Selva, selva, selva…

Es hat mal wieder etwas länger gedauert einen neuen Eintrag zu verfassen, dass liegt daran weil ich hier in letzter Zeit so viel erlebt hab (heute ist seit langem mal wieder ein Tag, den ich außer zum Einkaufen komplett zuhause verbringe). Die letzten Wochenenden habe ich u.a. in einem Zentrum für geschützte, verletzte Tiere (Animal Rescue Center: http://www.waza.org/en/site/conservation/waza-conservation-projects/overview/manatee-rescue-centre) und auf einer Schmetterlingsfarm (http://www.amazonanimalorphanage.org/ ) verbracht.

In dem Amazon Rescue Center haben wir v.a. Schildkröten und manatis, eine Art Seekuh, die im Amazonas lebt und vom Aussterben bedroht ist, gesehen. Zum Schluss durften wir sie auch mit Gras füttern, das war so süß 🙂 Da kann man kaum glauben, dass solche zutraulichen und harmlosen Tiere von den Indigenen gejagt werden. Um dem entgegenzuwirken betreiben die Mitarbeiter Aufklärungsarbeit in den Dörfern. Bei unserem anderen Ausflug zur Schmetterlingsfarm Pilpintuwasi, die von einer Österreicherin geleitet wird, haben wir neben Schmetterlingen auch viele andere Tiere des Regenwalds gesehen; z.B. einen Jaguar, der mich mit seinem Fauchen zu Tode erschreckt hat :D, Faultiere, Affen, Papageien und einen Tapir. Durch beide Ausflüge habe ich einen tollen Eindruck in die Tierwelt des Regenwalds bekommen, die ich mir jetzt unbedingt noch einmal in freier Wildbahn angucken möchte. Ich hab ja noch 9 Monate… 🙂

Außerdem war ich noch einen Tag in Nauta, das ist eine Kleinstadt und so das höchste der Gefühle, wenn man von hier mal irgendwohin fahren möchte (ca 90km entfernt). Zu sehen gab es nicht viel, aber ich habe gemerkt, dass es mir mal gut tat rauszukommen, egal wohin. Dieses Gefühl von hier nirgendwohin zu kommen ist manchmal schon etwas bedrückend…Neben den ganzen tollen Momenten, die ich hier schon erlebt habe, hatte ich dann in Nauta auch einen richtigen Schockmoment, der mir wieder die Augen geöffnet hat, dass ich in einem Land bin, wo es sehr vielen Leuten sehr schlecht geht. Es war ein toter Mann, der in Decken gewickelt am Straßenrand lag…er war zu Fuß aus seinem Dorf nach Iquitos aufgebrochen und hatte es dann vor Erschöpfung nicht weiter gebracht…In dem Moment war ich so entsetzt und geschockt, nicht nur wegen dem Toten an sich, sondern ich kam mir vor, wie wenn ich die ganze Zeit die Armut hier ignoriert hätte. Ich weiß auch nicht warum, man geht hier zwar durch Viertel, die nur aus Holzhäusern bestehen, unter denen sich der Müll stapelt und sieht dreckige Kinder ohne Schuhe dazwischen rumlaufen. Aber wenn diese Kinder dann glücklich Fußball spielen, habe ich die Armut nicht richtig realisiert, oder ich weiß auch nicht.

Am Montag hatte ich dann noch ein ziemlich intensives Gespräch mit einer der Nonnen, die das Kinderheim leiten, dadrüber, dass die meisten Kinder am Wochenende nicht genügend zu Essen bekommen. Eine hat erzählt, dass sie Sonntag gar nichts gegessen haben. Sowas „weiß“ ich alles, aber wenn ich dann direkt damit kontaktiert werde und in dem Moment, wo wir den toten Mann gesehen haben, hatte ich echt meinen Kulturschock, wo ich mir nur gedacht habe: Das ist zu viel, ich kann nicht mehr. Zum Glück wollte mein Gastvater abends dann tanzen gehen (was ich hier jedes Wochenende mache :D), um seine neue erweiterte Familie zu feiern, das hat mich gerettet. Andererseits gehört sowas auch zu meinem Jahr dazu und ich bin dankbar für alles was ich hier erlebe und über was ich hier zum nachdenken angeregt werde….

Mit den Gastfamilien haben leider nicht alle hier so ein Glück wie ich,deshalb haben wir seit vorletztem Freitag Seth, einen Studenten aus Belgien aufgenommen. Ich teil mir jetzt mit ihm und Priscila, meiner Gastschwester, ein Zimmer und es ist ziemlich eng, mehr als ein Bett und ein Regal für unsere Sachen haben wir hier alle nicht. Aber wenn ich eines in der kurzen Zeit, die ich jetzt hier bin gelernt hab, dann dass es mehr oder weniger egal ist, wenn es mal in dein Zimmer reinregnet, oder du nicht ein Zimmer wie in Deutschland für dich hast. Hauptsache man hat Personen um sich herum, mit denen man sich versteht und bei denen man sich zu Hause fühlt 🙂 und ich habe mal wieder gemerkt, was für tolle Persönlichkeiten meine Gastfamilie sind. Sie haben wirklich nicht viel aber sind so gastfreundlich, oder wie mein Gastpapa sagt „casa chiquita, pero corazon grande“. Meine beiden Gasteltern kommen aus einem typischen Regenwald (selva) Dorf, und haben es geschafft, sich in der Stadt Iquitos ein „besseres Leben“ aufzubauen, indem sie das Restaurant hier gegründet haben und versuchen ihren Kindern, indem sie sie auf Privatschulen schicken, eine möglichst gute Ausbildung zu ermöglichen.

Jedenfalls bin ich Freitag Morgen um 5 Uhr mit meiner Familie für einen Zwei-Tages-Trip um ihr Dorf kennenzulernen aufgebrochen. Von Nauta aus sind wir mit einem Boot den Rio Maranon runtergefahren bis zu der Stelle, wo er sich mit dem Rio Ucayali zum Amazonas vereint. Ein bisschen weiter flussabwärts sind wir dann an dem Dorf meiner Gasteltern angekommen. Dort gab es kein fließend Wasser, dementsprechend nur ein Plumpsklo für das ganze Dorf. Die Leute dort arbeiten als Fischer oder auf Plantagen im Regenwald, was echt anstrengend ist, bei der Sonne und den Mücken. Neben ganz viel Reis (dem Hauptnahrungsmittel Perus) werden Platano (Kochbananen), Aguaje, Melonen, Yuca, Chiclayo (von einer halben Stunde pflücken in der tropischen Hitze hatte ich einen Sonnenbrand und war komplett fertig) und viele andere Früchte angebaut. Ich weiß nicht ob die Leute dort unbedingt unglücklich sind, es ist auf jeden Fall ein sehr hartes Leben. Nachts haben wir in dem Haus von Verwandten geschlafen, das aus einem einzigen großen Raum bestand, wo wir auf einer 1 cm dünnen Matratze (mit Mückenschutznetz, was auch echt notwendig war) auf dem Boden geschlafen haben. Mehr als ihre tagesausfüllende Arbeit, eine Grundschule für die Kinder, einem Fußballplatz, einem kleinen Laden und ein paar Stunden Strom zum Fernsehen gibt es dort jedenfalls nicht. Am nächsten Morgen sind wir zu Fuß 9 km durch den Regenwald zu der Landstraße, von wo aus wir den Bus nach Iquitos nehmen konnten. Es war eine supertolle Erfahrung, ich habe erlebt wie der Alltag  der Menschen im Regenwald aussieht, bin im Amazonas geschwommen (hätte mir das jemand vor 3 Monaten erzählt, ich hätte ihm versichert, dass das bestimmt nie passieren wird) und habe jede Menge rosafarbene und graue Flussdelfine beobachtet, einen toten Piranha gefunden, jede Menge Schmetterlinge gesehen und bin auf dem Rückweg glücklich in jeden Bach gesprungen, den wir überqueren mussten, um mich abzukühlen.

Die Bilder der letzten Wochen kommen in den nächsten Tagen.

Jetzt wird mit den 3 Österreicherinnen, mit denen ich hier zusammen im Kinderheim arbeite erstmal probiert Kässpätzle zu machen 🙂

Eure Miriam


Ein Gedanke zu Selva, selva, selva...

  • Wenn ih Deine Reportagen lese, brauche ich keine andere Lektüre. Bitte schicke weiterhin so wunderschöne Berichte. Wir hätten auch nichts dagegen,wenn Du den Aufenthalt dort verlängerst oder wiederholst. Auf jeden Fall ist Peru wohl prägend für Dein weiteres Leben. Viel Freude und weiterhin schöne Erlebnisse (auch für uns !) wünschen Ilsemarie und Hans-W.

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