Die letzten Tage…

Hallo Leute!

Zwei Tage und zwei Nächte; dann ist der Tag gekommen; dann –  ja, was dann? Dann komme ich zurück in meine „richtige“ Familie, dann geht der Alltag wieder von vorne los, und nach ein paar Tagen, Wochen, sieht Lettland nicht mehr aus als ein riesiger, aber vergangener Traum? Bruchstücke bleiben haften, das Meiste geht verloren, an einiges werde ich mich vielleicht für immer erinnern – aber das Jahr ist vorbei, verlebt, und nicht zurück zu bringen, von der Unwiederholbarkeit ganz zu schweigen. Eine seltsame Vorstellung, sich die Gegenwart in der Zukunft als bloßen Traum vorzustellen…
Diese Situation hat starke Ähnlichkeit mit der vor elf Monaten, als ich schon einmal am Flughafen stand, und meinen Wohnort für längere Zeit verließ. Nur wusste ich damals überhaupt nichts – ich hatte gar keine Vorstellung von dem Zuhause, in das ich am Ende der Reise stoßen würde. Dafür wusste ich aber genau, dass ich meine Familie, meine Stadt, meine Schule, wiedersehen würde – nach einem Jahr; doch jetzt – kann ich nur hoffen, meine Gastfamilie, meine Klassenkameraden, so bald wie möglich besuchen zu können… Als ich ging, war ich mir gewiss, dieses Jahr würde nur eine Unterbrechung sein, eine erfrischende Pause im Leipziger Alltag. Wenn ich hier in meinem lettischen Zimmer sitze und aus dem Fenster sehe, dann weiß ich, dass ich nie mehr hier sitzen werde, wie jetzt. Dies wird wahrscheinlich der letzte Blog sein, den ich in Lettland schreibe, und dieser Gedanke drängt sich beängstigend berechnend in meinen Kopf – alle weiteren Male, die ich hier, in diesem Haus, in Inčukalns, in Lettland, verbringen werde, werde ich nur ein Gast sein, nie mehr werde ich hier wohnen, immer nur ein Zuschauer sein; das schöne Lettland nie mehr von innen sehen können. All die Fotos, alle Erinnerungen, alles Heimweh verschwindet beim Gedanken daran, diese Natur, diese Herrlichkeit der lettischen Wälder und Seen, Städte und nicht zuletzt die Geschichte und Kultur dieses schicksalsgebeutelten Landes nie mehr wieder erleben zu können.
Doch natürlich gibt es auch die weißen Seiten, die optimistische Suche nach dem Guten – ich werde meine Familie wiedersehen, und, mir mindestens genauso wichtig, mein Leipzig, die Stadt aller Städte! 🙂 Ich habe mich entwickelt, sehr viel mehr noch, als ich jetzt spüren kann, ich bin erwachsener geworden in einem Grad, den ein Jahr in meinem „alten“ Zuhause mir nicht erlaubt hätte – ich habe meinen kreativen Ausdruck gesteigert, mein Gehirn auf Touren gebracht (allein die ganzen Sprachen), ich habe eine wundervolle Kultur kennen gelernt, und mit diesem Schatz fühle ich mich reicher, als mein Taschengeld zuließe.
Dennoch kann ich die Melancholie nicht einfach so wegdenken, diese Unlust, die mir im Magen klebt, jetzt, in den letzten Tagen – ich meine aber, mit Recht zu hoffen, dass all diese Gefühle, diese seltsamen gedanklichen Verwirrungen, und nicht zuletzt auch die Unlust mit der Zeit, wenn ich wieder dort bin, wo ich geboren wurde, vergeht; aber ich denke, darüber schreibe ich lieber später.
Dass dies der letzte Blog in Lettland sein wird, heißt nicht, dass ich mich vom Blog an sich verabschiede – so wie ich einen Blog vor dem Jahr geschrieben habe, werde ich sicher auch einen nach dem Jahr schreiben – bis dahin!

Herzliche Grüße aus Lettland,

Felix


3 Gedanken zu Die letzten Tage...

  • Hallo Felix, ich werde in 10 Tagen mit AFS nach Lettland fliegen und ich bin gerade am überlegen ob ich mein smartphone oder mein altes Handy aus der 5. Klasse mitnehmen soll. Was hast du gemacht oder was würdest du empfehlen. hast du sonst noch irgendwelche tipps?

  • Ich habe mein einziges Handy einfach mitgenommen – war gar kein Problem. Du kannst dein Smartphone sicher auch in Lettland benutzen – ich weiß nicht, welche Einschränkungen es geben könnte. Höchstens, wenn die finanziellen Verhältnisse deiner Gastfamilie sehr niedrig sind, aber auch das muss dich nicht abhalten… In Lettland habe ich, weil ich sehr wenig telefoniere, eine Pre-Paid-Karte von Zelta Zivtiņa (Tele2) benutzt – das war für mich optimal, aber du solltest in jedem Fall mit deiner Gastfamilie reden, eventuell auch mit deinen Klassenkameraden vor Ort… Der einzige Tipp, den ich habe, ist, dass du alles selbst erleben musst – durchkommen wirst du auf jeden Fall, und vor allem am Anfang kannst du deine „neue“ Unabhängigkeit sehr genießen… 🙂 Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß!

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