Total spontan

Christoph und ich wohnen am Niederrhein und haben seit Februar eine Gasttochter: Sharon (17) aus Paraguay.

Freitags riefen Freunde an, ob wir uns Samstag zum Essen treffen wollten. Christoph und ich sagten zu und lobten uns dann gegenseitig, weil wir so spontan waren. Eine Disziplin in der wir Deutschen bekanntlich selten glänzen. In der AFS-Broschüre, die uns auf unser lateinamerikanisches Gastkind vorbereitet hat, steht, dass Spontaneität quasi die Parade-Disziplin aller Südamerikaner sei.

wir drei
Unsere gemeinsame Parade-Disziplin: Selfies an geschichtsträchtigen Orten schießen. Na, wer weiß wo das ist?

Durch Planungssicherheit ist Sharon tatsächlich noch nicht aufgefallen, aber Ramba-Zamba-Fiesta-spontan-mañana ist auch nicht ihrs. Bis jetzt. Kaum hatten wir den (ansonsten straff durchorganisierten) Samstag mit unserer Spontanaktion terminiert, teilt uns Sharon am Samstag um 11 Uhr mit: „Heute will meine Tante aus Paraguay kommen.“

Tante? Heute? Was? Panik im Hause Feldmann. „So gegen drei“, sagt Sharon.
„Die Broschüre lügt nicht!“ flüstere ich Christoph zu. Weil unser Plan vorsieht, dass ich gleich bei einer Freundin bin, koordiniert Christoph generalstabsmäßig das Projekt „Tante“.

Besuch ist bei uns gleichbedeutend mit: wischen, saugen, aufräumen, Vorräte auffüllen, Kuchen backen, frische Handtücher hinlegen – Rasen mähen und Fenster putzen optional. Christoph wirft seine Pläne (Klassenarbeiten korrigieren) über den Haufen, betraut die Gasttochter mit wichtigen Aufgaben und kümmert sich höchstpersönlich um Kuchen, Sekt und eine liebevoll dekorierte Kaffeetafel.

In Paraguay, so die AFS-Broschüre, wäre sein Verhalten übrigens fatal: „Es ist nahezu undenkbar, dass ein Mann im Haushalt mithilft. Jegliche Hausarbeit würde ihn derartig feminisieren, dass er seine Identität als Mann und damit seine Position in der Gemeinschaft riskieren würde.“*

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Ungewohnter Anblick für die Gasttochter: Der Mann spült.

„Ankunft T minus 1,5 Stunden“, simst der Gatte. „Alles sauber.“ Fehlt nur noch die Tante. Und ich. Der Plan: Ich treffe sie in Düsseldorf am Bahnhof um mit ihr gemeinsam im Bummelzug nach Hause zu fahren. Spontan durchkreuzt die Deutsche Bahn diese fabelhafte Idee. Egal. Um 16 Uhr sitzen wir alle im Esszimmer und stoßen miteinander an.

Wir buchen im Burger-Laden, in dem wir heute Abend unsere Freunde treffen wollen, Plätze dazu. „Komm, wir sagen auch noch Mo und Valentin Bescheid“, sage ich. Ebenfalls Freunde von uns – Vater und Sohn/Patenkind. Hach, für uns der Gipfel der Spontaneität. Dass die beiden sofort zusagen, wundert uns übrigens nicht. Sie sind Mexikaner.

*“Schreib, dass ich manchmal gern auswandern würde.“ (Christoph)

P.S. Seit wir eine Gasttochter haben, hat sich bei uns in Sachen Wanddekoration eine Menge getan:

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Konjugationen und Vokabeln stets im Blick.

P.P.S. Nicht nur Karteikarten an der Wand helfen beim Deutsch lernen, sondern auch Lieder. Viel Spaß mit der AFS-Deutschland-Playliste auf Spotify.


Ein Gedanke zu Total spontan

  • Übrigens, der „Gewinner“ dieses Blogeintrags ist Ralf. Er wusste, an welchem Ort wir unser „geschichtsträchtiges Selfie“ geschossen haben: An der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

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