Die Macht der Gewöhnung

Hallo Leute!

Ich habe mich ja nun schon eine ganze Weile lang nicht mehr gemeldet und auch jetzt habe ich das Gefühl, dass ich nicht viel zu sagen hätte. Es pegelt sich halt alles ein… Die Macht der Gewöhnung eben.
Das Wetter entwickelt sich hier langsam nach unten, nachdem es Ende Oktober mal so richtig schön geschneit hat, wagte sich die Temperatur nicht mehr so richtig unter den Nullpunkt, so dass Schnee bis jetzt eine einmalige Sache war. Ansonsten pendelt die Temeperatur immer zwischen ein bis fünf Grad hin und her, es regnet ab und zu… naja, nicht so toll, allem in allem.

Am 18.11. wurde hier in Lettland der größte Feiertag des Jahres begangen: der Geburtstag des Landes, der, trotz der jahrzehntelangen Eingliederung Lettlands in die UdSSR nach dem zweiten Weltkrieg, auf 1918 festgelegt wurde, als das erste Mal die lettische Republik proklamiert wurde. Ich bin mit meiner Gastfamilie nach Rīga gefahren, wo zur Feier des Tages einige Festlichkeiten abgehalten wurden, wie die eindrucksvolle Militärparade, die wahrscheinlich alles zeigte, was Lettland an Infanterie und Fahrzeugen so aufzubieten hatte; auch wenn das natürlich nichts ist im Gegensatz zu einer deutschen Bundeswehr, eindrücklich war es doch… Abends gab es dann ein großes Feuerwerk am Ufer der Daugava, dem Fluss, der durch ganz Lettland und anschließende durch Rīga fließt, bevor er in das baltische Meer mündet. Das Feuerwerk jedenfalls war spektakulär, wobei mein Gastbruder es abtat mit der Bemerkung, ich hätte doch erstmal das sehen sollen, was zum 800. Jahrestag Rīgas abgefeuert wurde. Und hinzufügend meinte er, Lettland hätte sehr gute Feuerwerkspezialisten. Bei dem Bild, was sich zuvor meinen Augen geboten hatte, habe ich ihm das aber auch sofort geglaubt.
Dann wird sicher der werte Leser dieses Artikels wissen wollen, wie es mit meiner Sprache vorangeht. Hier und da, wenn ich mit „alten“ Kontakten rede, werde ich gefragt, ob ich die Sprache schon beherrsche. Natürlich nicht! Also, was heißt natürlich, aber ich kann jedenfalls noch kein Lettisch sprechen, und wenn ich Lettisch spreche, dann ist das eine sehr holprige Angelegenheit. Aber je mehr ich lerne, umso schneller geht das Lernen weiterer Vokabeln, die Grammatik prägt sich mir beim Zuhören ein („Ah! Jetzt verwendet er den Lokativ, weil er davon spricht, wo er gerade ist“), dieses geht sowieso und natürlich besser als das Reden, sodass ich bei Unterhaltungen zwischen mir und einem Letten, die nur in Lettisch abgehalten werden, meist noch irgendwie den Sinn des Gesagten verstehe.
Der Titel dieses Blogs lautet: Die Macht der Gewöhnung, und das ist es, was ich hier immer wieder zu spüren bekomme. Meine neue Klasse ist nun meine einzige Klasse, bei der Familie klappt das natürlich nicht, aber auch sie sehe ich mehr und mehr als Einheit, zu deren Teil ich langsam werde, obwohl der weitaus größte Teil sich doch noch in Leipzig befindet… Der Alltag jedenfalls verschwimmt immer mehr, immer weniger passiert als besonders aufregend oder neu, ich habe mich gewöhnt an das Klima, die Leute, kurz: Die Macht der Gewöhnung überkommt mich hier mit voller Wucht und die Erinnerungen an Zuhause werden immer irrealer, wie aus einem anderen Leben oder aus einer lange vergangene Zeit. Aber wie ich schon sagte, bleiben meine Wurzeln klar und sobald ich konkret darüber nachdenke, verschwindet dieses Traumhafte auch schon wieder; es ist wie ein Schleier, der sich über meine Gedanken legt, wenn ich nicht aufpasse.

Ein letztes Thema ist vielleicht jetzt noch interessant: Wie geht es mir denn jetzt in der Schule, wo ich zu Beginn doch so viel darüber geschrieben habe?
Ich will versuchen, es kurz zu machen: Mathe geht besser, der Unterricht ist jetzt mehr langweilig, es war nur aller Anfang, der schwer war. Russisch verstehe ich (wie könnte es anders sein) weniger als Lettisch, aber meist ist es nicht so schwer zu verstehen, wenn der Lehrer mir Aufgaben aus dem Buch oder Arbeitsheft zum Bearbeiten gibt. Schwerer ist es dann schon, die Aufgaben an sich zu verstehen… Meist muss ich Texte übersetzen mithilfe meines Russisch-Deutsch, Deutsch-Russisch Wörterbuchs, dass spürbar für Deutsch lernende Russen angelegt worden ist und nicht für Russisch lernende Deutsche, aber da kämpfe ich mich immer irgendwie durch. Geht schon!
In Französisch bekomme ich noch immer Unterricht gesondert von dem meiner Mitschüler, in Lettisch habe ich „Privatstunden“, in Deutsch bin ich das Grammatiklexikon der Lehrerin, sowie die Aussprachehilfe, in Englisch bin ich einer der Klassenbesten, in Sport irgendwie besser als in Leipzig…, und in den übrigen Fächern höre ich zu, lenke mich ab, und nur manchmal mache ich irgendetwas selbst mit.
Naja, wieder mal genug geschrieben…

Liebe Grüße,

Felix aus Lettland


Ein Gedanke zu Die Macht der Gewöhnung

  • Hallo Felix, manches dauert halt – heute habe ich es endlich mal geschafft, deinen bisherigen Berichte zu lesen. Das klingt ja spannend. Ich erinnere mich, als ich mal Lettisch auf eienm Jugendtag vom Kirchenkreis hörte, wo es ja einen Kontakt gibt, wusste ich gar nicht, wohin ich diese Sprache stecken sollte und verstand schier NICHTS.
    So wünsche ich dir weiterhin viele neue Einblicke und Vokabeln, die vertrauter werden und einen schönen Advent, auch wenn es den vermutlich dort nicht gibt. Ich freue mich irgendwann auf neue Zeilen. Es grüßt Sibylle Schicketanz

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