Ostatni tydzień …

Hej.

Heute freilich etwas weniger euphorisch, denn meine Euphorie ist vor zwei Wochen in der kleinen Überflutung ertrunken.

Mit dem heutigen Tag ist die letzte Woche meines Austausches angebrochen, und vielleicht ist es Zeit, die zehn Monate ein wenig zu reflektieren. Damit es aber nicht ganz so langweilig wird, erst mal ein kleines Update. Was ist in der Zwischenzeit – in den vielleicht vier Wochen, oder waren es weniger? – passiert?

Nach dem Sprachzertifikat war dieser Durck weg, der mich davor im Unterbewusstsein vorangetrieben hatte und für einen kurzen Moment hatte das Polnischlernen seinen Sinn verloren – sogar das Austauschjahr fühlte sich nicht mehr an wie eines, ich kann den Zustand nicht beschreiben. So ziemlich alles war auf einmal vage und unbestimmt, wie am Anfang, es gab nicht so direkt ein Ziel und für einen Moment war ich versucht, in den Zustand des Wartens zu verfallen. Auch wenn ich nicht wusste, worauf ich denn warten sollte, auf das Ende meines Austauschjahres vielleicht? Aber dazu war/bin ich ja nicht hier, also wurde dieser Warten-Gedanke nach einer Woche verworfen und mein Leben nahm seine ursprünglichen Formen an. Auf Fragen über die Ergebnisse des Examens konnte ich nur freundlich lächelnd und ausweichend antworten, und mit dem Beginn des dichtauf folgenden Junis wurde mir auf einmal klar, wie kurz mein Austauschjahr nur noch war. Man könnte sagen, diese Erkenntnis (die ich interessanterweise in einer anderen Intensität schon einmal am 1. Mai gehabt hatte) hätte mich erst einmal umgehauen, denn pünktlich zum 1. Juni wurde ich mal wieder krank. Dass ich das werden würde, wusste ich eigentlich schon seit Gdańsk, deshalb war es am Ende keine Überraschung, nur ärgerte es mich etwas, da mir damit wieder ein Wochenende verloren ging. Eines der wenigen, die ich noch hatte.

Die Woche darauf verbrachte ich mit dem Rennen zu verschiedensten Leuten, größtenteils stattete ich aber dem polnischen AFS-Büro Besuche ab, da ich noch einige Dinge zu klären hatte. Anschließend besuchte mich meine Familie für fünf Tage, und mein Gastvater hatte ihnen eine Unterkunft im Gästehaus meiner Schule organisiert (er arbeitet für die Stiftung, der die Schule usw. gehört, deshalb war das seine Idee, und AFS war darin zu einem gewissen Teil involviert). Ich zeigte ihnen also Piekary und Krakau, die Orte, an denen ich zehn Monate verbracht habe und die mir von Tag zu Tag bekannter wurden. Auch waren wir in Wieliczka, einem Salzbergwerk nahe Krakau, wo ich als Übersetzer fungierte (:

Einen gewissen praktischen Aspekt hatte der Besuch meiner Familie auch, ich konnte schon einmal knapp 10kg meines Gepäcks vorschicken. Zur Zeit steht jetzt noch ein 15kg schweres Paket in meinem Zimmer und nimmt Platz weg, aber schon bald werden mein Gastvater und ich das auf die Post bringen, und mein bereits zur Probe gepackter (wir wollten herausfinden, ob ich noch ein Paket schicken muss) und nun langsam wieder entpackter Koffer wird am Ende um die 18kg wiegen, ich komme also recht gut hin, was mich selbst überrascht. Aus irgendeinem Grund fühlt sich allerdings owca extrem wichtig und nimmt nun beunruhigend viel Platz weg, weshalb ich einige Freude mit dem Schließen meines Koffers haben werden. Naja, Hauptsache es passt alles rein und ich zerbreche nicht die Glasbilder (;

Und mit diesem Punkt wären wir auch schon am heutigen Tag angelangt. Zwischendurch treffe ich mich mit Freunden, heute wurde ich von zweien beinahe erwürgt, da ich ihnen ein kleines Abschiedsgeschenk gemacht habe und sie das nicht erwartet hatten. Zwar habe ich noch die ganze Woche, aber da ich deren genauen Ablauf nicht kenne, weiß ich nicht, ob ich es nicht irgendwann einmal verpasse. Also lieber auf Nummer sicher und heute gleich, auch weil eine Freundin wohl krank wird.

 

An dieser Stelle sollte irgendeine Zwischenüberschrift stehen, aber mir wollte keine einfallen.

Nun ist es also soweit und meine Gedanken schwirren irgendwo aufgescheucht zwischen Mücken im Zimmer, zu kleine Geburtstagsgeschenkdecken, Polen und Deutschland hin und her. Und mal wieder habe ich so was wie Stimmungsschwankungen. Natürlich freue ich mich gewissermaßen, wieder nach Deutschland zurückzukommen, das fragen mich auch alle, also habe ich lange über eine Antwort nachgedacht. Gleichzeitig kann ich den Gedanken nicht in seiner wirklichen Bedeutung erfassen, weiß nicht, was mich am Ende in Deutschland erwartet – wie sehr hat sich alles verändert? Was hat mich nie interessiert und wird mich negativ oder unangenehm überraschen? – und im Allgemeinen kann ich sagen, dass ich mich in weniger optimistischen Momenten mehr vor meiner Rückkehr fürchte als vor der Abreise. Meine Gastschwester fährt in diesem Jahr für ein Jahr mit AFS nach Argentinien, und oft reden wir darüber, wie das für mich war, auch wenn Polen und Argentinien eher nicht zu vergleichen sind. Sie jedenfalls hat durchaus etwas Angst vor der Abreise und findet es etwas seltsam, dass ich an meiner Rückkehr mehr zu knabbern habe.

Was habe ich ihr geantwortet? Ich wusste vor meiner Abreise, dass es anders wird, deshalb habe ich mich ja zu einem Austauschjahr entschieden. Ich habe mich auf den Wechsel gefreut, das lange vor dem eigentlich Beginn des Austausches und in einer verklärten Weise, die dem wahren Jahr nicht gerecht wird. Und doch war ich fest entschlossen, das Beste daraus zu machen. Noch bis vor ein paar Monaten habe ich nicht einen Gedanken an meine Rückkehr und an das, was danach kommt, verschwendet, da es nicht wichtig war. Mit dem Näherrücken der Abreise kamen solche Gedanken häufiger auf und irgendwann wurde mir klar, dass meine Freunde und Bekannten – mit denen ich verhältnismäßig wenig Kontakt habe – nicht eingefroren sind und auf mich gewartet haben, sondern gelebt haben. Was aus ihnen geworden ist, was aus mir geworden ist – inzwischen bin ich mehr neugierig als dass ich Angst habe. In einer oder zwei Wochen werde ich es wissen.

Was aus mir geworden ist – das ist auch eine interessante Frage, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht und mich nicht loslassen will. Jetzt kann ich sicher sagen – ich habe mich verändert. Irgendwie, vielleicht kann ich es nicht bis zum Ende einschätzen und werde es wohl auch nie können.

Am Anfang, in den ersten beiden Monaten trampelte ich unfassbar naiv, aber auch voller Neugier und als Tiefgründigkeit getarnte Oberflächlichkeit in meine neue Umgebung, erkundete alles und stelle dann fest, dass tatsächlich nicht alles so ist, wie es scheint. Ich weiß nicht, wie viele Fehler ich in dieser Anfangszeit beging, aber es müssen viele gewesen sein. Sicher war ich zu schüchtern, habe zu lange darauf gewartet, dass Andere Kontakte mit mir knüpfen und habe nicht den ersten Schritt gemacht, auch wenn das in der Theorie so einfach erschien. Meine sprachlichen Kenntnisse waren mies, aber trotzdem nicht völlig nutzlos. Meine Erkundungen liefen also weiter und der Austausch war ein reines Abenteuer. Und doch erinnere ich mich an Momente dieser Anfangszeit, in denen ich desillusioniert auf meinem Bett lag und mein Heimweh mühsam unterdrückte, was oft auch erfolgreich war. Ich lernte unzählige neue Leute kennen, ging aber nach fünf Wochen davon aus, nie „richtige“ polnische Freunde zu haben und war mehr mit anderen Austauschschülern unterwegs.

Dann folgte jenes Loch, in das beinahe alle fallen, direkt nach dem LOC, auf dem ich noch behauptet hatte, bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich mit dem Heimweh keine Probleme. Das Tief kündigte sich schon einen halben Monat früher an, als ich begann, Szenen und Plätze aus meiner Heimatstadt zu beschreiben und auf dem Papier neu zu erleben. Vielleicht habe ich damit 100 Seiten gefüllt, vielleicht sogar mehr, ich weiß es nicht. Als ich schließlich endgültig in das Loch fiel, wollte ich es anfangs gar nicht wahrhaben, aber ich kann mich noch daran erinnern, dass es direkt nach einem Skype-Gespräch mit meiner Mutter begann. Für eine Woche hatte ich einfach Heimweh, Sehnsucht nach allem, was ich kannte und die gar nicht mehr so neue Umgebung erschien mir nicht mehr so einladend wie vorher. Typisches Gewöhnungstief, ich weiß – und dank meiner Gastschwester kam ich nach einer Woche wieder heraus. Ich hatte meine Gemütsphase vor meiner Gastfamilie verborgen, bis es nicht mehr ging, aber als ich vor meiner Gastschwester in Tränen ausbrach, war es schon fast wieder vorbei. Półmetek, die Party für die Zweitklässler des Liceums, kam und ging – freilich ohne mich, da ich gerade in meiner Heimwehphase steckte. Ich bin nicht so der Partymensch, an sich trauere ich ihr nicht hinterher, aber jetzt überlege ich manchmal, ob es vielleicht die Aufnahmephase in die Klassengemeinschaft verkürzt hätte.

Im November schließlich begann sich mein Leben zu normalisieren. In meiner Klasse fühlte ich mich immer noch ein wenig wie ein Außenseiter, aber das lag wohl an mir, da ich immer noch Abstand zu den Menschen um mich herum hielt, die keine Austauschschüler waren oder zu meiner Gastfamilie gehörten. Im Oktober waren wir auf Klassenfahrt, wenn mich nicht alles täuscht, da begann ich gewissermaßen, mehr Kontakt mit ein paar Mädchen aus meiner Klasse aufzunehmen, aber dies nur für den Moment. Bisweilen schloss ich mich selbst aus und fühlte mich ausgeschlossen, auch wenn es nur ein paar Schritte auf die Anderen zu – von meiner Seite aus – gebraucht hätte. Aber wie immer weiß man hinterher alles besser.

Weihnachten brachte mich endgültig in meine Gastfamilie hinein, die Winterferien im Januar bescherten mit durch das Mid-Stay eine sehr gute Freundin und ermutigten mich so, mich mehr in meine Klasse einzubringen, was ich im zweiten Halbjahr dann auch begann. Zeitweise etwas erfolglos, weil nicht konsequent genug, aber letztendlich bin ich ein Teil meiner Klasse geworden und verstehe mich mit allen gut sowie habe noch weitere Freunde gefunden, was mir am Anfang noch unmöglich erschien. Die Sprache wurde von Woche zu Woche besser und ich begann immer mehr, meinen Alltag in Polen wichtiger zu empfinden als das, was sich 500km weiter westlich abspielte. Im März war ich gefühlt den ganzen Monat krank, im April folgte das Mid-Term in Lublin und nur noch selten zog ich mich zurück. Im Mai, als ich noch einmal bei derselben Freundin wie im Januar für mehrere Tage zu Besuch war, konnte ich dann behaupten, vollständig angekommen zu sein und ein „normales“ Leben in Polen zu führen. Spät, wie ich jetzt im Nachhinein finde, aber früher hatte mich meine Schüchternheit – oder was es sonst war – daran gehindert.

Was kann ich jetzt also sagen? Ich werde meine Freunde, Familie und auch meine Klasse hier vermissen, anfangs wohl so, wie ich meine Freunde und Familie aus Deutschland vermisste habe. Mein Leben hat sich an sich nicht viel verändert, mir fallen viele Parallelen zu Deutschland auf – und doch scheine ich selbstständiger, selbstbewusster geworden zu sein. Inwiefern, finde ich wohl erst bei meiner Rückkehr heraus.

Mein Gastvater jedenfalls ist sich sicher, dass ich offener geworden bin, nicht mehr „in meiner eigenen Welt eingeschlossen, so als sei ich gar nicht da“, wie er heute gesagt hat. Offenbar war ich das am Anfang, und diese für mich unmerkliche Wandlung hat nicht nur er beobachtet. Freunde bestätigen mir, dass es am Anfang schwer war, mich überhaupt zu erreichen, und meine Gasttante staunte nicht schlecht, als ich vor einer Woche aus eigenem Antrieb zu ihr und meiner Gastcousine sowie deren anderthalb Monate alten Sohn kam und ein Gespräch mit ihnen anfing. Meine Englischlehrerin meinte festgestellt zu haben, ich sei erwachsener geworden, weil ich genug Zeit hatte, mir über verschiedene Dinge klarzuwerden und ja – das mag sein. Aber dieser Austausch war nur ein Jahr meines Lebens – ob es das Beste war, kann ich jetzt pauschal noch nicht sagen, aber es führt die Liste an, trotz teilweiser Schwierigkeiten, die ich eigentlich gar nicht hatte (:

Soo, genug gelabert. Am Sonntag fliege ich schon wieder zurück nach Deutschland, noch ist es unvorstellbar und der Gedanke sehr seltsam, aber ich kann es nun mal nicht ändern. Bisweilen bin ich nun schon im Voraus etwas traurig, heute in meiner letzten Englischstunde wurde ich gefragt, warum ich so schweigsam sei, da hätte es mich fast erwischt. Und dennoch will ich diese letzte Woche noch so gut wie es geht genießen und aus Erfahrung weiß ich, dass sie morgen schon wieder so gut wie vorbei ist. Es wird also Zeit, letzte Unterschriften auf meiner Polenflagge zu sammeln, mit meiner Freundin einen Termin für ihren Deutschlandbesuch auszudiskutieren und meinen Koffer wieder einzupacken. Dann ein vergrilltes EoS und der Rückflug – und der Juni ist zusammen mit meinem Austauschjahr vorbei, eine große Leere und viele Pläne hinterlassend. Ich bin neugierig, wie es weitergeht.

Viele Grüße, Józka

 

 


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