Wielkanoc, Midterm oder: Alles fein säuberlich in Abteile verstaut

Hejka!

Ich lebe noch, das dürfte die erste Feststellung sein, die ich zu treffen habe. Zwar habe ich keine Ahnung, wie lange ich nichts mehr von mir hören lassen habe, aber da ich schon von diversen gelangweilten Lesern, die das hier nur aus Pflichtgefühl durchwälzen, Beschwerden erhalten habe, dachte ich mir, ich müsste doch wieder die Tastatur bearbeiten … Genug der Schachtelsätze, ich habe mir selbst ein Zeitlimit für das Schreiben dieses Eintrags gesetzt und damit wird er wohl extra lang werden 😛

Um die Übersicht nicht zu verlieren, steigen wir alle mal in den Zug (es ist ein IC der PKP, um genau zu sein) und tuckern durch die letzten Wochen. Mal sehen, wen oder was man in den einzelnen Abteilen alles so trifft.

1.Abteil. Der Waggon ist unbekannt. Wir haben die Wahl zwischen 12, 13 und einer Zahl, die mir entfallen ist. Richtung und Name des ICs sind ebenfalls der Fantasie des Lesers überlassen. Jedenfalls schiebe ich mich durch den schmalen Gang, reiße die Abteiltür auf und treffe auf den März, der am Fenster lümmelt und Kekse futtert. Auf seinen Knien steht der Laptop meiner Gastfamilie. Jetzt hebt er den Kopf und guckt mich an. Im März war ich eigentlich gefühlt dauerkrank. An sich waren es nur zwei Wochen mit den unterschiedlichsten Ohrnebeschwerden und wasweißich, aber es reichte aus, um mich zwei Wochen lang lahmzulegen und mich von meinem Schokoladenzugang abzuschneiden, den der Carrefour in der Galeria Krakowska bildet. Mein in dumpfer Vorahnung angelegter Vorrat verschwand auch sehr schnell und ich habe herausgefunden, dass ich auch für kurze Zeit von Nutellabrötchen leben kann, wenn es gar nicht anders geht. Als ich wieder gesund war und verwirrt durch die Schule stolperte, gab es gar keine Schokolade mehr für mich und ich habe es trotzdem überlebt. Nur mein Polnisch war noch leicht angeschlagen und machte Ferien im Schränkchen unter meinem Schreibtisch.

2.Abteil. Auch hier sitzt der März, es scheint ihn mehrfach zu geben. Allerdings ist er weitaus lebendiger als sein vorheriger Kollege und hat auch den nervigen Computer ausgeschaltet, dafür das gesamte Abteil mit irgendwelchen Zeichnungen ausgekleidet. Da das Wetter mir es nur einmal erlauben wollte, den Hund meiner Gastfamilie an die Weichsel zu entführen, saß ich größtenteils weiterhin drinnen und erwartete Ostern. Mein Polnisch hatte sich gut erholt, nachdem ich es aus dem Schrank geholt hatte und ich labere mehr als je zuvor. Ich habe da so eine Ahnung, dass uns im nächsten Abteil eine ulkige Erfahrung erwarten wird, aber das gehört ja zu – Ostern? Zumindest lief der Alltag in der Schule alltagmäßig ab, wenn mich nicht alles täuscht, schrieben wir in Englisch einen Test über Conditionals, bei dem ich in der Übersetzungsübung (Bedingungssätze vom Polnischen ins Englische) ohne Wörterbuch immerhin 17/20 Punkten erreicht hatte, was mir am Ende eine +4 einbrachte. Ein Überraschungserfolg, da ich mit so etwas nicht rechne (normale Ergebnisse sind 37%, das macht eine 1). Wird wohl auch der Einzige gewesen sein. Viel mehr dürfte eigentlich nicht los gewesen sein. Hatten wir irgendein Projekt? Wenn ja, dann habe ich es schon wieder vergessen. Wann wir als polnischer Adel verkleidet in der Schule rumgelaufen sind, weiß ich nicht mehr. Es kann im Februar gewesen sein. Da hatten wir eine Szene aus Pan Tadeusz aufgeführt, dem wohl bekanntesten Nationalepos aus der Feder von Adam Mickiewicz. Beinahe alle Polen können einen Teil der Einleitung aufsagen: „Oh Litauen, mein Vaterland! Du bist wie Gesundheit usw.“ Ich glaube zumindest, dass es ungefähr so beginnt, besonders gut aufgepasst habe ich in der Stunde nicht :DD Bei der Aufführung gab es dann auch Bigos, ein typisches polnisches Gericht zu essen.
Nach ein oder zwei Wochen kam schließlich der letzte Schultag vor den Osterferien, wenn man die so nennen kann, mit einer Aufführung namens „misterium męki pańskiej“. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das am besten übersetzen kann. „Geheimnis der Leiden des Herrn“ vielleicht? Jedenfalls ging es zunächst um die Kreuzigung Jesu und am Ende gab es stundenlange Monologe verschiedender Personen, die in der biblischen Geschichte daran beteiligt waren. Es wurde recht eindrucksvoll mit Musik unterlegt.

3.Abteil. Oh, da haben wir ja die Osterferien sitzen, ein großes Abteil. Und ruhig. Am ersten Tag wachte ich zunächst auf und mir wurde klar, dass ich auf Polnisch geträumt hatte, und nicht nur einzelne Wörter. Ziemlich schräg, wenn man aufwacht und feststellt, in einer Fremdsprache geträumt zu haben und einen ganzen Vortrag gehalten zu haben – natürlich mit deutschen Wörtern, da mein schräges Referatsthema „Tagwärme“ war, aber dennoch … Gründonnerstag wurde aufgeräumt und geputzt und noch mehr aufgeräumt und geputzt. Das zog sich auch noch über den Karfreitag hinweg – und da haben wir es. In Polen heißen die Tage alle „Wielki Czwartek, Wielki Piątek, Wielki Sobota, Wielki Niedziela“, also immer die Wochentage mit dem Vorsatz „groß“. Groß war auch die Menge an Essen, die am Karsamstag zubereitet wurde. Da meine Gastschwester für die Ente zuständig war und nicht backen wollte, steuerte ich zu den ganzen anderen Kuchen (etwa fünf oder so) noch einen Russischen Zupfkuchen bei. Normalerweise backe ich nicht und sage, dass ich nicht kochen kann, nur mein Gastvater machte da so seine Scherze, na dann solle ich einen Kuchen machen. Die Idee fand ich dann doch nicht so schlecht, schickte eine SMS an eine Freundin in Deutschland, die mir Eierschecke vorschlug und mir fiel der Zupfkuchen ein. Rezept herausgesucht, im Tesco einkaufen gegangen (so ein Riesenteil, aber keine Semmelbrösel!), und am Samstag den Kuchen gebacken. Mein Gastvater wollte es nicht glauben, der Rest der Familie war begeistert. Und ich habe mich nur gewundert, wie ich diese Schüssel an dem Rührgerät wieder einsetzen kann, da ich normalerweise nur mit einem normalen Handrührgerät umgehen kann. Am Samstagmorgen waren wir noch in der Kirche, um einen Korb mit bemalten Eiern, Brot/Brötchen, Salz, Schmalz und Pfeffer, Schinken, Wurst und Süßigkeiten (ich hoffe, ich habe da jetzt nichts vergessen) segnen zu lassen. Verziert wurde er noch mit bukszpan, also Buchsbaum.
Sonntag war dann der Ostersonntag, und wir wurden zunächst mit Schnee begrüßt. Das nicht wenig, wenn ich ehrlich bin. Den ganzen Tag schneite es wie verrückt, aber es änderte an der guten Laune in der Familie nichts. Wie immer bei größeren Familienfesten gab es viel zu essen, alle saßen stundenlang am Tisch und unterhielten sich und auf meinem Fotoapparat dominieren Fotos von Kuchen und Kresse (die sah so toll aus).
Ostermontag ist ein besonderer Tag in Polen, der heißt ausnahmsweise nicht „wielki“, er gehört ja auch nicht mehr zur „Wielki Tydzień“. Der „lany poniedziałek“, der nasse Montag, begann am Vorabend mit der Drohung meines Gastvaters mir gegenüber, mich am nächsten Morgen punkt 7 Uhr mit einem Liter Wasser aus dem Bett zu schmeißen. Das hat er dann doch nicht gemacht, es lief auf ein paar Spritzer aus einer Wasserflasche heraus, aber vielleicht zum Brauch an sich: Der Tag wird auch „śmigus- dyngus“ genannt und es wird vermutet, dass es ein heidnischer Brauch zu Beginn des Frühlings war. Ursprünglich wird an diesem Tag morgens den Mädchen von den Jungen ein Eimer Wasser über den Kopf gekippt. Das soll Glück und Schönheit bringen und gleichzeitig sicherstellen, dass sie schnell verheiratet werden. Heutzutage wird es damit bisweilen leicht übertrieben, aber so schlimm war es bei mir nicht. Bei den anderen wohl auch nicht, soweit ich das weiß.

4.Abteil. Was sitzt denn da die Schule rum? Lümmelt in der Ecke und blockiert mit den Beinen die Abteiltür? Lassen wir sie mal mit dem Schaffner allein, der gerade nach ihrer legitimacja, dem Schülerausweis, gefragt hat. Ich war ja auch nur einen Tag, und das auch nicht zur Gänze.

5.Abteil. Eine Zugfahrt im Zug. Nach etwas Chaos um das Midterm, das in Lublin stattfinden sollte, ging es am Donnerstagmorgen von Krakau aus mit dem Zug nach Lublin. Vorher erreichten uns nur apokalyptische Mails mit Planänderungen, Schlafsackaufforderungen und eine Anweisung, die sehr nach unmöglich klang: Warme Sachen, aber nicht so große Rucksäcke. Als ich endlich alles in meinen Rucksack gestopft hatte, von dem ich dachte, dass ich es brauchen könnte, mussten noch mein Schaf (ja, DAS Schaf) und die Hausschuhe mit, die beinahe den Schlafsackbeutel gesprengt hätten. Glücklicherweise war der zunächst nicht aufzufinden und später nicht passend, sonst hätte ich die Dinge mit der Hand tragen müssen. Die Zugfahrt war angenehmer, als jede Horrorgeschichte, die jeder Pole aus dem Ärmel schütteln kann, sobald man nur die PKP erwähnt, erwarten ließ. Eine Reihe der Argumente: Polnische Züge sind langsam, sie sind alt, sie sind unbequem, sie sind immer zu spät und allgemein einfach nur doof. Als der IC Richtung Warszawa Zachodnia im Hauptbahnhof in Krakau einquietschte, sah er ja noch ganz abenteuerlich aus, aber innen zeigte sich gleich schnell das Gegenteil: Große Abteile, enger Gang. Bequeme Sitze. Leider ließen sich die Fenster im Abteil nicht öffnen, dafür gab es auch hier Laptopsteckdosen und andere Annehmlichkeiten wie viel Stauraum für Gepäck, da die Züge recht hoch sind. Auf dem Gang wurden die Stationen, die Geschwindigkeit (lag meist zwischen 80-120km/h, also wie ein deutscher Regionalexpress, wie schnell ICs fahren, weiß ich nicht), Datum, Uhrzeit und der Name des Zuges angezeigt, dank Platzreservierung musste keiner in eine Ecke gedrängt halb auf seinem Gepäck hocken. Und eine Stille herrschte dank dieser Abteile! Es war genial. Interessanterweise gab es sogar warmes Wasser auf der Zugtoilette, darüber haben wir uns alle gewundert. Mit „Kinga“, so hieß also unser Zug, fuhren wir entspannt und in der Zeit durch menschenleere Wälder, Felder und Pampa voller Fußballfelder im Nirgendwo bis nach Dęblin, dort stiegen wir um und mussten eine halbe Stunde auf einen verspäteten Zug nach Lublin warten, aber es hatte ja auch ziemlich geschneit. In Lublin schließlich kamen wir in eine Stadt voller Schneematsch (das Wetter war wirklich nicht gut) und erfreuten uns am Midterm.

6.Abteil. Schlafsäcke, AFS- Werbung in Schulen und ein Fernsehbesuch teilen sich hier das Abteil. Eine bunte Mischung, die angeregt miteinander kommuniziert. Nur ein Schlafsack starrt müde vor sich hin aus dem Fenster. Gerade ziehen zwei Holztore vorbei, um sie herum sind nur Kiefern, Kiefern und noch mehr – Krüppelkiefern. Nicht mal ein besonderer Weg ist zu erkennen. Im Allgemeinen war das Camp weniger Camp als AFS- Werbung in Lublin. Klar hatten wir zwei Workshops. Im ersten haben wir Wörter, die uns im Polnischen gefallen, gesammelt und aus ihnen eine Geschichte geschrieben – auf Polnisch, wie denn sonst. Im zweiten ging es um ein paar eher persönliche Fragen, die wir jeder für sich beantworten sollten, z. B. was wir von unserer Gastfamilie gelernt haben, was diese tut, damit wir uns wohlfühlen und was wir tun, damit sie uns besser kennenlernt. Darauf konnten wir auf Polnisch oder auf Englisch antworten, ich habe, wie die meisten anderen, auf Polnisch geantwortet, da dies inzwischen recht einfach ist. Zumindest einige grundlegende Dinge. In zwei verschiedenen Schulen, einem Liceum (Schüler von 16-19) und in einem Gimnazjum (Schüler von 13-16), sprachen pani Magda und die anderen AFS- Mitarbeiter sowie zwei Freiwillige über AFS Polska. Das exisitiert eigentlich erst seit Ende Oktober, jetzt wird es ausgebaut und deshalb wird Werbung in ganz Polen gemacht. Die Austauschschüler könnten keine bessere sein, also haben wir über unsere Erfahrungen geredet, Energizer gemacht und neue Kontakte geknüpft, wenn auch teilweise nur für den Moment. Dann wollen wir mal hoffen, dass die Werbung für viele neue Bewerber in diesem Jahr sorgt^^
Auch im Fernsehen, bei TVP Lublin waren wir, das ist das polnische Staatsfernsehen im Umkreis von Lublin, wurde Werbung gemacht, indem wir im Prinzip zu einer Talkshow zu Gast waren. Nicht ganz Talkshow, eher so ein Infogelaber unter dem Titel „Zobacz, co słychać“, also „schau, was passiert“ und auch nicht alle von uns mussten vor die Kamera. Es war aber ganz lustig, da wir beim Dreh zusehen durften und abends haben wir es dann im Fernsehen gesehen.
Die Schlafsäcke kamen daher, dass wir in einem Zentrum geschlafen haben, in denen behinderte Menschen Theater spielen, Musik machen oder Kunst haben, und dort wurde uns der Bühnenraum zur Verfügung gestellt. Es war recht hart und in der zweiten Nacht war eine Lampe die ganze Zeit an, die wir sie aus irgendeinem Grund nicht ausschalten konnten, aber wenig Schlaf ist auf Camps ja vorprogrammiert. Was hatte ich also erwartet?!

7. Abteil. Die Rückfahrt hat sich mit einem Buch in die Ecke gesetzt. Hier war der Zug weniger komfortabel, aber er war durchgehend und überpünktlich. Es gab weder Steckdosen in den Abteils noch warmes Wasser auf der Toilette noch Geschwindigkeitsanzeigen, es zog durchs geschlossene, aber undichte Fenster herein und die Strecke war genauso leer wie auf der Hinfahrt. Oft hat man sich gefragt, ob es da draußen überhaupt etwas anderes gibt außer Bäume, Rehe und Fußballfelder. Wahrscheinlich sind letztere sowieso eher für Rehe gedacht als für Menschen, wenn die da so mitten im Wald sind. Dennoch drückte das die Laune nicht und am Ende mussten wir sogar in Hektik das Abteil aufräumen, da der Zug eine halbe Stunde früher als erwartet im Bahnhof in Krakau war. Wir hatten mit einer halben Stunde gerechnet, dann wurden uns fünfzehn Minuten gesagt, am Ende waren es fünf. Der Zug war nicht verspätet, er war verfrüht, sollte es dieses Wort geben. Überraschend für alle. Aber durchaus dem Vorurteil entgegenwirkend, die Züge seien immer zu spät.

8.Abteil. Eine Ansage versteckt sich dort, eine Schwarzfahrerin. „Dieser Zug endet dort. Bitte alle aussteigen. Wir wünschen ihnen noch eine angenehme Weiterfahrt -“ Hm. Der letzte Teil stimmt wohl nicht so ganz. Gut, Fehler sollte ich mir auch erlauben dürfen. Immerhin bin ich schon sieben Monate nicht mehr mit der bei uns verschrieenen Deutschen Bahn gefahren. Was solls, in diesen „Genuss“ (eigentlich mag ich Bahnfahren, auch in Deutschland) komme ich früh genug wieder, jetzt beende ich diesen Blogeintrag, bevor der noch länger wird.

Viele Grüße aus Polen!

 


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