Çay, Schuluniform, İstiklal Marşı, Istanbul & noch mehr Çay

So… wo fange ich an?
Ich bin jetzt seit 3 Wochen in Istanbul und dachte mir, dass es mal Zeit für den ersten Blogeintrag wird.
Ich lebe im europäischen Teil von Istanbul, genauer gesagt in Ataköy, ein sehr moderner, sicherer und “westlicher” Stadtteil (soweit ich das beurteilen kann) von Istanbul direkt am Flughafen, sodass die Flugzeuge immer direkt vor dem Wohnzimmerfenster entlang fliegen.


Nach der Ankunft ging’s mit dem Arrival Camp los, wo alle Austauschschüler, die dieses Jahr in der Türkei sind, sich kennengelernt haben und wir mit unseren Betreuern noch einmal die wichtigsten Sachen besprochen haben.
Dann ging’s ab in die Gastfamilien. Meine besteht aus meinen Gasteltern und einem Gastbruder in meinem Alter und eigentlich einer älteren Gastschwester, die zur Zeit aber in Frankreich studiert.
Dann hatte ich erst mal eine noch eine Woche frei bevor die Schule losging, in der mein Gastbruder mich seinen Freunden vorstellte und meine Gastfamilie mir Istanbul zeigte.
Dann war mein erster Schultag.
Womit wir beim ersten Punkt wären: Die Schule, die echt anders als in Deutschland ist. Meine hat 300 Schüler und ist irgendwie die kleinste in der ganzen Türkei, wurde mir gesagt. Es gibt eine Schuluniform, die aus einer weiten grauen Hose oder einem Rock und einem weißen T-Shirt besteht und aussieht wie ein Sack. Außerdem darf man sich nicht schminken oder halt nur so dass man es nicht sieht. An meiner Schule darf man aber Schmuck tragen und muss auch keinen Zopf haben.
Jeden Morgen stellen sich die Schüler auf dem Schulhof in Reihen nach Klassen geordnet auf und dann spricht vorne ein Lehrer oder der Direktor (ich glaube da geht’s dann immer so darum, dass man fleißig lernen soll, blabla…zuhören tut aber eh niemand). Wenn der Lehrer dann “Hazırol” (Stillgestanden) sagt, verschränken alle Schüler gleichzeitig die Arme hinterm Rücken und stellen die Füße zusammen. Montagmorgen und Freitagnachmittag wird dann noch die Nationalhymmne (İstiklal Marşı) gesungen (die erste Strophe kann ich jetzt schon), während die Türkei-Flagge an so einem Mast hochgezogen wird. Jaa, wenn ich wiederkomme werde ich die türkische Nationalhymmne besser als die deutsche können.
Der Unterricht ist auch anders, der Lehrer labert die meiste Zeit oder diktiert und die Schüler schreiben mit und melden sich manchmal. Mein Lieblingsfach ist Englisch, weil das das einzige Fach ist, in dem ich was verstehe und wir englische Filme gucken 🙂
Hier gibt es aber kein Handyverbot, wenn man im Unterricht jetzt mal ’ne SMS schreibt juckt das den Lehrer nicht und auch wenn manche Schüler lesen oder sich ganz offensichtlich mit irgendwas anderem beschäftigen interessiert sie das nicht. Es werden auch oft Privatgespräche (auch gerne über mich, wo ich dann nur meinen Namen verstehe) geführt und die Lehrer machen viele Witze.
In der Pause wird auch manchmal einfach das Handy an die Lautsprecher in der Klasse angeschlossen und die Musik wird angemacht und die Mädchen fangen an zu tanzen, das liebe ich. 🙂 Generell sind auf dem Schulhof auch Lautsprecher aufgestellt, die in den Pausen Musik spielen (sogar gute) und statt einem Gong gibt es eine Melodie.
Was ebenfalls seeehr anders ist, ist der Sportunterricht, in dem wir das letzte Mal zum Beipiel marschieren geübt haben und ich von meinen Mitschülerinnen immer hektisch hin- und hergeschubst wurde, wenn ich was falsch gemacht hab. Wenn jemand etwas falsch macht, muss er Liegestütze machen (ich aber nicht, weil ich ja die Deutsche bin).
In der zweiten Stunden dürfen wir dann aber machen, was wir wollen. Letztens habe ich Basketball gespielt und dann zufällig den Korb getroffen, als der Lehrer geguckt hat. Ich hab ihm dann erzählt, dass ich in Deutschland Basketball gespielt habe und jetzt mag er mich und ist der Meinung, dass ich ein totales Talent sei, haha 😀 .
Was mir mir auch im Sportunterricht passiert ist: Ich hatte beim ersten Mal eine kurze Sporthose mit und wurde dann erstmal gefühlte 5 Minuten von meinen Mitschülerinnen angestarrt, bis sie mir dann erklärt haben, dass man keine kurzen Sporthose tragen darf (Ich durfte sie dann letztendlich aber ausnahmsweise das Mal doch tragen). Das hört sich jetzt krass an, ist für alle aber ganz normal und es ist auch nicht wie in der Armee oder so, der Lehrer macht halt auch ganz viele Scherze meckert die Schüler halt eher so spaßig an, wenn ihr versteht, was ich meine.
Was in der Schule auch anders ist, sind die Toiletten, das sind nämlich quasi nur Löcher im Boden, richtig schlimm 😀
Ach und zu meinen blonden Haaren: Ich falle in der Schule schon ein bisschen auf, aber es geht. Es gibt auch andere Mädchen an der Schule, die auch blond sind.
Aber es ist halt auch einfach so, dass ich generell auffalle, weil an der Schule, glaube ich, fast jeder weiß, wer ich bin. Das liegt auch daran, dass meine Schule so klein ist und ich die erste Austauschschülerin an der Schule bin.
Ich werde auch oft von Leuten gegrüßt, die ich nicht kenne oder auf facebook angeschrieben.
Einmal war’s zum Beispiel auch so, dass wir Volleyball in der Pause auf dem Schulhof gespielt haben und ich den Ball ganz gut getroffen habe (ausnahmsweise mal) und auf einmal alle, die drum rum standen, angefangen haben zu klatschen.
Vor allem in den ersten Tagen war’s krass, als mir alle ganz viele Fragen gestellt haben. Unter anderem auch „Do you like Hitler?“. Mitschüler haben auch den Hitlergruß gemacht oder das Hakenkreuz einfach mal in ihr Heft gemalt. Als ich dann versucht habe, ihnen zu erklären, dass in Deutschland alle Hitler hassen und es zum Beispiel auch verboten ist, das Hitlerkreuz zu malen oder den Hitlergruß zu machen, haben sie zu mir gemeint, dass sie ja nur Spaß gemacht hätten.
Auch werde ich oft gefragt, ob ich Fußballfan bin und wenn ja, von welcher Mannschaft, welche Musik ich höre, ob ich einen Freund habe (übrigens auch die zweite Frage, die mir mein Gastbruder gestellt hat nach „Wie geht’s dir?“, haha :)) und mir wird gesagt dass ich schöne Haare habe oder dass ich „çok tatlı”, sehr süß, sei. Hmm ok… 😀
Was auch anders ist: Wenn man in ein Einkaufszentrum geht muss man erst durch eine Kontrolle wie am Flughafen und seine Tasche durchleuchten lassen und auch wenn man mit dem Auto ins Parkhaus unter dem Einkaufszentrum fährt wird der Kofferrraum aufgemacht.
Außerdem sieht man hier üüüberall Türkei-Flaggen, ich glaub ich hab hier in der ersten Woche mehr Türkei-Flaggen gesehen als in meinem ganzen Leben Deutschland-Flaggen in Deutschland.
Und Atatürk, der Gründer der Türkei und „Vater der Türkei“, der auch überall ist. Auf jedem Schulhof als Statue, in jedem Klassenzimmer an der Wand, in jedem Schulbuch auf der ersten Seite, auf facebook als Profilbild von Mitschülern, auf Straßenschildern als Name und an manchen Häusern hängt er aus dem Fenster.
Außerdem trinkt man die ganze Zeit çay und das Essen ist besser und nach dem Essen sagt man zum Koch „Eline sağlık” (ich hoffe das wird so geschrieben), was so viel heißt wie „Gesundheit für Ihre Hände“ und es gibt kein wirkliches Wort für „bitte“, sondern nur „bir şey değil” – keine Ursache.
Es gibt aber auch übrigens auch noch Sachen, die gleich sind: Kinder-Pingui(n), Caillou :D, Die Schlümpfe, so etwas wie Shopping-Queen und sogar die Werbeslogans von VW und Opel sind gleich (Das Auto. & Wir leben Autos., also auf deutsch, ich find das mega lustig :)) Achso und nein, ich gucke hier nicht den ganzen Tag nur Fernsehen, aber beim Essen läuft immer der Fernseher. Hier läuft außerdem dieselbe Musik und die Shoppingcenter sehen genau so aus, nur größer.
Achso, dann noch zu meinen Türkisch-Kenntnissen. Zuhause spreche ich mit meinem Gastbruder meistens deutsch, was er echt gut kann (er lernt das in der Schule), mit meinem Gastmama Englisch und Französisch und meinem Gastpapa Englisch und mit allen halt ein bisschen Türkisch. Das ist aber echt verwirrend mit den ganzen Sprachen und ich vergesse immer, wem ich auf welcher Sprache antworten muss und mir fallen jetzt immer die Wörter auf der falschen Sprache ein und ich weiß dann nicht, was sie auf der anderen Sprache heißen. Zum Beispiel wollte mir „weich“ nur auf Deutsch und Türkisch einfallen, aber nicht auf Englisch und „Schloss“ nur auf Französisch, aber auch nicht auf Englisch.
Die meisten meiner Mitschüler sprechen aber auch nur echt schlecht Englisch und ich werde mich jetzt auch auf jeden Fall bemühen schnell Türkisch zu lernen, weil das echt der Schlüssel zu den Leuten ist. Es ist auch echt ätzend, wenn zum Beispiel im Unterricht über mich geredet wird und alle lachen und ich einfach nichs verstehe. Aber langsam wird’s, dass ich meistens schon das Thema weiß, über das gesprochen wird, weil ich ein paar Wörter verstehe und mir den Rest dann zusammenreimen kann, was mich jedes Mal total freut.
Achso & Gülfi, falls du das liest: Meine Gastmama ist Beşiktaş-Fan und mein Gastvater & -bruder sind Fehnerbahçe-Fans und ich geh wahrscheinlich demnächst mal mit denen zu einem Spiel, sieht also eher schlecht aus ;)).


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