Gedanken nach drei Monaten

Hallo,

es gibt wieder etwas zu lesen, nachdem ich ein paar Wochen nichts von mir hoeren lassen hatte.

Uebrigens gab es vor kurzem schon wieder Schiessuebungen in PO, offenbar kommt dies oefter vor… Na dann kann ich mich ja noch auf etwas gefasst machen.

Es sind jetzt wirklich schon drei Monate vergangen, eine Zeit, die ich nicht in Worte fassen kann, weil ich sie nicht begreifen kann. War es schnell oder langsam? Ich weiss es nicht, denn manchmal sitze ich in der Schule und die Zeit laeuft einfach nicht weiter, als wuerde sie dies tun, um mich zu aergern, und zu anderen Zeiten rennt sie davon- ich weiss, dass jeder dies so empfindet, doch ich habe zu viel Zeit, um darueber nachzudenken 🙂

Jetzt habe ich nur noch sieben Monate hier, bis ich mein Abenteuer im Abenteuer im Abenteuer und so weiter starte, denn der Rueckflug wird wohl das letzte Abenteuer meines Austauschjahrs. Wer schon mal auf dem Flughafen Krakau war, und davor noch nie so richtig einen Flughafen gesehen hatte- zweimal vorher, aber eben deutsche Flughaefen, einer davon „klein“, der wird mich verstehen. Manchmal ist es richtig lustig, wenn mal wieder eine 208 oder 292 in Krakau an mir vorbeifaehrt, an der „Airport Kraków“ dransteht. Unter „Airport“ stelle ich mir eindeutig etwas anderes vor, aber solange es laeuft, soll es diesen Namen tragen. „Międzynarodowy Port Lotniczy im. Jana Pawła 2 Kraków- Balice“, lautet der volle Name, Internationaler Flughafen „Johannes Paul 2.“ Krakau- Balice. Nur fuer die Interessierten 🙂 Ich kann  mir jedenfalls absolut nicht vorstellen, von dort abzufliegen, als ich ankam, wusste ich noch nichts von alldem und wollte einfach nur ankommen, gespannt auf das Land, in dem ich 10 Monate leben wuerde.

Nun also noch 7, zu kurz, auch wenn vielleicht gerade ein Drittel um ist. Wenn man nun schon weiss, dass man nicht mehr wegmoechte und sich heimisch fuehlt, nach einer langen Phase des Halb- und vielleicht auch Ganz- Fremdseins (Neu bist du nicht/ Neu warst du mal/ Neu wirst du nicht sein//Du trittst ein in eine brodelne Menge/laermend, gut bekannt/Du trittst ein in eine rauschende Stille/schweigend, gut bekannt/und fuehlst dich-/ueberall, wohin du gehst/wo du gesehen wirst/von dir und anderen/-fremd. Ein Gedicht aus der Heimwehphase, die ich gluecklicherweise hinter mir habe und nun von permanenter guter Laune befallen bin)… Ich glaube, dass Schlimmste an einem Austausch ist seine ENDLICHKEIT. Irgendwann ist alles vorbei und man fragt sich, wo die Zeit geblieben ist. Oder wo sie hingegangen ist, weil man ja weiss, dass sie schon da war. Vor einem Jahr, als frischgebackener Hopee, sass ich da und wusste, dass ich mein Austauschjahr schneller starten werde, als ich es selbst erwartete, denn aus Erfahrung geht eben jene Zeit schnell vorueber, auch wenn das Warten manchmal endlos erscheint. Und nun bin ich hier und weiss, dass ich extrem schnell- za szybko, owszem, to wiem, i niestety- wieder in Deutschland sein werde. Es geht also nun darum, aus dem Jahr das Meiste herauszuholen und die wenige Zeit bestmoeglich zu nutzen. Und ich habe bereits damit begonnen, was mich noch durchgedrehter erden laesst, als ich es sowieso schon war 🙂

Am letzten Wochenende hatten wir ein weiteres Camp, eher freiwillig, wenn man dies so bezeichnen kann. Es war verpflichtend fuer die beiden Italienerinnen, die uns leider bereits verlassen haben- wie dramatisch das jetzt formuliert ist 🙂 Und da all die anderen Austauschschueler sie nicht einfach so gehen lassen wollten, haben wir mit den Hauptverantwortlichen gesprochen und die haben fuer uns eine Moeglichkeit organisiert, dass wir noch mal an diesem Wochenende zusammenkommen koennen.

Es gab einen Ausflug nach Krynica Zdrój, wo wir rodeln waren (Sommer-/ Winterrodelbahn), im Museum, einen Stadtrundgang gemacht haben und schliesslich auch eines der dort angebotenen Heilwasser ausprobiert hatten. Gluecklicherweise war es nicht das, das nach faulen Eiern gestunken hatte, davon haben wir alle nur gekostet und es schnell aufgegeben 🙂 Abends gab es dann noch ein paar kleine Spiele, die unter anderem das Wissen der beiden Italienerinnen- und natuerlich auch das der anderen- ueber Polen testen sollten. Es gab zwei Teams, die sich gegenseitig zwanzig Fragen, natuerlich auf Polnisch, stellen sollten. Es waren auch ein paar lustige Aufgaben dabei, sodass alle Spass dabei hatten, insbesondere mit Piotrek, dem Volleyball 🙂

Den naechsten Camptag verbrachten wir in Piekary, wo wir Fussball und Basketball in der Turnhalle bis spaet in die Nacht spielten, anschliessend zwei Kuscheltiere (namentlich Kuschelpony und Kuschelwuschel) auf polnische Art und Weise verheirateten und wieder einmal auf dem Boden vor den Zimmern schliefen- einfach, um alle zusammen sein zu koennen. Irgendjemand hatte gegen Mitternacht noch die Idee, nach draussen zu gehen, um die Sterne anzusehen, also legten wir uns alle auf die Einfahrt der Schule (unsere Camps finden in Piekary immer auf dem Gelaende meiner Schule statt), alle in eine Reihe und guckten in die Sterne. Sogar Magda, die „Leiterin“ des AFS Polen, das erst seit kurzem exestiert, konnten wir ueberreden, mitzumachen. Ich frage mich, was der Portier gedacht haben muss, der die ganze Nacht ueber hinter seinem Monitor sitzt, denn eine Kamera zeigte direkt auf uns. Andererseits- das ist eben typisches AFS- Verhalten 😀

Der Sonntag begann traurig, weil wir uns alle von den beiden Italienerinnen verabschieden mussten, und auf dem Flughafen in Krakau, der mich immer wieder an eine etwas groessere Turnhalle erinnert, flossen einige Traenen. Es war hart fuer fast alle, sich nach diesen drei Monaten von lieb gewonnenen und guten Freunden zu trennen. Gleichzeitig kann ich mir absolut nicht vorstellen, JETZT zurueckzukehren… Es wuerde mein Leben absolut auf den Kopf stellen. Ich bin durchaus nicht allein, wenn ich sage, dass ich nicht mehr fuer eine deutsche Schule geeignet bin, so sehr habe ich mich an das Verhalten meiner polnischen Klassenkameraden angepasst. Es wird zwar nicht besser werden in 7 Monaten, aber jetzt kann ich mich an den Gedanken gewoehnen, dass ich irgendwann wieder zurueckmuss. Dabei will ich doch gar nicht! 🙂

Mein Alltag ist eben nur Alltag. Nur wenig ist noch neu, und wenn ich mal wieder erfolgreich aus einem Mal- Bus ausgestiegen bin und nach Hause laufe, fuehle ich mich richtig einheimisch und polnisch 🙂 Zum Busfahren braucht es hier etwas Ortskenntnis und um den Satz „Proszę na przystanku“ kommt man hier auch nicht herum- es gibt keine „Stop“- Knoepfe in Mal- Bussen, oder wie die Dinger auch immer heissen. Ich verlerne mein Deutsch… Manchmal fallen mir nur die polnischen Woerter ein, insbesondere jetzt, wo ich doch begonnen habe, auf Polnisch zu lesen. Ich habe mich, weil dies in Deutschland mein grosses Hobby war, mit Aquaristikmagazinen versorgt und mir ein Buch, dass ich schon auf Deutsch gelesen habe und von dem ich sowieso weiss, worum es geht, gekauft und lese es jetzt waehrend des Unterrichts. Zumindest meistens, nicht immer habe ich Zeit oder Lust dazu, manchmal bin ich auch einfach zu muede. 🙂 Fuer alle Neugierigen: Es ist „Krabat“ von Ottfried Preussler. Es schien mir leicht zu lesen und ich verstehe auch fast alles. Auch ohne słownik. 🙂 Schon wieder- das deutsche Wort, das mir gerade entfallen war, ist Woerterbuch. 🙂

Bald ist Weihnachten und ich weiss groesstenteils noch nicht, was ich wem schenken soll. Aber vor diesem Problem stehe ich so gut wie jedes Jahr, also werde ich auch diesmal etwas anderes finden als Tassen und Kerzen. 🙂

Es schneit gerade, es ist auch nicht waermer als 0 Grad und ich mache mir regelmaessig Sorgen, dass ich den Berg runterfalle, wenn ich aus der Schule komme. Insbesondere morgen, wenn es schon dunkel ist nach dem Volleyballtraining, und ich nicht mehr sehe, wo ich hin- oder hineintrete. Auf polnischen Strassen darf man keinen Alkohol trinken, auch Hundehaufen duerfen dort eigentlich nicht liegen. Aber wer fuehlt sich fuer die ganzen freilaufenden Hunde verantwortlich? Keiner, deshalb sind die Wege oft uebersaet mit „Tretminen“.  Man gewoehnt sich daran ebenso wie an eine Mal- Bustour, bei der man gut auf seinen Ruecken achtgeben sollte. Denn so etwas wie eine Federung wurde diesen Bussen nicht gegoennt und die polnischen  Strassen sind, wie ich wirklich zugeben muss, nicht sooo umwerfend gut.

Ja, das duerfte es fuer heute gewesen sein- verschneite und dennoch froehliche Gruesse, so zahlreich wie die ganzen Schneeflocken da draussen, aus dem wunderschoenen und immer wieder verblueffenden Polen!!! 🙂

Josefine

 


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