Welcome to Orange Farm

Da bin ich also; Orange Farm, Township, mitten in einer der kriminellsten Gegenden der Welt. Und es ist beeindruckend. Als man mir gesagt hat, ich würde nicht in die Suburbs von Johannesburg, sondern direkt ins Township komme, musste ich erst einmal schlucken. Ihr kennt wohl alle die Vorurteile die man in Deutschland von diesen Enklaven hat. Wellblechhütten, kein Strom, kein fließend Wasser, Mörder und Vergewaltiger an jeder Straßenecke. Nun, ich müsste lügen wenn ich sage, dass dies alles nicht stimmt. Es gibt hier tatsächlich solche Stellen, auch in Orange Farm.  Hier leben mehr Menschen als in einer deutschen Kleinstadt und ähnlich vielseitig sind auch hier die Facetten. Ich wohne hier bei Lonia, einer sehr netten und herzlichen Frau, die ich auf um die 40 schätzen würde, ihrer Mutter sowie ihrem Bruder. Leider habe ich keine Geschwister (wer weiß ob ich mit denen überhaupt zu Recht kommen würde), aber immerhin bin ich, so scheint es mir bisher, bei einer sehr netten Familie untergekommen. Ihre Mutter, Elizabeth, schmeißt hier den ganzen Haushalt und ist, so scheint es mir, fast ständig am Putzen. Vermutlich ein Überbleibsel von ihrem Job als Haushälterin in einem weißen Haushalt.

Das Haus (so etwas wie Apartments scheint es in den Townships nicht zu geben) ist eine kleine rosa Ziegelhütte mit Wellblechdach, hat ein großes Wohnzimmer, Küche sowie zwei Schlafzimmer, eins für mich, eines für die Damen des Hauses. Der Bruder schläft draußen in etwas, was man getrost nach deutschen Maßstäben als Wellblechhüte bezeichnen kann. Aktuell wird in der Wohnung noch renoviert, so wurde das Wohnzimmer erweitert, das Bad wird neu gemacht und für den Bruder wird nächsten Monat eine Ziegelhütte gebaut. Ob es wirklich bei nächstem Monat bleibt ist jedoch fraglich, so hat Lonia zwar vor zwei Monaten für ein Einfahrtstor bezahlt, installiert wurde dies jedoch noch nicht. Wirklich wohlhabend scheint die Familie nicht zu sein, so wurde bei meiner Ankunft die zweite Glühbirne im ganzen Haus angebracht. Gegessen wird demnach im Dunkeln vor dem Fernseher, faszinierenderweise ohne Messer und Gabel: hier wird sogar ein halbes Hähnchen mit dem Löffel gegessen. Auch sonst ist die Ausstattung recht spärlich, in meinem Zimmer sind neben einigen Umzugskartons auch Kartoffeln und Reis untergebracht, mein Dach ist ohne Decke (und ich weiß nicht ob es regendicht ist, zumindest sehe ich hier ein paar Löcher) und warm Wasser gibt es nur aus dem Kochtopf. Zur täglichen Hygiene muss ein Eimer Warmwasser reichen, eine Dusche gibt es nicht. Lonias Cousin in Minibus-Taxi-Fahrer, eine lokale Kuriosität die in Deutschland auf der Stelle verboten würde. Man stelle sich  einen normalen Van vor, ausgelegt für 7-8 Personen, setze 14 wild durcheinanderrufende Leute hinein und entferne Bremsen, Klimaautomatik und unnützen Kleinkram wie Türklinken oder Sicherheitsgurte, und ihr habt eine ungefähre Ahnung von Minibus-Taxis. Im Township und in den nicht so reichen Regionen ist dies die gängige Art der Fortbewegung, ob zur Arbeit, zu Verwandten oder auch nur zur nächsten Straßenkreuzung.

Auf dem Weg vom Arrival Camp zu unserem Haus haben wir noch kurz bei Schule vorbeigeschaut, wo Lonias Cousin ein ähnliches Projekt leitet. Hier werde ich wohl neben meinem Hauptprojekt, Usindiso, an den freien Samstagen aushelfen. Kreativer Kopf des Projekts ist Mdu, ein 21-jähriger IT-Student und ein cleveres Köpfchen. Seit drei Jahren arbeitet er an einem Software-Programm, um den Kindern den Umgang mit dem PC sowie Englisch- und Mathematikkenntnisse beizubringen. Faszinierenderweise scheinen die Kleinen zwar ihre Probleme mit World und Excel zu haben, wie man Need for Speed spielt haben sie aber schnell herausgefunden. Mdu begleitet uns dann noch zu meiner künftigen Bleibe, und später auch zum nahegelegenen Supermarkt, um eine SIM-Karte für mich zu kaufen. Somit habe ich die erste Möglichkeit unser Viertel von Orange Farm etwas näher kennenzulernen. Als ich den beiden von den deutschen Vorstellungen von einem Township erzähle, beginnen beide zu lachen. Unsere Nachbarschaft scheint wohl eher zu den Sicheren zu gehören, auch wenn Lonia bedacht ist, nicht nach Sonnenuntergang noch draußen zu sein. Lange Ausgehnächte gehören also vorerst der Vergangenheit an, aber darum bin ich ja auch nicht hier. Auf dem Weg zum Supermarkt merk ich dann immer wieder die erstaunten Gesichter der Anderen, ein Weißer scheint immer noch ein seltener Anblick im Township zu sein. Der Supermarkt unterscheidet sich nicht besonders von einem Deutschen, zumindest nicht auf den ersten Blick. Man erkennt ein paar Marken wie Kellogs oder Heinz wieder, und was die Gemüse und Frischobst-Auswahl angeht ist er einem amerikanischen Walmart bei Weitem voraus. Nur eine SIM-Karte haben sie nicht mehr, das wird wohl bis Montag warten müssen. Wir kaufen nur etwas zu Essen (Hähnchen, Reis und etwas, was an gekochten Lauch erinnert) und gehen wieder Heim. Gegessen wird hier zwar zusammen, aber vor dem Fernseher und im Dunkeln. Denn nicht überall gibt es Glühbringen, in meinem Zimmer wurde erst kurz nach meiner Ankunft eine eingebaut, die anderen Zimmer folgen wohl noch.

Am nächsten Morgen, Sonntag, dann die nächste Überraschung: Duschen ist nicht. Es gibt zwar fließend Wasser, wenn auch langsam, aber keine Dusche. Ich muss mich in der Wanne also mit einem Tuch waschen, denn bis die Wanne voll wäre, bin ich wieder in Deutschland. Warmes Wasser gibt es aktuell auch nur aus dem Wasserkocher, wobei dies wohl nicht der Normalzustand ist. Nach dem Frühstück geht Lonia in die Kirche, will mich aber vorerst noch nicht mitnehmen sondern mir erst einmal die Möglichkeit geben, mit Mdu die Umgebung anzuschauen. Mdu wohnt in Palm Spring, einem kleineren Township neben Orange Town und zeigt mir erst mal den Weg zur Mall und später seine Wohnung. Bis auf den etwas verdörrten Rasen unterscheidet diese sich wenig von einer deutschen Wohnung, auch im Township gibt es durchaus Komfort.

Im späteren Verlauf fahren wir dann mit einem Minibus-Taxi zum großen Shoppingcenter. Normal dauert die Strecke laut Mdu vielleicht 20-30 Minuten, wird sind nach einer Stunde sind wir da. Besonders verlässlich sind die Taxis hier nicht. Auf der Fahrt sehe ich aber, dass es mich mit meiner Bleibe noch um einiges schlimmer treffen hätte können. Wir fahren durch einige Viertel, die dem deutschen Bild von Afrika mehr als gerecht werden, inklusive brennenden Autoreifen im Straßengraben.  Das Shoppingcenter könnte aus den USA kommen, inklusive Klimaanlage und KFC. Hier sehe ich auch das erste Mal wieder andere Weiße, die mich fast genauso komisch anschauen wie die Schwarzen im Township: ein Weißer in Begleitung von mehreren Schwarzen scheint auch nicht die Normalität zu sein. Der Rückweg war wenig spektakulär, außer dass meine Gastmutter meine Begleiter fünf Mal angerufen hat, wo ich denn bleibe. Nur knapp drei Stunden zu spät sind wir dann auch wieder zu Hause – Pünktlichkeit dürfte das erste sein, was ich hier verlerne. Morgen geht es dann zum ersten Mal ins Projekt, wo ich hoffentlich auch Internet haben werde.


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