Boże Narodzenie … Oder: Wie ich Weihnachten überlebte

Hallo an alle da draußen in der weiten Welt!

Ich habe jetzt schon ein Weilchen nichts mehr von mir hören lassen, aber das ist nur halb so schlimm, denn hier folgt nun ein gaaanz langer, ausführlicher Artikel mit … deutschen Buchstaben! Ich habe durch Zufall, oder eher durch die Zwischenberichtsschreibpflicht vom AFS die Möglichkeit entdeckt, dass mir Word die deutsche Sprache zur Verfügung stellt und das im Vergleich zu Copy& Paste mit Google- Übersetzer sogar relativ schnell geht. Weitere Informationen darüber würden euch nur schnell langweilen, also beiseite damit und los geht es!

Den letzten Artikel habe ich zwei Tage vor Nikolaus eingestellt, also beginne ich damit. Mikołaj, wie der Nikolaus auf Polnisch heißt, gibt es auch hier. Am Abend des 5. Dezembers stellt man ein Glas Milch und ein paar Kekse auf die Fensterbank (ursprünglich der Kamin, aber den gibt es im Haus meiner Gastfamilie nicht), am nächsten Morgen hat irgendwer die Kekse gegessen und die Milch getrunken. Bei uns fehlte nur die Milch, die Kekse hatten die Nacht überlebt. Geschenke gab es natürlich auch, nur fand ich sie nicht wie in Deutschland in meinen Schuhen wieder, sondern vor meinem Bett. Fein säuberlich eingepackt wartete eine Tasse, Socken und eine Menge Schokolade darauf, ausgepackt zu werden. Morgens hatte ich natürlich keine Zeit, denn ich musste in die Schule, wo der ganze Tag voller Überraschungen war. Die Lehrer wie auch die Schüler hatten eigenartig gute Laune, es war fast wie Ferienstimmung. Es gab keine Hausaufgaben, jeder sollte, entgegen des sonstigen strikten Kleidungscodes (blau, blau und noch einmal blau) etwas Rotes tragen und in den Pausen wurden via Schullautsprecher Weihnachtslieder eingespielt. Es war eine ganz andere Art, wie meine Schule auf einmal herüberkam!

 

In den folgenden Wochen stieg die Vorfreude auf Weihnachten, ein verzweifeltes Geschenke kaufen und Pakete senden begann (ich habe noch nie so sehr über die Post geschimpft wie in den letzten zwei Wochen … Am Ende kam doch alles rechtzeitig an.)  und trotz allem fühlte es sich nicht an wie Weihnachten. In Polen werden die Häuser seltsamerweise bestenfalls in der letzten Woche vor Weihnachten geschmückt, nur in der Region Podkarpackie habe ich etwas mehr Schmuck gesehen. Alles wirkte also so wie immer, nur die Galeria Krakowska (dieses große Einkaufscenter, von dem ich schon manchmal geschrieben habe) wartete ab Anfang Dezember mit einem für deutsche Einkaufscenterverhältnisse spärlichen Schmuck auf.

Allerdings musste ich nicht auf einen Weihnachtsmarktbummel verzichten: In Krakau war ich auf zweien, vor der Galeria Krakowska und auf dem Rynek. Dort konnte man recht billig typisch polnische Produkte erstehen, was natürlich sehr gut als Geschenk geeignet war. Lange habe ich nach Gebrannten Mandeln gesucht (kein Weihnachtsmarkt ohne Gebrannte Mandeln! J . Zunächst habe ich nur einen Stand mit deutschen Süßigkeiten (Dominosteine, Lebkuchen von deutschen Firmen und so weiter) gefunden, doch letztendlich konnte ich zwei Tage später meiner Nase vertrauen und fand welche. So glücklich war ich schon lange nicht mehr, da machte es auch nichts mehr aus, dass ich das Musikgeschäft, das ich gesucht hatte, um ein Klarinettenblatt zu kaufen, erst 12 Minuten nach Öffnungsschluss fand. Auch das passiert!

 

In meiner Klasse hatte ich gleich zweimal eine Präsentation über Weihnachten in Deutschland und in meiner Familie, was sehr interessant war. Eigentlich war es im Deutschunterricht, aber ich habe vorrangig Polnisch gesprochen, denn es gab viel zu erklären. An den Dominosteinen und am Christstollen wäre ich fast verzweifelt, aber am Ende wussten alle ungefähr Bescheid. Nun gibt es also einen neuen Witz in meiner Klasse: Weihnachten ohne jarmuż – also Grünkohl – wie soll ich das nur aushalten?! Haha. Besser den ganzen Tag Grünkohl als zwölf Gänge, aber da greife ich vor.

 

Am 21. Dezember, dem letzten Schultag vor den Ferien, hatten wir in der Schule ein Konzert, Weihnachtslieder, und danach wurden Oblaten gebrochen, jeder wünschte sich gegenseitig das Beste. Es war ein bisschen wie der richtige Heiligabend in der Familie, denn danach gab es Essen und schließlich konnte jeder nach Hause gehen. Das war das erste Mal, dass ich mit dem Oblatebrechen- Brauch in Berührung kam.

Bevor am Heiligabend das Essen beginnt, nimmt sich jeder eine geweihte Oblate und geht zu jemanden aus der Familie. Man wünscht demjenigen das Beste, zum Beispiel Gesundheit, Glück und Freude, vielleicht noch ein paar spezielle Wünsche, auf die jeweilige Lebenssituation angepasst. Dann bricht man sich ein Stück von der Oblate des anderen ab, und der Gegenüber wiederholt das Ganze. Dann umarmt man sich und geht zum nächsten. Die restliche Oblate, die noch übrig bleibt, wenn man dies mit der ganzen Familie gemacht hat, isst man entweder allein oder klebt sie, wie meine Gastschwester, von unten an den Teller. Wenn sie kleben bleibt, wird man irgendwann heiraten. Fällt sie wieder ab, dann eben nicht. 🙂

 

Am 24. schließlich fuhren wir morgens mit allen Geschenken im Schlepptau nach Krosno, zu meiner Gastoma, meiner Gasttante, meinem Gastonkel und meinen Gastcousinen. Glücklicherweise braucht man jetzt nicht mehr drei Stunden dorthin (wie beim ersten Mal im September), sondern nur noch zwei, denn die Autobahnarbeiten sind ein ganzes Stück vorangekommen. Inzwischen fährt man bis Tarnów Autobahn, erst danach diese Überlandstraßen , die ewig dauern. In ein paar Monaten ist der Teil sicher auch noch fertiggestellt!

In Krosno angekommen, gab es erst einmal eine herzliche Begrüßung durch die Gastoma und Pusia, ihrem Hund, dann wurden die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gestellt und ein weiteres Frühstück gegessen. Mehr als Frühstück sollte man auch nicht essen, denn zum Abendessen gibt es genug. Dann gingen wir über die Straße zu meiner Gasttante und dort halfen wir beim Kochen. Jeder fragte mich, ob ich auf meiner Klarinette spielen würde, und wenn ja, wann. Mein Gastonkel holte auch sein Akkordeon heraus und bot ein Zusammenspiel an, was aber aufgrund unterschiedlicher Lagen dann unmöglich war (keiner wollte auf die Schnelle transponieren, und es war nicht ganz einfach, das erst einmal auf Polnisch zu erklären. Allerdings sind viele Wörter gleich, oder so ähnlich, dass man sie versteht. Musik ist eine internationale Sache).

Nach dem Kochen ging es am frühen Abend schließlich zur Gastoma, wo schon der Tisch gedeckt war und alles auf den Beginn der Feier wartete. Während sich alle um den Tisch versammelte, wurde mir noch schnell einer der wichtigsten Parts übertragen (Wer liest heute eigentlich aus der Heiligen Schrift vor? – Zuzia (meine Gastschwester). – Warum ich? Józia (ich) kann doch auch lesen. Hier, probier mal. Zwei Minuten später lag die Bibel auf meinem Teller und ich sollte vorlesen.) und dann begannen wir. Nach einem kurzen Gebet las ich meine Bibelstelle vor (alle freuten sich, dann wurde gefragt, ob ich das geübt habe. Als klarwurde, dass es ein Spontanentschluss gewesen war, freuten sich alle noch mehr) und dann brachen wir die Oblaten.

Schließlich setzten sich alle und das Essen ging los. Traditionell gibt es in Polen zwölf Gänge, glücklicherweise zählt das kompot (eine Art Saft, aus gekochten Früchten) und sogar das Brot zum Bigos dazu, sodass es in Wirklichkeit weniger sind. Diese zwölf Gänge sollen die zwölf Apostel symbolisieren,  alles ist ohne Fleisch. Wichtig ist der Karpfen, ohne den gibt es keine richtige Wigilia, also einen Heiligabend. Dieses Jahr gab es zu den traditionellen Essen (Bigos grzybowy,  Kapusta z grochem,  Karp, Kulebiak, Pierogi z suszonymi śliwkami und Kutia) auch noch original Dresdner Christstollen, den ich extra aus Deutschland herbei geordert habe.

 

Beim Essen wurde viel geredet und gelacht, danach teilte mein Gastonkel für die anwesenden Männer Nikolausmützen und für die Frauen Bänder mit Sternen dran aus, die jeder bis zum Ende der Feier tragen musste. Meine Gastschwester begann mit dem Geschenkeverteilen und jeder musste das Geschenk sofort und unter großen Ohs und Ahs öffnen. Oft waren es Kleinigkeiten oder lustige, teilweise auch sinnlose Dinge wie Unterhosen oder Krawatten mit Schneemännern.

Schließlich wurden Weihnachtslieder gesungen (ich hatte meine deutschen Soloparts 🙂 ) und als krönenden Abschluss sangen wir „Stille Nacht, Heilige Nacht“ strophenweise auf Deutsch und auf Polnisch. Es war einfach toll.

 

Am nächsten Tag gingen wir morgens in die Kirche (keiner wollte zur Pasterka, der Mitternachtsmesse, gehen, weil dort zu viele Leute waren) und danach gab es die Reste vom Vorabend zu essen. Nachmittags spielten wir Weihnachtslieder ( mein Onkel polnische auf dem Akkordeon und ich deutsche auf der Klarinette, am Ende habe ich die polnische Melodie gespielt und der Rest der Familie hat gesungen) und aßen noch mehr. Wer nicht vier Stunden lang an einem gedeckten Tisch sitzen, essen und reden kann, der sollte nicht nach Polen kommen, denn hier ist das Bestandteil von Familienfesten!

Am Abend kehrten wir wieder nach Piekary zurück, vollgefuttert bis obenhin, dennoch nicht geplatzt, was meine anfängliche Befürchtung war, deshalb dieser Titel. Ich war mir wirklich sicher, dass ich Weihnachten aufgrund von Überfütterung nicht überleben werde, aber am Ende bleibt es wohl bei ein paar Kilos mehr und alles war halb so schlimm. Polnische Weihnacht ist etwas Besonderes, und ich bin froh, das erleben zu dürfen.

Jetzt laufen die Planungen für Silvester, Weihnachten ist also bis auf ein riesiger Berg Süßigkeiten, der noch gegessen werden will, und einem Weihnachtsbaum Geschichte … Aber was für eine! 🙂

 

Viele Grüße an euch alle, Josefine


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