Das Liederfest – der Anfang vom Ende

Hallo Leute!

Ein weiteres Großereignis liegt hinter mir, eines, welches ich wohl meinen Lebtag nicht vergessen werde, und welches an Kraft und Einmaligkeit so viel in sich barg, dass es mich noch jetzt, drei Tage nach dem Ende der Dziesmu svētki bis tief in die Seele erschüttert – vor Freude.
Eigentlich und offiziell hieß das Festival übersetzt „XXV Allgemeines lettisches Lieder- und XV Tanzfest“, der Einfachheit halber nenne ich es einfach Dziesmu svētki, heißt übersetzt Liederfest, klingt lettisch aber schöner. 🙂
Schon am Abend des 29. Juni wurde das Fest für eröffnet erklärt, und von da an gab es in der Hauptstadt Riga eine Woche lang verschiedenste Veranstaltungen, Konzerte u.ä., kulminierend am 7. Juli, als 15.000 Menschen aus über 400 Chören zusammenkamen, und mit einem Orchester, Tänzern und verschiedenen Solisten, meist lettische Berühmtheiten, ein wunderbares Programm an Liedern lettischer Komponisten aufführten – und ich mittendrin! Von den Veranstaltungen habe ich allerdings nichts mitbekommen; die ersten Tage saß ich noch einfach faul zu Hause rum, am Mittwoch aber ging es gemeinsam mit dem Chor nach Riga, wo wir in einer Schule untergebracht waren. Klar, eine Schule ist kein Hotel, aber mit mitgebrachten Matratzen machten wir es uns sehr schnell in einem Klassenzimmer bequem; die Duschen waren okay, nur das Essen – gewohntes Schulfutter, teilweise aber auch in Ordnung. 🙂
Die Geschichte der Dziesmu svētki ist älter als die der Lettischen Republik: 1873 fand bereits das erste Sängerfest in Riga statt, ein Chor von 1000 Leuten wurde gebildet. Bis heute finden die Feste in regelmäßigen Abständen statt (das nächste 2018), unterbrochen nur drei Mal: durch die sich anbahnende Revolution im russischen Großreich von 1905, und durch die beiden Weltkriege; selbst die sowjetische Herrschaft ab 1945 konnte dem lettischen Volk diese Tradition nicht nehmen, die über die folgenden 45 Jahre zwar vom Sozialismus kontrolliert wurde, aber dennoch einen der wenigen Anhaltspunkte gab, welcher der Bevölkerung von ihrem kulturellen Erbe geblieben war.
Dies also das 25. dieser Feste, insgesamt über 40.000 Teilnehmer, plus hunderttausende Zuschauer, ob nun auf der speziell für diese Anlässe gebaute Estrade in Riga oder vor dem Fernseher – ein großer Teil der lettischen Bevölkerung verfolgt zumindest das Abschlusskonzert.
Welche Gefühle kommen da auf, wenn man als Ausländer inmitten einer Masse von Letten steht, und teilweise sehr patriotische Lieder singt, wenn man einer von Tausenden ist, ein Chor aus tausend Stimmen, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Geborgenheit, der Einheit entfaltet sich, und ich fühlte mich nicht anders als die, deren Vaterland besungen wurde, nicht anders als ein „echter“ Lette? Es ist unmöglich zu beschreiben, was dort wie passiert, das Einzige, was ich klar und deutlich sagen ist, dass etwas Riesiges, unaussprechlich Schönes geschehen ist, was NIE wiederholt werden wird, selbst, falls ich noch einmal zurück käme, und noch einmal in dieser Masse sänge, dieses Gefühl, dass ich diese Tage über in meinem ganzen Körper fühlte, was mich dazu bewegte, über fünf Stunden täglich nur zu stehen, zu singen, diese unglaubliche, unerklärliche Welle menschlichen Gefühls der Zusammengehörigkeit wird nicht wieder so stark sein; und jetzt denke ich sogar, dass ich niemals etwas Ähnliches noch einmal erleben werde.
Wie in den letzten Einträgen so oft muss ich eigene Gefühle beschreiben, und das ist natürlich sehr schwer. Dennoch hoffe ich, ihr habt einen kleinen Einblick bekommen, wie es mir erging, und was das für ein Fest ist…

Jetzt noch etwas über mich selbst, denn das Ende des Jahres rückt unaufhaltsam näher, ab morgen bereits das End-of-Stay-Camp von AFS, und dann die letzte Woche – trotzdem bin ich weder besonders traurig, noch besorgt. Die Trauer um mein Leben hier wird überwunden von der Vorfreude auf mein altes Zuhause, auf meine Familie, und, sieben Tage nach meiner Ankunft am 20. Juli, auf meinen 18. Geburtstag, alles Großereignisse, welche noch über die negativen Seiten meines Wegfahrens triumphieren. Dennoch – zehn Tage sind eine kurze Zeit, und wahrscheinlich kommt bereits mit dem Camp die erste Sehnsucht, das erste Schniefen, das erste Verlustgefühl auf, wahrscheinlich wende ich mich schon dann mit dem Gesicht nach vorn, um meine Rückfahrt einfach zu übersehen. Im Gegensatz zur Ankunft ist meine Zukunft jetzt bereits klar: ich komme nach Hause, alles ist beim Alten, ich bin nie weggewesen; und ich werde meine Schule in zwei kurzen Jahren beenden, als hätte es keine Pause gegeben. Vor dem Jahr hatte ich meinen Anker in der weiten Zukunft, war tief ins Wasser gesprungen, die Schnur fest in der Hand, und mich nach oben gezogen; jetzt kann ich schon das Schiff sehen, die Wasseroberfläche, das Licht der Heimat, das mich bis hierhin lockte. Am Grund liegt Lettland, und wenn ich das nächste Mal hinuntertauche, wird das Wasser lange nicht so tief scheinen, das Licht wird mich nicht so stark locken, und auch jetzt ist es fast schon die Tiefe, die mich lockt, zurück zu kommen, obwohl ich noch nicht einmal weg bin.
Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, und dennoch spüre ich nicht wirklich, dass etwas Negatives passiert – ich bin aufgeregt, wenn ich diese Zeilen schreibe, in einer Erwartungshaltung… Wie das weiter geht? Fortsetzung folgt – schaltet beim nächstem Mal wieder ein! 🙂

Herzliche Grüße,

Felix


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