Im Alltag angekommen

Tage in Santa Cruz

Mittlerweile bin ich in einer Alltagsroutine angekommen: Morgens um 6:30 Uhr aufwachen, weil es langsam hell wird und die Papageien im Baum gegenüber von unserem Haus ihr Morgen“lied“ kreischen, mit meinen Gasteltern frühstücken, Tee und Brot mit Dulce de Leche, mich fertig machen und um ungefähr 8 Uhr aus dem Haus gehen, um mit dem Micro zur Arbeit zu fahren. Micros sind Minibusse, die zwar eine feste Route, allerdings keinen festen Zeitplan haben. So kommt es, dass die Ankunftszeit im Casa de Ninos um bis zu einer Viertelstunde variieren kann. Auch festgelegte Haltestellen gibt es nicht, wenn ein Bus der richtigen Linie vorbeikommt, macht man dem Fahrer mit Handzeichen verständlich, dass man gerne einsteigen würde. Um aussteigen zu können, ruft man „Pare, por favor!“ und schon hält das Micro an. Eine Fahrt in dieser Mobilität kostet grundsätzlich 2 Bolivianos, was umgerechnet nicht einmal 30 Cent sind, egal, ob man für zwei oder zwanzig Minuten im Bus sitzt.

Meine Micro-Einstiegsstelle
Meine Micro-Einstiegsstelle

Anfangs war es ganz schön schwer, den richtigen Ausstiegsort nicht zu verpassen, alles sah so gleich aus. Zum Glück ist meine Gastoma, oder besser gesagt Uroma, Mima immer mitgefahren, bis ich die Sicherheit hatte, es auch alleine zu können. Einmal bin ich jedoch trotzdem zu weit gefahren und war plötzlich in der Terminal, der Endstation, und ziemlich hilflos. Nach kurzzeitiger Panik –kein Geld mehr auf dem Handy, wie soll ich jemals nach Hause finden- habe ich mich durchgefragt und es so zurück zum Projekt geschafft. Bis jetzt komme ich an allen Tagen relativ spät nach Hause, zwischen 5 und 7 Uhr. Montags, mittwochs und freitags muss ich nachmittags Brot holen für mein Projekt, dienstags und donnerstags ist Spanischkurs, bei dem ich zwar nicht besonders viel Neues lerne, bei dem ich aber alle anderen AFSler treffe, was immer sehr schön ist. Daheim angekommen bin ich todmüde, so dass ich nach dem Abendessen mit Mima relativ früh schlafen gehe. Wenn wir keinen Spanischkurs mehr haben und die neue Freiwillige für das Casa de Ninos angekommen ist, so dass wir uns beim Brot holen abwechseln können, werde ich mir einen Sport suchen. Zumba fände ich ganz nett, oder Joga. Bis dahin bin ich abends aber zu ausgelaugt, um mich noch einmal zu körperlicher Betätigung aufraffen zu können.

Allerlei bei Alalay

Im Casa de Ninos leben derzeit 2 „Kleine“ mit 13 Jahren, der Rest ist zwischen 16 und 18 Jahren alt. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, bei Hausaufgaben zu helfen und die jüngeren Jungs um 14 Uhr in die Schule zu bringen. Außerdem hole ich das Brot in der Aldea ab. Da diese Aufgaben aber keineswegs tagesfüllend sind, bastle ich zurzeit mit einer anderen Hermana Blumen, die auf dem Weihnachtsmarkt verkauft werden sollen. Auch in der Küche helfe ich manchmal mit. Ich mache eben Allerlei im Casa Ninos von Alalay… La hermana con la sonrisa – die Schwester mit dem Lächeln-, so wurde ich während meiner ersten Tage im Casa de Ninos genannt. Da das Jungenheim von der christlichen Trägerorganisation Alalay geführt wird, sind alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Hermanos oder Hermanas. Ich scheine wohl relativ viel zu lächeln. Mittlerweile könnte man mich bestimmt von Zeit zu Zeit ebenso die Schwester mit dem genervten, oder immer wieder auch verunsicherten, Blick nennen. Es ist nicht einfach mit den Jungs, an manchen Tagen fühle ich mich wohl, an anderen finde ich es schrecklich an meiner Arbeitsstelle. Wenn meine Familie redet, verstehe ich jetzt fast alles, vom Spanisch im Casa de Ninos kann man das nicht behaupten. Manchmal verstehe ich dann aber doch und hätte lieber nicht verstanden. Als Mädchen im Jungshaus darf man sich so allerhand anhören. Es dauert eben eine Weile, sich in die Situation einzufinden und eine gute Beziehung zu den Jungs aufzubauen, aber das wird schon noch!

Ein halbes Jahr ist eben doch nicht so lange

Ich bin dank meines kurzen Freiwilligendienstes die erste Glückliche, die ihr Visum erhalten hat. Bis Ende Februar darf ich in Bolivien bleiben. Eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen ist hier gar nicht so leicht. Schon bei mir gingen zwei Tage Arbeit drauf, für die anderen ist es noch komplizierter. Die müssen sich bei der Polizei vorstellen, eine Urinprobe abgeben, an tausend unterschiedlichen Orten nach langen Wartezeiten Papiere abholen. Trotz dieses ziemlich beachtlichen, weil nervenschonenden Vorteils meines halbjährigen Freiwilligendienstes bereue ich, mich nicht doch für ein ganzes Jahr beworben zu haben. In einem früheren Blogeintrag habe ich geschrieben, auch ein halbes Jahr sei eine ganz schön lange Zeit…ist es nicht. Ich bin schon über einen Monat in Santa Cruz und es fühlt sich so kurz an. Sich richtig einzuleben in Familie und Arbeit, sich richtig verständigen zu können und richtige Freunde zu finden, das dauert seine Zeit. Also, falls irgendjemand über diesen Blogeintrag gestolpert ist, der sich gerade überlegt, ins Ausland zu gehen: Mach´s, aber mach´s ein ganzes Jahr! Die Zeit vergeht hier wie im Flug, alles ist so neu und so anders, gib dir die Chance, dir ein Leben im neuen Land aufzubauen und deinen Platz zu finden, anstatt die Zeit immer nur als vorübergehend sehen zu müssen, weil das Abflugdatum schon so nahe scheint.

Noch ein paar Impressionen von Santa Cruz

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