Urbi et Orbi

Wie ihr sicher gemerkt habt, werden die Abstände zwischen den Beiträgen immer größer und größer – wer kennt das nicht, am Anfang hat man so tolle Vorsätze wie „jede Woche schreibe ich etwas“ oder „Ich notiere jede Kleinigkeit“, aber Resultat schaut meistens doch etwas anders aus. Natürlich stellt sich nach einiger Zeit einfach Routine ein, und es ist nicht zwingend spannungsfördernd, jede Woche über die verspätete Fahrt ins Büro und das ewig gleiche Mittagessen zu berichten. Der geneigte Autor verringert seine Aktivität also vorwiegend auf Neues. Und – welch Überraschung – es gibt etwas Neues! Namentlich „House of St. Paul“, zu finden im wunderbaren Reitz in Free State, einem katholischen Frauenkloster. Nein, ich bin nicht plötzlich strenggläubig geworden und auch mein Geschlecht ist konstant geblieben. Was zum Teufel mach ich also im Kloster? Nun, Aufgrund von einigen Mal kleineren, Mal größeren Problemen im Projekt bzw. der Gastfamilie hat sich AFS entschieden, mich erst einmal woanders zwischenzuparken. Die nächsten drei bis fünf Wochen Teile ich mir also mit Sascha, einem Mitfreiwilligen aus Hamburg (Irgendwie sind die Hälfte unserer Truppe Nordlichter, als Bayer kommt man sich da so verloren vor), eine 6-Zimmer-WG auf dem Klostergelände. In der Zwischenzeit sucht AFS ein permanentes Projekt für mich, da ich hier aus irgendwelchen bürokratischen Gründen nicht bleiben kann.

Hin ging es mit einem Greyhound-Bus, einer Kette die aus den USA ja nicht den besten Ruf hat. Hier in Südafrika ist der Greyhound eine der sichersten und komfortabelsten Methoden um von A nach B zu kommen, erst recht wenn man kein Auto hat. Für die gut dreistündige Fahrt von Joburg nach Harrismith (dem nächsten größeren Ort) durfte ich knapp 30€ hinlegen, nach Durban wären es nur ein paar Cent Aufpreis gewesen. Die Fahrt war recht unspektakulär, keine Raubüberfälle, geplatzte Reifen oder Rinderherden auf der Fahrbahn. Der einzige kleine Aufreger war der defekten Klimaanlage zuzuschreiben, aber darauf bereitet einen die Deutsche Bahn ja schon perfekt vor. Nachdem wir recht schnell aus der Metropolenregion raus gekommen sind fühlte ich mich ein wenig nach Kansas versetzt: mitten im Nirgendwo. Einen Großteil der Landschaft nahmen gelbgoldene Äcker ein, Free State kann man getrost als Kornkammer des Landes bezeichnen. Alle zehn Minuten kam mal ein Auto oder ein Fußgänger vorbei. Ja auch auf den Highways ist es nicht unüblich, dass Farmarbeiter entlang der Fahrbahn Richtung Heim pilgern – als Autofahrer muss das echt der Horror sein. Nach und nach wurde die Aussicht etwas hügeliger, wir näherten uns den Drakensbergen. Wobei hügelig vielleicht der falsche Ausdruck ist, mit dem Alpenvorland oder dem Hartz hat das wenig gemein, eher mit dem Monument Valley: von Zeit zu Zeit steht plötzlich ein gewaltiger Monolith in der Landschaft, dann kommt lange nichts mehr. Von der ferne schaut das nach ein paar tollen Kletterfelsen aus.

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Nachmittags kommt der Bus dann in Harrismith an, wo mich Sascha mit zwei anderen Arbeitern vom Projekt abholt (und sogar schon da ist, als ich Aussteige, was hier ja nicht die Regel zu sein scheint). Wir gurken dann erst einmal durch die Gegend, erst einmal nach QwaQwa, einem ehemaligen Homeland. Homelands kann man ein wenig mit Indianerreservoirs vergleichen, hier her wurden während der Apartheit die nicht-Weißen deportiert, auch heute leben hier ~ 98% Schwarze. Nach einigen Irrwegen kommen wir dann im Projekt an, das Kloster von St. Paul in Reitz. Das Kloster wurde 2005 von einem deutschen Pfarrer gegründet und betreibt ein Altenheim, eine Creche (Kindergarten) sowie einen Hort, letzteres ist unser Aufgabengebiet, zusammen mit ein paar lokalen Betreuern kümmern wir uns um ca. 120 Kinder, helfen bei Hausaufgaben, spielen Reise nach Jerusalem oder machen Sport mit ihnen. Neben knapp 15 Schwestern sowie einigen einfachen Arbeitern gibt es noch Bruder Markus, ein Aachner sowie Bruder Amusel, einem Pfarrer aus Nigeria. Eigentlich nimmt diese Rolle Vater Bernhard ein, der befindet sich aber aktuell in Deutschland und kommt wohl erst Mitte Juli wieder. Ansonsten gibt es noch Schwester Gerlinde, eine Pfälzerin die das Altenheim leitet. Morgen ist dann mein erster Arbeitstag, dazu gibt es also erst später mehr (hier schreibe ich natürlich jede Woche etwas *hüstel*). Freitagabends geht es dann noch zum Nachbarn, den Tag bei einer interessanten Mischung aus Rammstein, Deutsch-Rap und afrikanischem House ausklingen.

Am nächsten Morgen frühstücken wir dann zusammen mit dem Pfarrer, getrennt von den Schwestern. Erstmals gibt es wieder etwas, dass entfernt an echtes Brot erinnert, und theoretisch soll es hier auch Nutella geben, zumindest steht ein leeres Glas auf dem Tisch. Dazu gibt es Eier, Tomaten und Schinken, nur der Kaffee ist dasselbe Instant-Gesöff wie überall. Sascha scheint nicht ganz so gut auf den Pfarrer zu sprechen zu sein, bis jetzt find ich ihn eigentlich noch absolut in Ordnung, was aktuelle Politik angeht ist mehr als nur auf dem Laufenden, so gibt es am Frühstückstisch ein paar lebhaftere Diskussionen. Nach einer warmen Dusche (warmes Wasser! Aus einer Dusche! Soviel ich will, nur für mich allein!) begeben wir uns nach Bethlehem, der nächsten größeren Stadt mit einer Mall. Anders als die Township-Malls, die eher einer aneinander Kettung von verschiedenen Geschäften sind, finden wir uns hier auf einem riesigen Parkplatz voller SUVs und PickUps wieder, bevor es in den klimatisierten Komplex geht – die wohlhabenderen Schichten orientieren sich auch hier am Vorbild USA. Drinnen geht es dann erst einmal Klamotten kaufen, fünf T-Shirts war vielleicht doch etwas zu knapp kalkuliert, und mein einziges Sweatshirt wurde mir am ersten Tag bereits geklaut. Nach fünf Geschäften erkenne ich dann sogar die erste Marke wieder. Levi’s. Das solls aber auch gewesen sein, der Rest scheinen Eigenmarken im C&A-Preisniveau zu sein. Dazu gibt es einen Buchladen mit tollen Reiseführern für Deutschland (Ich wusste gar nicht dass das Backstage ein Gayclub seien soll…) aber leider nicht für Südafrika, einen kleinen Outdoorladen und einem Supermarkt. Und was finde ich in eben jenem? HARIBO! Original importiert aus Bonn, 100g für nur 1,20€. Egal, ich nehme erst einmal fünf Tüten mit, natürlich nur als Notfallration.

Zurück geht es dann wieder eine dreiviertel Stunde durch die Farmidylle, außer Feldern gibt es hier wirklich nichts. Unser Kloster liegt direkt an einem kleinen Hügel, vielleicht dreißig Meter hoch, hier hetze ich Sascha dann erst einmal zum Sonnenaufgang hoch, meine Kamera lag schon viel zu lange im Koffer. Nach dem Abendbrot versuch ich noch ein wenig mit dem Sternenhimmel herum zu experimentieren, ich denke hier gibt es durchaus Potential. Ach ja, hinter den Mondzyklus habe ich hier noch nicht geblickt. Gefühlt hatten wir in den letzten acht Wochen fünf Mal Vollmond, und irgendwie steht der Mond immer anders am Himmel. Abends geht es dann noch in die Location, der örtliche Begriff fürs Township, das direkt hinter unserem Projekt anfängt. Dort versuchen wir beide dann in perfekter „Interkultureller Austausch“-Manier, unseren Gastgebern ein wahres deutsches Kulturgut näher zu bringen: Funkyball. Dass hier grundsätzlich nur 0,75er Flaschen ausgeschenkt werden erschwert das Spiel etwas, aber am Ende steht Team Deutschland souverän als Sieger auf dem Platz. Wen interessiert da noch so eine popelige rot-weiße Mannschaft die irgendeinen komischen Pokal gewinnt.  Wir verabschieden uns dann aber schon recht früh, denn am nächsten Morgen steht erst einmal Kirche auf dem Programm. Um sieben Beginnt die heilige Messe und da sollten auch die Freiwilligen anwesend sein.

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Irgendwie schaffen wir es dann auch, uns rechtzeitig aus dem Bett zu schälen und etwas schlaftrunken reihen wir uns hinter den Schwestern an der Pforte ein. Die Kirche ist eine klassische europäische Kirche mit Gebetsreihen, Altar und Glasmosaiken. In einem Land in dem Kirchen auch mal eine Wellblechhütte im Garten des Pfarrers sein können, sind dagegen solche Gotteshäuser durchaus eine Seltenheit. Der Gottesdienst selbst unterscheidet sich wenig von einem deutschem, katholischen, Predigt, Singen, Eucharistie etc. Dazwischen mal der ein oder andere Seitenhieb gegenüber Protestanten oder Moslems und nach einer Stunde war’s auch wieder vorbei. Gibt schlimmeres, und immerhin gab es anstatt Stein- Holzbänke. Einen Vergleich zu einem Gottesdienst in einer der afrikanischen Kirchen kann ich leider nicht ziehen, da mich meine Gastmutter zu keiner Prozession mitnehmen wollte. Wer will kann sich aber hier einen Beitrag eines anderen Freiwilligen aus Orange Farm durchlesen (und oh Wunder, auch er ist ein Nordlicht…).

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Heute sollte eigentlich ein Friseurbesuch auf dem Programm stehen, nach fast drei Monaten ist das auch mehr als nötig. Leider hat der Saloon am Sonntag zu, normale Geschäfte haben zumindest bis mittags offen. Da finde ich dann auch eine Packung Biltong, südafrikanisches Trockenfleisch, in westlichen Gefilden vor allem unter dem Begriff Beef Jerky bekannt. Hier ist das Zeug fast schon spottbillig, 100g kosten grob 1,30€ und macht einfach nur süchtig. Wenn ich nach diesem Jahr noch Platz im Koffer habe weiß ich schon womit der gefüllt wird. Nach dem Mittagessen (Schweinekotlett mit Kartoffelbrei und Blaukraut, geht es mehr deutsch?) zeigt mir Sascha erst mal Teile der Location. Anders als in Orange Farm geht hier die Spanne zwischen Arm und Reich nicht so weit auseinander, und ich würde das Gebiet als etwas ärmer als Orange Farm bezeichnen, auch wenn Reitz selbst durchaus sehr luxuriöse Ecken hat. So gibt es hier noch mehr so genannte Informal Settlements, selbstgebaute Hütten ohne Strom und Wasser. Danach wollen wir den Golfplatz besuchen gehen, neben Südafrikas größtem Mais Silo die wohl einzige Attraktion in Reitz. Zwar sehen wir drei Schwarze dort ihren Abschlag verbessern, aber der Platz ist eigentlich geschlossen und Schläger können wir uns auch nicht leihen.

Ursprünglich war für heute aber geplant, in die nahe liegenden Drakensberge zu fahren, dem höchsten Gebirge im südlichen Afrika, mit Bergen um die 3600 Höhenmetern. Zwar sind wir auch hier schon auf 1800 Meter, trotzdem soll es da ein paar richtig tolle Wanderungen geben. Da wir aber nicht allein dort Hinkommen und keine Schwester mit uns fahren will, fällt das leider vorerst ins Wasser. Aber irgendwann muss ich diesem Flachlandtiroler ja mal echte Berge zeigen.


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