Karge Landschaften und Kinder-Belagerung

Neue Schule, neues Glück! Diese ist weiter draußen und beginnt schon um halb sieben. Damit ich nicht so früh aufstehen muss, soll ich bei der Familie des Rektors schlafen. Das Konzept geht auf, ich muss nur um halb fünf morgens aufstehen.

Von Ubaté nach Cucunubá

Als ich am Vorabend im Haus des Rektors ankomme, bestürmen mich seine zwei Kinder und durchlöchern mich mit Fragen. Sehr liebe, wohlerzogene Kinder, die mir alles zeigen wollen. Wir essen gemeinsam zu Abend. Interessanterweise ist die Garage inklusive Auto Teil ihres Wohn- und Esszimmers. Auch Fahrräder lehnen an der Wand.

Früh morgens hängt noch der Nebel über den Wiesen und taucht die Landschaft in ein mysteriöses Licht. Häuser, Menschen und Tiere treten nur als Schatten daraus hervor. Nach einiger Zeit löst ein Staubvorhang den Nebel ab. Karge Hügel, verstaubte Kakteen, Holzhütten. Hunde beige-grau wie die Landschaft. Steine.

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Die Fahrt im dichtgedrängten Bus wird beschwerlicher, wir ruckeln über Kieselpisten und Schlaglöcher. Bei jedem Halt quetschen sich mehr Kinder rein. Sie können offensichtlich kaum atmen. Alles schnauft und klagt „ai“, wenn der Bus hüpft. Manche quetschen sich hinter den Fahrersitz, die Köpfe gebeugt. Der sonst eher wortkarge Direktor hat einen Ellenbogen im Gesicht und sagt schmunzelnd: „Eso es Colombia!“.

Schilf, Mimosen und Eukalyptus. Alles grau. Auf einem Hügel hockt eine Frau im lila Poncho – kilometerweit der einzige Farbfleck.

Schwere amerikanische LKW mit viel Chrom transportieren Berge von Kohle. Der Direx erklärt, dass wir jetzt im Mienengebiet sind. Ich stelle eine kluge Frage: „Kohle?“ – „Ja.“ Dann eine aus der Kategorie „seltenblöd“: „Gibt es mehrere oder nur eine?“ Antwort: „400.“ Ich fühle mich weltfremd, bin aber gar nicht so traurig drum, wenn ich an die Geschichte eines Unfalls in der Miene denke. Bei einer Sprengung hat gerade letzte Woche ein Mienenarbeiter aus der Gegend drei Finger und ein Auge verloren und muss sich jetzt noch einer gefährlichen Kopfoperation unterziehen. Ich kenne eine solch staubige und mit Bretterverschlägen versehene Kulisse nur aus Filmen oder allenfalls von der Achterbahn im Disneyland.

Inmitten von Steinbergen warten weitere Kinder in Schuluniformen darauf, vom Bus mitgenommen zu werden. Der ist bis zum Dach vollgestopft und fährt an ihnen vorbei.

Der Anden-Ort Cucunubá liegt in 2.800 Meter Höhe. Die Schule heißt „La Laguna“. Bei der Führung über den Campus starren mich, wie üblich, alle an und kichern. Ich werde in der Elften vorgestellt. Sie finden mich komisch. Kein Interesse, keine Fragen, schnell wieder raus. Die Kleinen freuen sich und tummeln sich um mich herum. Sie fassen meine Haare an, kuscheln und machen große Augen als ich berichte, dass Deutschland 11 Flugstunden entfernt ist.

Selfie auf dem Schulhof

Die Vorschulkinder sind noch süßer und wollen mir am liebsten ins Gesicht krabbeln. Alle reden gleichzeitig und erzählen irgendwas. Wir schauen auf dem Globus, wo Kolumbien und Deutschland liegen. Außer Venezuela kennen sie an anderen Ländern nur kolumbianische Städte. Ich helfe dabei, Zahlen zu verbinden, die einen Löwen ergeben. Dann gibt es ein Wettkneten von vorgegebenen Zahlen – Bingo für Kleine. Die Lehrerin macht ihre Sache super!

Deutschland und Kolumbien

Anschließend bin ich furchtbar müde und kann weder viel Kraft für die Führung durch den Technik-Raum aufbringen, noch für die Selfie-wütigen Kinder, die mich in der Pause belagern.

Nach einer wohlverdienten Siesta findet eine AFS-Besprechung statt, bei der ich auch von meinen Eindrücken berichten soll. Dann holen sie einen Kuchen raus und singen „Cumpleños Feliz“. Mein Geburtstag ist erst am Samstag, aber ich bin ich sehr gerührt.

AFS-Besprechung mit Kuchen


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