Verspannte Weihnachten und heroisches Neujahr…

…bei der Beschaffung des Weihnachtsbaumes.

Hallo Leute!

Wow! War das eine Zeit! Weihnachten und Neujahr, wohl die spannendsten Momente im bisherigen Verlauf des Jahres (mit Ausnahme der Ankunft) und sicher auch einer der verklemmtesten, unruhigsten Momente; mit viel Verspanntheit und Unsicherheit.

Aber erst mein immerwährend erstes Thema: das lustige lettische Wetter. Dabei muss ich in zwei Hälften unterscheiden. Die erste, zeitlich einige Tage nach meinem letzten Artikel (am 9.12.) beginnend und endend mit dem ersten Weihnachtsfeiertag, ließ es fast jeden Tag schneien bei Temperaturen von knapp unter zehn Grad im Minus. Die zweite Hälfte jedoch, die leider noch bis heute andauert, findet generell über dem Nullpunkt statt, bei selten einem Grad, öfter stattdessen sechs. Der Schnee taut langsam, aber sicher, ab, und die Straßen werden ekelig und rutschig. Dennoch ist dies nicht dieselbe Ekeligkeit, wie sie in Deutschland vorgefunden wird, wenn der Schnne taut, nein, hier ist sie sogar etwas romantisch, inspirierend schön, weil so naturgebunden, ja, höchst poetisch, wogegen das raue Matschwetter deutscher Städte einen ungleich schlechteren Gemütszustand provoziert. Allerdings kann es ja auch einfach daran liegen, dass diese Umgebung für mich noch neu ist, eine einfache Änderung, die dann gleich als „besser“ empfunden wird. Wie es auf dem deutschen Land, außerhalb der größeren Städte, aussieht, kann ich ja auch nicht sagen, deshalb kommt es höchstwahrscheinlich nur mir, aufgrund meiner Erfahrungswerte, so vor.

Weihnachten weit weg war für mich, wie schon erwähnt, ungewohnt, aber auch ein wirklich tolles, interessantes Erlebnis, eine Möglichkeit, sich mit verschiedenen Themen bewusst auseinanderzusetzen. Zum Beispiel das Vergehen der Zeit. Vor allem der Jahreswechsel bestätigt mich ja nun alle Jahre wieder, dass jedes Mal die Zeit schneller gewesen ist, ich mich jedes Mal besser an das letzte Jahr erinnern kann, und es so aussieht, als wäre die Zeit, wenn doch in der Gegenwart nicht selten sehr schwer und scheinbar unendlich langsam, wie im Flug vergangen. Sich dies einmal klar zu machen, ist im Grunde nicht schwer. Aber in diesem Auslandsjahr gibt es noch diesen zusätzlichen Schuss Wehmut, der nicht nur die Gedanken verklärt, sondern auch die Klarheit des Vergehens der Zeit in eine vollkommene Gewissheit abändert, die nicht nur den Blick auf die Vergangenheit, sondern gleichsam den in die Zukunft ermöglicht, sodass das Bewusstsein sozusagen noch eine Stufe höher gestiegen ist. Das Vergehen der Zeit ist nicht das einzige Beispiel, was ich für diesen Prozess nennen könnte, aber wohl das jüngste und eindrücklichste, was mir jetzt in den Kopf springt. Allgemein gibt es – und gab es – in diesem Auslandsjahr schon einige solcher Momente, bewusstwerdende Gefühle und Gedanken, die mich eine Ebene höher stellen als mein früheres Ich. Die geistigen Veränderungen, denen ich hier unterliege, sind enorm. Auch das musste sich ja aber erst bewusst gemacht werden.

Aber Schluss mit den Gedankenspelereien, jetzt zu der Erlebnischronologie: Das erste lettische Schulhalbjahr endet mit dem Kalenderjahr zusammen. Und die letzte Schulwoche ist, wie in Deutschland, hinterm Notenschluss und wird somit von den Lehrern mit Filmen, Spielen und netten Geschichtchen/Unterhaltungen begangen, einige wenige machen noch wirklich Unterricht. Am Donnerstag hatte ich dann einen wunderbaren Schulball mit Live-Musik (!) und am Freitag eine ganze halbe Stunde Schule. Auch hier wurde etwas Wind gemacht um den Weltuntergang, aber insgesamt nicht viel. Ein Lehrer wünschte uns einen schönen Weltuntergang, ein anderer verabschiedete uns mit den Worten „Fröhliche Weihnachten und ich seh euch nach dem Ende der Welt“ und unsere Klassenlehrerin gab jedem von uns eine Kerze, „um nicht im Dunkeln zu stehen“. Später, als die Welt dann doch nicht unterging, war ich mit meiner Gastfamile im Wald, um uns einen echten Tannebaum selbst zu fällen. Unheimlich tolle Sache, denn im Wald reichte der Schnee oft bis an unsere Knie. Die Tanne haben wir jedenfalls draußen vor unserer Wohnzimmerglastür aufgestellt, wo sie bis heute steht (oder liegt, weil der stabilisierende Schneehaufen, der sie einst hielt, geschmolzen ist). Am Heiligen Abend sind wir tatsächlich in die Kirche gegangen und anschließend haben wir ganz klein gefeiert für eine uns besuchende Familie. Große Bescherung wäre erst am 26., wenn der Bruder meiner Gastfamilie zu Besuch käme. Wie bitte?!? Das ist keineswegs lettische Tradition, aber war mal sehr interessant… ob positiv oder negativ kann ich allerdings noch nicht beurteilen. Wie gesagt, verbrachte ich die Tage in Anspannung, mehr Wehmut als sonst, allerdings in Gedanken an die heimischen, familienspezifischen Traditionen und weniger an meine Familie, mit der ich dann aber auch am 24. meine eigene kleine Bescherung vor dem Tor in die Welt „Skype“ abhielt. (Meine Eltern haben mir unverantwortlicherweise Geschenke geschickt…) Naja, am Ende wurde (natürlich) alles gut, ich war erleichtert, als die Weihnachtsfeiertage endlich vorbei waren. Auch die Anspannung ließ ab und bis Silvester war sie fast verschwunden. Wir haben das neue Jahr bei Freunden begrüßt, von denen man die nahen Feuerwerke sehen konnte (wir selbst haben nicht geballert) und dabei tranken wir sogar deutschen Sekt. (ähem…) Der Moment der Nullstunde des begonnenen Jahres jedenfalls war super; die lettische Nationalhymne im Radio zu den fremden Feuerwerken in mehr oder weniger weiter Ferne machte diesen Augenblick fast schon heroisch und besaß eine Kraft, wie ich sie selten erlebt hatte (das hat die lettische Hymne irgendwie so an sich…). Für das nächste Jahr habe ich mir schlichtweg vorgenommen, dass es bitte mindestens genauso gut werde wie 2012. Ich hoffe, dass ist nicht zu viel verlangt… 🙂

Damit möchte ich mich verabschieden, ich melde mich wieder in nicht allzu langer Zeit, in einer Woche ist schon das „Mid-Stay-Camp“ von AFS, da werde ich sicher drüber schreiben und auf Dinge eingehen, die ich heute nicht berücksichtigt habe.

Ein frohes neues Jahr an alle mit Grüßen aus Lettland,

Felix


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