Sonnenstich und Lektüre

Der Schultag beginnt um halb acht und ich weiß noch nicht so recht, wohin mit mir. Die erste halbe Stunde haben alle Schüler Lektürestunde. Ich setze mich zu den Elftklässlern, die etwas von Dan Brown lesen. Ein Schüler liest vor, alle anderen machen irgendwas. Als ein italienischer Satz kommt, verpetzt mich mein Sitznachbar: „Die kann doch Italienisch.“, sagt er. Also werde ich gebeten, ihn vorzulesen und zu übersetzen. Glück gehabt, ist fast das gleiche auf Spanisch. Hätten sie wahrscheinlich auch selbst hinbekommen. Schade, dass sie es gar nicht erst versuchen. Insgesamt stelle ich fest, dass sie eine Heidenangst vor anderen Sprachen haben und allgemein davor, vom unbekannten Weg abzuweichen. Als ich am ersten Tag einem Grundschüler angeboten habe, statt dem Wort an der Tafel ein Wort seiner Wahl im Wörterbuch zu suchen, hat er abgelehnt. Er wollte lieber das langweilige Wort, das nicht in seinem Wörterbuch stand. Also habe ich ein anderes festgelegt, aber ganz geheuer war ihm das nicht.

Zu Mittag gibt es meist Reis mit Fleisch und wechselnden Beilagen und als Getränk einen jugo (frisch gepresster Saft mit Wasser und Zucker). Heute gibt es dazu Bohnen und frittierten Teig. Der Lautstärkepegel im Speisesaal ist beachtlich. Deshalb esse ich schnell auf und begebe mich zum Sportplatz, wo jede Klasse auf ein Spiel spezialisiert ist: Die Kleinen spielen auf dem Spielplatz, die 6. Klasse Fußball, die 7. und 8. Beach-Volleyball. Ich setzte mich dazu und möchte zuschauen und schon bin ich Teil eines Volleyball-Teams (die Verwunderung ist jedoch groß, dass ich in meinem Alter noch spiele). Leider sind wir nicht die Stärksten und fliegen schnell raus. Insgesamt dürfen wir aber dreimal spielen, bevor ich den Platz verlassen muss, weil mir die Hitze zu schaffen macht. Obwohl wir hier meist zwischen 17 und 20 Grad Celsius haben, ist es gefühlt oft hochsommerlich. Soviel Licht und Sonne ist meine norddeutsche Haut nicht gewohnt. Trotz Sonnencreme mutiere ich heute zum Krebs und bin abends von einem Sonnenstich niedergestreckt.

Vorher gehe ich aber noch in den Englisch-Unterricht der 6. Klasse. Sie werden ironisch auch „Ángelitos“ (Engelchen genannt). Diesen 30 Engelchen soll ich nun ein Arbeitsblatt mit einem Lückentext erklären, bei dem sie „is“, „am“ und „are“ ausfüllen müssen. Statt zuzuhören, wenn ich vorne etwas erkläre, strömt jedes Kind einzeln auf mich zu und ruft „!profe, profe!“ (Lehrerin). Ich konfesziere einen Ball, erkläre etwas an der Tafel und dann noch 30 Mal individuell. Aber zum Schluss haben die meisten die Aufgabe und auch die folgenden vier ausgefüllt.

Kirche in Ubaté bei Café Wir laufen runter ins Dorf bei einem fantastischen Licht und bewundern das gestern geborene Kalb. Den anschließenden Cappucino auf dem Dorfplatz habe ich mir redlich verdient, wie ich finde. Meine Bestellung vollendet der Barista mittlerweile schon selbst mit einem Augenzwinkern „sin canela“. „Sí, por favor“, sage ich und setze mich in die Sonne, die mir später am Abend zum Verhängnis wird …
Ubaté
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