Fleischeslust und Alltagshäppchen

Christoph und ich wohnen am Niederrhein und haben seit Februar eine Gasttochter: Sharon (17) aus Paraguay. Sharons Tante war neulich bei uns zu Besuch (Lest hier, wie flexibel wir dieses recht kurzfristig angekündigte Ereignis gehandelt haben).

Sie spricht fantastisch Deutsch, weil sie in den 80er Jahren ein Jahr mit AFS in der Nähe von Stuttgart verbracht hat. Sie sagt: „Deutschland ist das beste Land der Welt“.
Lediglich die Internetverbindung sei in Paraguay besser. Ich bin mir sicher, dass Sharon auch das Essen in Paraguay besser findet. Im Januar informierten wir uns über die Essgewohnheiten in ihrem Heimatland: „Südamerikaner sind ganz verrückt nach Rindfleisch bzw. gegrilltem Fleisch allgemein“, lasen wir.
„Uh-oh“, sagte Christoph.
„Ob wir für die Biokiste Steak dazubuchen können?“, fragte ich. Der Gatte und ich sind zwar keine Vegetarier oder gar Veganer. Aber es fehlt nicht viel.

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Christoph und ich kochen gern. Vor allem Gemüse.

Tatsächlich essen wir auch sehr gerne Fleisch. Allerdings ziemlich selten. Das hat sich in den vergangenen Monaten jedoch geändert. Die Gründe (Auszug):

– Lasagne mit Hackfleisch schmeckt wirklich lecker
– Sharons Gesichtsausdruck, als es frischen Spinat/Möhren/Spargel gab
– der Inhalt unseres Abfallkorbs:

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Neulich (korrekt sortiert) im Gelben Sack. „Schatz, ich glaube, wir müssen zufüttern.“

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Sharon kam vom mehrtägigen AFS-Ausflug nach Prag wieder.
Christoph: „Wo habt ihr geschlafen?“
Sharon: „Im Stall.“
Ich: dachte sofort an Heuhotel und Übernachtung mit Event-Charakter. Cool.
Christoph: „Ach. Ach was.“
Sharon: „Ja. Im Stall.“
Christoph: „Hm. Meinst du vielleicht ein Hostel?“
Sharon: „Ho-Stall? Hostel! Ja!“

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Wir bummelten durch Düsseldorf. Sharon begann zu kichern.
Ich: „Was ist denn?“
Sharon: „Hihi.“
Sie deutete mit dem Finger auf Christoph, der vor uns ging. Er trug meine Tasche, die mir zu schwer geworden war (und außerdem sein Portemonnaie, sein iPad, seinen Schlüssel und seine Jacke enthielt). In Paraguay hätte der Gatte sich seine gesellschaftliche Stellung schon längst verspielt. Er spült, er kocht, macht die Wäsche und trägt jetzt auch noch eine Handtasche!*

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Es ist Juli und sehr heiß. Ich gehe in Sharons Zimmer. Hier ist es noch heißer. Seltsam. Das Fenster ist geöffnet, und die Heizung steht auf vier. Auf der Heizung trocknen ein paar Unterhosen. Ich bin entgeistert:
„Indeutschlandenergiesparenwäscheaufhängenbla“
Sharon ist auch entgeistert:
„Keinwäschetrocknerwastunsowirdesdochtrockenbla.“

Klimatisch gesehen müsste Sharon vom diesjährigen Sommer begeistert sein. Paraguayische Verhältnisse. Doch als ich neulich von der Arbeit komme, herrliches Wetter, 30 Grad, sitzt sie in ihrem Zimmer und ist keineswegs begeistert.
„Sharon, was machst du? Bist du nicht wenigstens zum Eis essen gefahren?“ frage ich.
„Neeein“, sagt Sharon. „Viel zu heiß.“ Auch im Haus, übrigens. Denn: „Es gibt keine Klimaanlage.“

Sommerurlaub beim bayerischen Teil der Familie. Highlight dort (neben den Bergen): der neue große Luxus-Swimmingpool, der sich bei allen, vom Gastopa bis zur Gastcousine allergrößter Beliebtheit erfreut.

23 Grad, der Himmel bedeckt, Wassertemperatur ideal.
„Sharon, komm, wir gehen alle schwimmen!“ sage ich und deute auf die Familienmeute, die in Badeklamotten Richtung Pool stürzt.

Sharons Augen weiten sich ungläubig-entsetzt, und ihre Gesichtszüge entgleisen. Ob sie mich falsch verstanden hat? Vielleicht glaubt sie, ich hätte „Komm, wir essen Tofuburger“ oder „Komm, wir bringen uns alle gegenseitig um“ gesagt. Trotz ihres Schocks schafft sie es schließlich mir zu antworten:
„Neeeeeeeiiiiiiin!“
„Aber wieso denn nicht?“
Ihr Gesichtsausdruck legt nahe, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, weil die Antwort ja so offensichtlich ist.
„Ist kalt!“

PS. Was uns freut:

  • Verwandte, die für unseren Besuch extra über GoogleMaps eine Karte von Paraguay ausdrucken, damit Sharon zeigen kann, wo genau sie herkommt.
  • Mein Patenkind Jonah (3), das verkündet: „Ich will wieder auf den Fernsehturm, aber nur mit Sharon!“  und mein Neffe Emilian (3), der fragt: „Wooooo ist Sharon?“
  • Wenn Sharon plötzlich „Guck ma“ oder „Nee“ sagt.
  • Wenn’s mit dem Ü klappt: Üüüüübungsvideo

PPS. Was Sharon freut:

Fleisch! Carne! Grill! Asado! Ja!
Fleisch! Carne! Grill! Asado! Ja!

 

* Christoph: „Ich zitiere aus der AFS-Broschüre: ‚Die ideale Frau ist Ehefrau und Mutter, die die Autorität des Mannes respektiert‘. Ich glaube, ich würde mich in Paraguay sehr wohlfühlen.“

 


2 Gedanken zu Fleischeslust und Alltagshäppchen

  • Hallo Annette, die Berichte über Erlebnisse mit Ihrer Gasttochter lese ich mit großem Interesse. Meine Frau und ich sind beide 70 Jahre alt, hatten einen Enkel 2012/13 als Gastschüler in den USA und jetzt weilt seit einer Woche unser zweiter Enkel in den USA. Wir beride hatten in der Zeit von 2014/2015 ein ganz tolles Gastkind aus Costa Rica in unserem Haushalt. Wir verlebten eine tolle Zeit und trennten uns im Januar 2015 mit Wehmut. Wir vermissen unsere Fabiola sehr.
    Sie sind Jornalistin und halten Ihre Erlebnisse mit Sharon fest bzw. geben sie an AFSer weiter. Ich finde Ihre Berichte sehr interessant, locker und flockig. Ich bin dabei ein Buch über unsere Erlebnisse mit Fabiola zu schreiben und finde Ihren Schreibstil sehr anregend. Bitte mehr davon, ich freue mich schon.

  • Hallo Hans-Rolf, vielen Dank für den netten Kommentar! Ein Gastkind zu haben ist spannend und eine echte Bereicherung. Ich wünsche dir viel Spaß beim Schreiben und deinem Enkel eine tolle Zeit in den USA!

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