Streber-Touristin

Das Kolonialdörfchen Villa de Leyva ist laut Reiseführer ein Muss für den Kolumbien-Tourist, der was auf sich hält. Muss ich also auch hin.
Villa de Leyva
Am Morgen nach der Party sieht das Haus aus wie ein Handgranaten-Wurfstand – ein Grund mehr, sich schnell vom Acker zu machen. Das Aufräumen und Saubermachen übernimmt am Montag „la empleada“ (die Angestellte). Auch wenn laut Halloween-Motto gestern der Tag der Zombies war, scheint er auf heute verschoben. Während ich inmitten von Partyresten mein Frühstück einnehme, kommen nach und nach immer mehr Zombies in die Küche und zapfen sich gequält und den Kopf haltend ein Wasser. Gesprächig ist nur Gastmama Luz Helena, die, wie ich, früh im Bett war. Spontan entscheidet sie sich, mich bei meinem Ausflug zu begleiten. Ich freue mich sehr und sitze eine Stunde später neben ihr im Auto.

Neben Villa de Leyva fahren wir auch ins quirlig bunte Ráquira, das viele handgefertigte Touri-Mitbringsel anbietet, die wir uns alle ansehen und nicht wenige kaufen.
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Raquira
Auf halber Strecke kaufen wir an einem Straßenstand gegrillten Mais und Arepas mit Käse (Fladen aus Maismehl – eins der beliebtesten Fastfood-Gerichte Kolumbiens). Die schmecken super und versüßen die Fahrt durch die beeindruckende Anden-Landschaft zusätzlich. Luz Helena und ich quatschen viel, was auch meinem Spanisch einen ordentlichen Schub gibt. Das Weingut, das wir besichtigen möchten, ist leider wegen der morgigen Wahl geschlossen; Die Kolumbianer sollen ihre Wahlentscheidung nicht in besoffenem Kopf treffen. Das paläontologische Museum stellt sich als ein Dino-Freizeitpark dar. Deshalb verzichten wir auch darauf. Dann gibt es zu Mittag das typische kolumbianische Festtagsessen „Piquada“ mit den Würsten „Longaniza“, der Blutwurst „Rellena“, gebratenen Bananen, gerösteten Kartoffeln und Arepas. Alles wird mit Zahnstochern aufgepiekt – daher der Name.
Piquada
Villa de Leyva ist so schön, wie es der Reiseführer verspricht und wohnt außerdem vor einer atemberaubenden Anden-Kulisse, die sich gleich hinter der Kirche bis in den Nebel verhangenen Himmel erstreckt. Wie von Hollywood bestellt, prozessieren die Nonnen im Gänsemarsch in die Kirche und werden dabei vom Glockenschlag begleitet. Drum herum erstrecken sich die mit Natursteinen gepflasterten Gässchen mit ihren weiß getünchten Häusern – alle einheitlich mit dunkelgrünen Fenstern und Türen und alten Dachschindeln. Um das Glück vollkommen zu machen, gibt es am Platz ein hübsches Café mit tollen Torten, an dem wir natürlich nicht unverrichteter Dinge vorbeigehen.Villa de Leyva

Die Dunkelheit kommt wieder schneller als gewollt und vor uns liegen noch fast zwei Stunden Strecke bis zu Luz Helenas Familie. Wir besuchen erst den Bruder und dann die quirlige und unglaublich herzliche Schwester, die uns auch beherbergt. Am nächsten Morgen holen wir alle drei gemeinsam den Vater ab und fahren frühstücken. Hier muss ich erstmalig das angebotene Essen ablehnen: Der in Bananenblättern gebackene Eintopf mit viel Schweine- und Hühnerfleisch wäre vielleicht auf nüchternem Magen noch möglich gewesen, die Fischsuppe leider definitiv nicht mehr. Ich bestelle Brot und Eier und versichere, dass ich mittags wieder bereit bin, alles mögliche zu probieren. Dann fahren wir noch weitere Familienmitglieder besuchen und zum Abschluss in ein letztes süßes Dörfchen, wo ich meine erste kolumbianische Sonntagsmesse erlebe.
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Esel in den Anden
Bis vier Uhr kann man noch wählen – unsere Deadline, um wieder in Ubaté anzukommen. Nach über drei Stunden Fahrt trudeln wir um 20 vor beim Wahlbüro ein. Eine beachtliche Menschenmenge ist davor versammelt. Ich habe gehört, dass in manchen Regionen Wählerstimmen gekauft werden. Ich versuche also mein Glück, werde aber leider nicht bezahlt. Die Wahlbeteiligung war in der kolumbianischen Geschichte noch nie so hoch. Vielleicht haben die anderen sich auch „plata“ (Knete) erhofft?


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