Wir verstecken die Butter

Christoph und ich wohnen am Niederrhein und haben seit Februar eine Gasttochter: Sharon aus Paraguay. 

An den Wochenenden nehmen wir uns Zeit, um lange und gemütlich miteinander zu frühstücken. Christoph kocht Kaffee, ich die Eier, und Sharon holt Brötchen. Dafür haben wir ihr extra einen Zettel geschrieben. Denn Worte wie „Kürbiskern“- und „Vollkornbrötchen“ sind eine kleine Herausforderung, wenn man erst sechs Wochen im Land ist. Aber es klappt prima, und Sharon kommt strahlend mit der gefüllten Tüte vom Bäcker wieder.

Einkaufshilfe mit Aussprache-Notizen. So klappt's auch mit dem Sonntagsfrühstück.
Einkaufshilfe mit Aussprache-Notizen. So klappt’s auch mit dem Sonntagsfrühstück.

Kann sich unsere Gasttochter jetzt entspannt ihr geliebtes Salamibrötchen schmieren? Nein. Wir „verstecken“ Butter, Brötchen und Co. am anderen Ende des Tisches. Christoph tippt in seinen Universalhelfer, das iPad, in großen Buchstaben ein, was Sharon alles sagen kann, um nicht zu verhungern: „Gibst du mir bitte die Butter?“ und „Kann ich bitte den Orangensaft haben?“

Zuerst liest sie die Sätze nur ab, doch inzwischen kommen sie flüssig über ihre Lippen. Nach jedem Gebrauch klauen wir Sharon erneut die Butter und die Wurst. Wiederholung macht schließlich den Meister, und so kommt sie locker auf mindestens fünf, völlig selbst gesprochene Sätze pro Mahlzeit. „Tüchtig“, um es mal mit meinem Lieblingswort auszudrücken (das sie natürlich auch schon kennt).

Als Journalistin und Deutschlehrer sind wir selbstverständlich eifrig darauf bedacht, Sharons Deutschkenntnisse ständig zu verbessern. Zum Beispiel beim Uno spielen. Beim Austeilen muss sie die Karten zählen. Vorwärts, rückwärts, ab 20 aufwärts. Bei jeder Karte, die gelegt wird, muss Sharon Zahl und Farbe sagen. „3 rot“ oder „7 gelb“. Funktioniert fantastisch. Besonders gut geht auch „Du musst vier ziehen“.

Und als wir in den Osterferien nach Berlin gefahren sind, gab es eine kleine Einführung in deutsches Lied- und Kulturgut. Wir spielten „Was soll das“, „99 Luftballons“ und „Codo“ (und sangen sehr sehr laut mit), während Sharon hinten auf dem Universalhelfer den Text mitgelesen hat. Als der Akku den Geist aufgegeben hat, waren wir da.

Vor dem Reichstag trafen wir tatsächlich den Berliner Bären. Seltsamerweise sprach er Spanisch.
Vor dem Reichstag trafen wir tatsächlich den Berliner Bären. Seltsamerweise sprach er Spanisch.

PS. Auch in unserer Reihe „erste Male“ geht es munter weiter:

  • vegetarisches Chili mit Tofu essen (okay, aber es geht nichts über Fleisch)
  • Soleier probieren (Christoph hat es mit dem Düsseldorfer Löwensenf „extrascharf“ zu gut gemeint, und Sharon musste zum Wasserhahn stürzen)
  • Inlineskaten lernen (hysterisches Lachen auf beiden Seiten; keine Verletzungen)
  • dem Patenkind „Bobo Siebenschläfer“ vorlesen (1a bestanden)
  • beim neu gelernten Kartenspiel „Schwimmen“ die komplette Familie abziehen (Ausbeute: 6,30 Euro).

Ein Gedanke zu Wir verstecken die Butter

  • … kleine Richtigstellung: die Fahrt der drei ging nicht nach Berlin, sondern in die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam, die gerne als Vorort von Berlin betrachtet wird, auf ihre Eigenständigkeit aber doch einen gewissen Wert legt 😉 Der Berliner Bär wurde aber tatsächlich in Berlin bei einem Ausflug von Potsdam nach Berlin angetroffen … 😉

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