Ubaté

Pedro ist „gefühlt schon immer“ ehrenamtlich für AFS tätig. Er holt mich im Büro ab und wir fahren erst mit dem Taxi und dann mit dem Bus in Richtung Ubaté. Bei Salsa-Klängen kämpfen wir uns durch den dichten Feierabend-Verkehr. Durchs Fenster drängen die Abgase, draußen hupt es und am Straßenrand verkaufen Händler ungesundes Zeug in bunten Farben. Chips und süße Limos scheinen fester Bestandteil des kolumbianischen Speiseplans zu sein. Aber auch Spielzeug und Handyzubehör werden den Rushhour-geplagten Autofahrern angepriesen. Pedro erzählt, dass an einem geraden Tag wie heute nur Fahrzeughalter mit ungeraden Nummernschildern fahren dürfen. An ungeraden Tagen sind dann die mit den geraden Nummernschildern dran. Das System nennt sich „pico y placa“ (Rushhour und Nummernschild) und verhindert, dass zu den Hochzeiten doppelt so viele Autos die Straßen verstopfen. Ich kann mir nur schwerlich vorstellen, dass es hier noch mehr Autos geben könnte. In der Tat ist die Stadt so angelegt, dass es unmöglich scheint, zu Fuß oder mit dem Rad von A nach B zu kommen. Entsprechend sind auch die Busse vollgestopft bis zum Dach.

Wir steigen nun auch in einen Bus um, der uns in etwa 1 1/2 Stunden nach Ubaté bringen soll. Der ist zum Glück nicht so voll. Auf halber Strecke geht die Sonne in einem für Europäer verblüffenden Tempo unter. Dem quirligen Treiben am Straßenrand und in den kleinen, chaotischen Lädchen tut das keinen Abbruch. Müde und fasziniert schaue ich in die spärlich beleuchteten Buden, wo laut Pedro noch bis Mitternacht Geschäfte gemacht werden. Dann gibt es einen Halt und Snack-Verkäufer steigen ein, um Käse mit Fruchtgelee zu verkaufen – leider wird mir aus Frische-Gründen davon abgeraten. Ob ich die dünne Luft oder extreme Müdigkeit spüren würde, fragt Pedro. Während wir in Bogotá schon auf etwa 2.500 Meter Höhe waren, geht es nun noch höher, um dann in Ubaté wieder auf die gleiche Höhe zurück zu kommen. Nicht wenige ereilt deshalb die Höhenkrankheit, die auch Übelkeit verursachen kann. Mir geht’s gut. Übel wird mir eher ab und an vom energischen Fahrstil des ein oder anderen Fahrers.

In Ubaté, der Milch-Hauptstadt, bekomme ich dann zum Ausgleich für die Käse-Pleite im Bus einen süßen Maisfladen, der mit Käse gefüllt ist. Dazu natürlich einen Softdrink. Üppig, aber lecker. Die Stadt erinnert mich interessanterweise an Thailand – nur mit mehr Salsa-Musik. Dann treffen wir meine Gastschwester Daniéla und ihre Freunde, die auf dem Marktplatz eine Cerveza trinken. Sie telefoniert und sagt: „Estoy con los amigos y la nueva hermana.“ Auch sie ist eine erfahrene AFSerin und hatte schon so manche „neue Schwester“. Zum Beispiel Laura, die Teil der Runde ist, zurzeit auch bei der Familie wohnt und während ihres Freiwilligendienstes in der gleichen Schule unterrichtet, wie ich es werde.

GastmamaZu Hause empfängt uns Gastmutter Luz Helena herzlich und die komplette Freundesbande macht sich in der Küche und im Wohnzimmer des riesigen Hauses breit. Ich freue mich, angekommen zu sein und bekomme ein gemütliches Zimmer mit einem großen Bett, in das ich am liebsten direkt fallen würde. Doch es lohnt sich, mich noch einmal aufzuraffen: Bei Rum und Cola spielen wir noch ein lustiges Kartenspiel mit integriertem Quiz, bevor eine halbe Stunde später die Anziehungskraft meines Bettes einfach zu stark wird.


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