschen. Ständig finden Gottesdienste statt und der Katholizismus ist auch im Alltag präsent. Hier gibt es viele (zu) kleine Parks von denen einige Sport- und Spielanlagen haben.

Einen nahegelegenen Strandort namens Huanchaco gibt hier es auch. Der Ort ist ideal für Surfer und so tummeln sich dort Menschen aus allen Teilen Welt um Wellen zu reiten, oder einen alternativen Lifestyle zu leben. Am Wochenende kommen die Trujillenos, die Städter, zum Strand.

Trujillo ist ideal für mich zum leben, weil die Stadt alles bietet, was eine Großstadt zu bieten hat, aber nicht zu groß ist und weil die Stadtteile in denen ich mich aufhalte verhältnismäßig sicher sind.

Meine Arbeit im CEBE Tulio Herrera Leon

Ich wohne und arbeite in einer Schule für Behinderte Kinder und Jugendliche. Sie heißt CEBE (Centro Educación Basic Especial) Tulio Herrera Leon. Die Schule hat 95 Schülern mit Autismus, (schwerst) mehrfach Behinderungen oder einfach nur Lernschwächen. Außerdem bietet die Schule Werkstätten an, an denen 45 Personen mit Behinderungen teilnehmen. Es gibt zum Beispiel eine Massageklasse. Das Kollegium besteht aus 21 Lehrerinnen und Angestellten wie die Sekretärin, Elizabeth oder die Putz- und gleichzeitig „Koch“-kräfte. Ich arbeite in einer Klasse für Behinderte Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren, bestehend aus 7 Jungs. Die Mehrheit besteht aus Autisten und zwei sind „einfach nur“ geistig eingeschränkt. Außerdem sind drei von den Jungs blind bzw. einer (Leonardo) sieht nur wenig. Ich arbeite in dieser Klasse mit der Lehrerin, Roxana und einer anderen Freiwilligen aus Deutschland, Margarete, zusammen, wobei Margarete teils bei uns und teils in einer anderen Klasse arbeitet.

Wir machen mit den Jungs einfachste Grundbildung. Hier ein normaler Tag mit unseren „Chicos“:

Um 8:00 beginnt mein Arbeitstag und langsam trudeln die Jungs ein – pünktlich sind die Wenigsten. Es ist von Tag zu Tag unterschiedlich wie viele zum Unterricht kommen. (Alle sind es in meiner Zeit hier bisher noch nie gewesen.) Sobald der erste oder die ersten Jungs in der Klasse sind beginnen wir mit der „Oración“, dem Gebet. Die Jungs kreuzigen sich, sprechen das Vater unser, singen ein Ave María und kreuzigen sich erneut. Nach dem Gebet setzen wir uns an den Computer um zwei, höchstens drei Lieder zu hören und zu singen. Die Lieder wechseln jeden Monat, passend zum Unterricht und zu den Festtagen des Monats. Im Oktober haben wir bspw. die Música Criolla gefeiert. Hier ein Link zum Anhören: https://www.youtube.com/watch?v=9Wn_A_tjv9g . Danach fragen wir die Jungs wer heute zur Schule gekommen ist. Sie müssen dann ihr Foto an die Tafel kleben und sagen wer nicht zu Schule gekommen ist. Nach den Fotos machen wir den „Calendario“. Die Jungs zählen die Wochentage auf, nennen den heutigen Tag und benennen die Wetterlage. Diesen Ablauf wiederholen wir täglich mit den ersten Jungs. Es ist wichtig für sie den Tag – sollten sie pünktlich kommen – immer gleich zu beginnen.

Nachdem der Morgenroutine, beginnen die Jungs mit ihren eigentlichen Aufgaben. Sie arbeiten, je nach Lernpotential, mit Kügelchen, Flaschendeckeln oder z.B. Formen. Hierbei variieren wir die Aufgaben immer ein bisschen, ebenso wie es der Lernfortschritt oder Lernplan verlangt. Für die „Chicos“ ist es wichtig ihre Feinmotorik zu schulen und einfache Vokabeln wie bspw. Farben zu erkennen und zu benennen (sofern sie nicht blind sind). Wenn zum Beispiel Guillermo jeweils eine Kugel nach der anderen in die Dose tun soll, kann es vorkommen, dass er nach dem ganzen Haufen greift, ihn verrührt und anschließend versucht mehrere Kugeln auf einmal in das für eine Kugel vorgesehene Loch zu stecken. Andere Jungs können selbstständiger arbeiten wie zum Beispiel Sebastian, der gerne Kügelchen als Kette auffädelt und dabei die zur Kugel passende Farben nennt.

An zwei Tagen in der Woche machen wir „Educación fisica“- also Sportunterricht- mit den Jungs, um sie ein wenig auszulasten und in Form zu bringen. Wir laufen einige Male hin und her, machen einige Übungen und laufen im nochmals, aber dieses Mal im Kreis und intensiver. „Educación fisica“ ist nicht immer einfach, je nachdem mit welchem der Jungs man arbeitet ist es eher eine Sportstunde für einen selbst. Viele wollen einfach keinen Sport machen und so müssen wir ihre Arme hochheben, sie bei den Sit-Up´s unterstützen oder sie beim Rennen hinter uns herziehen. Leonardo und Jeancarlo schreien viel wenn sie zusammen sind, so auch beim Rennen. Das nervt mich (besonders wenn man zwischen den beiden läuft) aber vor allem ist es ungesund für ihre Atmung. Wir wollen nicht, dass sie Seitenstiche bekommen. Deshalb müssen uns darum bemühen die beiden möglichst still zu halten. Der Sportunterricht dauert nicht länger als 30 Minuten und findet immer vor der Pause und dem Essen statt.

Um 10:00 ist Pause bis 10:30. In der Zeit muss das Essen geholt werden. Zudem müsse die Wannen zum Spülen mit Wasser befüllt werden. In der Zeit organisiert eine Person das Essen und die anderen passen auf die Jungs auf. In der Pause beobachten wir die Jungs ständig. Wir müssen aufpassen, dass Leonardo und Jeancarlo nicht zu ruppig miteinander toben und außerdem nicht zu viel Lärm machen. Leo fasst gerne Füße der kleinen Kinder und anderen Menschen an und er und sein bester Freund Jeancarlo hauen gerne Autos. Guillermo rennt manchmal, nach Essen suchend, durch die Schule, weil er Hunger hat; verständlich so kurz vor dem Essen. Meistens setzen wir ihn- oder er setzt sich- zu Beginn der Pause auf einen Stuhl wo er dann sitzen bleibt. Sebastian macht gerne Sachen kaputt, zerreißt zum Beispiel Blumen oder entfernt Dekorationen für Festigkeiten der Schule. Man kann ihn davon ablenken indem man mit ihm etwas Ball spielt oder tanzt.

Nach der Pause waschen sich die Jungs die Hände, nehmen sich ihre Essensunterlagen und setzen sich auf ihren Platz. Wenn alle sitzen kreuzigen sich alle Jungs einer nach dem anderen, bedanken sich bei Gott für das Essen, und kreuzigen sich erneut. Danach wird ein Essens-Lied gesungen und wer nicht richtig mitmacht bekommt seinen Teller erst wenn er nochmals, richtig singt. Nach dem Essen, welches in der Schule für alle Schüler vorbereitet wird, essen einige Jungs noch ihr Lunchpacket, allerdings müssen sie zuvor Geschirr abwaschen. Wer fertig ist mit dem Essen geht Zähne putzen.

Nach dem Essen- manchmal auch schon davor- beginnen wir mit Arbeitsblättern zu arbeiten. Es handelt sich um Zettel zum Ausmalen mit einfacher Sprache zu verschiedenen Themen, bspw. Formen (Dreieck, Viereck etc.), Tiere oder Krankheiten und ihre Vorbeugung. Einige Zettel werden ausgemalt entweder mit Wachsmalstiften, normalen Stiften oder Temperafarbe, oder die Jungs machen Kügelchen aus Papier oder Papierschnipsel und kleben diese anschließend auf das Arbeitsblatt. Vor dem Malen lesen wir zudem was auf dem Blatt steht und erzählen ihnen etwas über den Inhalt und wiederholen dies auch mehrmals, denn unsere Schüler lernen durch Wiederholung. Ihnen etwas zum Bild zu erzählen fiel und fällt mir immer noch sprachlich schwer. Ich kann zwar schon deutlich mehr artikulieren als vor drei Monaten aber es fehlt noch viel.

Es gehört auch zu unseren Aufgaben die Arbeitsblätter vorzubereiten, indem wir sie vom Original abpausen; einen Kopierer hat die Schule nicht. Des Weiteren müssen wir für die Sehbehinderten Jungs die Bilder mit Silikon nachmalen, sodass sie die Konturen erfühlen können. Außerdem schreiben wir die Texte in Blindenschrift nach. Es ist nicht schwer die Blindenschrift schreiben zu lernen. Ich nehme aber immer auch ein Alphabet hinzu, um keine Fehler zu machen.

Um zwölf Uhr beenden die Jungs ihre Aufgaben und dürfen an den Computer oder an das Radio. Sie hören Musik, spielen Spiele am PC oder schauen Videos. Seit einigen Wochen spiele ich mit den Jungs Gitarre. Ich greife die Akkorde und sie spielen die Seiten. Die Gitarrenklasse bereitet mir viel Freude, weil ich dadurch meine Beziehungen zu den Schülern intensivieren kann. Durch die Musik kommuniziere ich auf einer sehr menschlichen Ebene mit ihnen.

Die Chicos, kurz vorgestellt.

Die Jungs haben ganz unterschiedliche mentale Niveaus, Fähigkeiten und eben auch Einschränkungen. Ich möchte euch über jeden einzelnen etwas erzählen.

Guillermo (19) ist ein Autist mit Entwicklungsverzögerung (Entwicklungsretardierung -> https://de.wikipedia.org/wiki/Entwicklungsretardierung ). Er kann nicht sprechen, sondern nur unverständliche Laute von sich geben, was die Kommunikation mit ihm erschwert. Ich stelle es mir als sehr schwierig vor in einer Welt ohne Sprache zu leben, in der man alles anders kommunizieren muss. Wenn Guillermo beispielsweise auf die Toilette muss oder ihm zu warm ist, schreit er, schüttelt kräftig und schnell den Kopf, rennt durch die Klasse oder greift nach einem, sodass es weh tut. Wenn Leonardo und Jeancarlo Lärm machen reagiert er ebenfalls empfindlich. An manchen Tagen nimmt dieses Verhalten Überhand. Eine Methode ihn zu beruhigen ist es mit den Flur rauf und runter zu rennen. Manchmal wissen wir einfach nicht was er hat, warum es ihm schlecht geht. Es kommt manchmal vor, dass er weint. Er kann auch sanft gestikulieren, indem er einem die Hand gibt und einem dabei in die Augen schaut. Mit Guillermo zu arbeiten ist je nach seiner Laune einfach oder schwierig. Man muss in jedem Fall das meiste selbst machen, denn sein mentales Niveau ist sehr schwach. Wir versuchen seine Hände immer so weit in die Arbeit zu involvieren, dass er den Ablauf, die Motorik halbwegs verstehen kann. Zudem braucht Guillermo jeden Tag einige Zeit lang seinen Rosenkranz mit dem er herumspielt. Wir geben ihm diesen, wenn er eine Aufgabe beendet hat oder wir mit den anderen Jungs arbeiten müssen. Guillermo isst gerne, hat auch etwas mehr auf den Rippen, und ich sehe es ungern wie er das Essen teilweise ganz ohne Kauen herunterschluckt. Ich vermute, dass es ihm auch deshalb oft so schlecht geht wegen seiner Gesundheit, seines Magens und seines Essverhaltens.

Jeancarlo hat eine Entwicklungsverzögerung, aber keinen Autismus. Er ist außerdem blind und auditiv eingeschränkt. Er kann, im Vergleich zu den anderen Jungs, erstaunlich gut selbstständig arbeiten. Er beklebt zum Beispiel die Arbeitsplätter ohne Unterstützung mit Papierschnipseln. Jedem anderen Chico muss dabei geholfen werden. Und auch mental ist er der Weiteste. Er kann bis 30 zählen und Blindenschrift lesen- zumindest die Buchstaben. Seit den letzten Monaten versuchen wir ihm das Silbenlesen beizubringen, mit mäßigem Erfolg, da er nicht regelmäßig zum Unterricht erscheint. Grundsätzlich ist Jeancarlo ein sehr umgänglicher Schüler. Seine einzige schwierige Angewohnheit ist es Lärm zu machen, z.B. auch in Form von auf Tische oder Autos hauen. Jeancarlo ist schon 20 Jahre alt, was bedeutet, dass er nächstes Schuljahr, beginnend; Anfang März, zumindest offiziell nicht mehr in unsere Klasse kommen darf. Das betrifft auch Leonardo, der ebenfalls 20 Jahre alt ist. Jeancarlo kann voraussichtlich im nächsten Schuljahr in der Kunstklasse der Lehrerin Victoria arbeiten, weil er so selbständig ist. Was Leonardo (=Leo) betrifft sieht die Sache leider anders aus.

Wie Jeancarlo auch ist Leo kein Autist, sondern entwicklungsverzögert, jedoch stärker als Jeancarlo. Er ist ebenfalls visuell eingeschränkt, kann aber Kontraste und auch Farben erkennen. (Seine Ohren funktionieren normal). Es ist anstrengend mit ihm zu arbeiten, weil es ihm schwer fällt sich zu konzentrieren. Er ist schnell abgelenkt und provoziert auch gerne. Ich muss mich, wenn ich mit ihm arbeite, oft daran erinnern ruhig und bedacht zu bleiben. Wenn man sich hingegen mit Leonardo einfach so unterhält, kommt seine witzige und auch einfühlsame Seite zum Vorschein. Es macht Spaß mit ihm zu scherzen und er sorgt sich um einen wenn man einmal krank oder müde ist. Er ist der einzige Junge aus der Klasse, mit dem man Gespräche führen kann. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er nächstes Jahr in die Schule kommen kann, weil es in Peru für Menschen wie ihn kaum bis keine weiterführenden Institutionen nach der Schule gibt.

Eliú ist der jüngste (12) und schwierigste Chico. Er ist Autist und blind, und sein mentales Niveau ist sehr schwach. Er kann zwar sprechen, jedoch nur das nötigste und es kommt einem so vor als wolle er Patou nicht lernen. Er kommt leider nicht oft genug in die Schule, sodass wir nicht wirklich mit ihm vorankommen. Wenn man beispielsweise mit Kügelchen arbeitet, so muss man ihn nach ca. jeder fünften Kugel aufstehen lassen und eine Runde um die Tische drehen lassen. Wenn man mit ihm Arbeitsblätter machen will muss man dabei immer eine CD abspielen mit einem seiner zwei Lieblingslieder.

Erik ist in meiner Zeit hier bisher noch nie erschienen, weil seine Mutter eine Operation hatte. Sie muss immer im Unterricht dabei sein, damit er arbeitet und nicht aggressiv wird. Hoffentlich erscheint er nächstes Schuljahr.

Kevie ist Autist mit dem ich bisher auch noch nicht arbeiten konnte, aber nicht weil er nicht gekommen ist, sondern weil er nicht mit mir arbeiten will. Die Lehrerin Roxana hat ein Jahr gebraucht um Kevie dazu zu bringen mit ihr zu arbeiten. Obwohl er in dieser Hinsicht sehr „abweisend“ ist, ist er durch und durch freundlich. Er kommt stets mit einem Lächeln, fast Lachen, auf dem Mund und hohe Piepstöne von sich gebend in die Klasse. Er spielt immer mit einem Rosenkranz und einer schwarzen Kugel. Ich würde gerne in Zukunft einmal mit ihm arbeiten, weil mich seine Verhaltensweisen sehr interessieren.

Sebastian (14) ist Autist und hat sich in letzter Zeit große Fortschritte gemacht. Es ist einfach mit ihm zu arbeiten, weil er motiviert ist und schnell lernt. Er ist sehr emotional und liebt es, wenn man mit seiner Aufmerksamkeit bei ihm ist. Seine emotionale Seite kann auch schwierig werden und man muss ihn immer ein bisschen auf Abstand halten und auch ab und an streng mit ihm werden. Er hat einige Ticks, zum Beispiel steckt er sich Sachen in den Rucksack, wenn man nicht aufpasst, und nimmt sie mit nach Hause. Außerdem liebt er alles was Fäden hat und was er zerreißen kann, wie Schals oder Handtücher, Klamotten oder Papier. Temperafarbe fasziniert ihn auch ganz besonders, sodass Acht geben muss, dass er nicht mit seinem Finger die ganze Farbe aus der Tube holt.

Insgesamt ist es nicht immer einfach mit den Jungs zu arbeiten, insbesonders nicht wenn viele kommen. Auf der einen Seite freut man sich wenn der Tag deshalb nicht so anstrengend wird weil wenige Chicos da sind, aber auf der anderen Seite wünscht man sich, dass die, die selten kommen etwas häufiger erschienen, damit sie mehr Fortschritte machen könnten. Mir sind die Jungs und die Schule in den letzten Monaten sehr ans Herz gewachsen. Die Atmosphäre im Kollegium ist sehr familiär, ich arbeite gerne hier, aber genieße auch…

Meine Freizeit!

Zu Beginn meines Aufenthaltes hier hatte ich sehr wenig Freizeit, weil ich an jedem Wochentag Spanischkurs hatte, für drei Stunden. Das hat sich zum Glück mittlerweile geändert. Ich habe mehr Zeit das zu machen was ich machen will. Ich habe mittlerweile gute Freunde gefunden mit denen ich viel unternehme. Wir gehen ab und zu auf Party, setzen uns gerne in Cafés, oder wir treffen uns bei Freunden von Freunden von Freunden und so lernt man immer neue Leute kennen. Die Peruaner in meinem Alter sind nett und offen und, gerne etwas frech und langsam sinkt auch die Sprachbarriere und ich verstehe ihre Gedanken, Witze und Sorgen.

Ich habe vor einem Monat mit Yoga angefangen. Jeden Dienstag, Freitag und Sonntagmorgen mache ich Yoga. Ich liebe Yoga deshalb weil ich merke wie gesund und kräftig mein Körper davon wird und wie es meine Meditation vertieft. Die Yogastunden sind zum Highlight meiner Woche geworden.

Wie schon erwähnt wohne in meiner Schule in einer „WG“ mit zwei Frauen, einer ehemaligen Nonne, Carmen Rosa, die schon in Rente ist, aber bei Schulleitungsaufgaben assistiert und Yesenia, einer Lehrerin. Die beiden sind wirklich wunderbar und ich genieße es sehr hier zu wohnen. Da ich keine Gastfamilie im herkömmlichen Sinne habe, habe ich viele Freiheiten und muss mich, bei meiner Freizeitgestaltung, an niemandem orientieren. Falls ich jedoch jemandem zum Reden brauche kann ich mich immer an die beiden wenden und sie helfen mir auch sonst immer weiter. Mein Zimmer ist nicht groß und auch nicht klein. Einiges habe ich mir selbst angeschafft wie meinen Kleiderschrank oder einen kleinen Teppich. Zu Beginn hatte ich sehr wenig Platz, weil zwei Betten in meinem Zimmer standen. Mittlerweile habe ich es mir bequem eingerichtet. (Nur ein Schreibtisch fehlt, aber ich kann mich ja in jedweden Klassenraum setzen).

Ich habe auch schon einige Ausflüge unternommen. Ich habe zwei Ausgrabungsstätten besucht, Huaca de la Luna ( https://de.wikipedia.org/wiki/Huaca_de_la_Luna ) und Chan Chan ( https://de.wikipedia.org/wiki/Chan_Chan ) und ich war in den Bergen in einem Touristenstädtchen namens Otuzco ( https://es.wikipedia.org/wiki/Otuzco gibt es nur auf Spanisch).

 

Unperfektes Zwischenfazit

An meinem Projekt gefällt mir, dass ich das Gefühl habe etwas Nützliches und Gewinnbringendes zu tun. Viel wesentlicher erscheint mir jedoch was ich für mich selbst lerne und dabei mitnehmen. Die Arbeit mit Autisten und beeinträchtigten Menschen hat mir in den letzten Monaten immer wieder vor Augen geführt wie unperfekt das Leben ist. Es gibt immer irgendetwas, das nicht ganz rund läuft. Es berührt mich immer wieder wie eingeschränkt manche Kinder hier sind. Einige werden nie laufen können und bei anderen weiß man nie ob sie morgen noch leben. Vergangene Woche ist ein Junge, einer anderen Klasse nachts verstorben. Ich realisiere auch, dass egal wie sehr ich mich auch bemühe, doch nur sehr wenig für meine Jungs machen kann. Wenn sie älter sind wird es keine Institutionen für sie geben, zumindest keine bezahlbaren und so werden sie vieles von dem, was sie in meinem Jahr hier gelernt haben auch wieder vergessen. Eine bittere Wahrheit, die mir oft schmerzlich vor Augen geführt wird, wenn ich mit solchen Menschen arbeite ist, dass das Leben wirklich, wirklich! , wirklich! nicht fair ist und ich mich sehr glücklich schätzen kann. Da erhält das Wort Chancenungleichheit gleich ganz neue Dimensionen. Niemand wünscht es sich solche Kinder zu bekommen!

Aber die Eltern tragen ihr Schicksal. Einige bekräftigt es solch ein Kind zu haben, andere zieht es herunter. Dabei kommt es auch immer darauf an wie eingeschränkt das Kind ist. Mit manchem kann man einfacher fertig werden als mit anderem. Ich finde mich tagtäglich in dieser Realität wieder und sehe zu wie sich meine Vorstellung des Begriffs Menschlichkeit ausdehnt. Ich sehe Verhaltensweisen, die sich mir nicht erschließen und ich sehe Verhaltensweisen von Autisten, die ich selber ein Stück weit verinnerlicht habe.

Vielleicht wird meine größte Lektion hier sein, den Jungs egal wie nervig sie auch manchmal sein mögen, Ruhe, Zuneigung und Aufmerksamkeit zu übermitteln. Was das anbelangt bin ich jedenfalls noch weit von Perfektion entfernt, aber versuche ihr jeden Tag ein kleines Stückchen näher zu kommen.

Ich sehe meinen Freiwilligendienst hier in Peru als große Chance mich persönlich weiterzuentwickeln und neue Erfahrungen zu sammeln.

Ich danke allen die mir dabei geholfen haben diesen Freiwilligendienst leisten zu können. Danke, Mama, Sascha, Mitja, Oma und Britta und Thierry für eure finanzielle Unterstützung! Und auch sonst habt ihr mich in den letzten Jahren immer wieder unterstützt, ihr habt mich beflügelt wenn ich träge war und mich geerdet wenn ich abhob. Ich danke insbesondere auch den Lehrern der Freien Waldorfschule Bremen Osterholz und des Schulzentrums Findorff. Heute sehe ich Eure/Ihre Bildung als ein großartiges Geschenk. Außerdem danke ich dem AFS für diesen Platz in diesem wunderbaren Projekt. Und ich danke allen fleißigen Bienchen des AFS, dafür, dass ihr im Hintergrund Flug, Projekt, Seminare, Unterkunft, Finanzen etc., etc. organisiert. Ihr seid großartig!

 

Saludos cordiales, herzliche Grüße aus Peru,

Noah. 🙂

 


5 Gedanken zu Unperfektion

  • Moin Noah,

    sehr ausführlich und beeindruckend – Hut ab! Spürbar auch, dass sich Deine Sicht auf die Dinge und Menschen ändert bzw. erweitert. Das Jahr am Ende der Welt (je nachdem, wie man es sieht!) wird lange bleiben.

    Sascha

  • Wunderbar erzählt und geschrieben. Das Leben und die Arbeit in Peru kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich wünsche Noah noch eine wunderbare und ereignisreiche Zeit. Das wirst du immer im Leben in guter Erinnerung behalten, Noah. VlG aus Deutschland. Dorle

  • Lieber Noah,
    du hast wirklich sehr anschaulich geschrieben und ich kann mir deinen Alltag lebendig vorstellen. Es ist ja manchmal schon in unseren Inklusions-Klassen eine Herausforderung, obwohl die Bedingungen viel besser sind und es hier natürlich auch die geschützten Arbeitsplätze gibt. Zu wissen, dass für deine Schüler nichts kommt, muss sehr schwer sein. Trotzdem kannst du sicher sein, dass deine Arbeit dort unheimlich wertvoll ist. Deine Mutter ist zu Recht stolz auf dich! Du wirst sicher nicht mehr der Alte sein, wenn du wiederkommst, aber du wirst an dieser Aufgabe wachsen und das wird für deinen weiteren Lebensweg eine große Bereicherung sein.

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