Ein Zimmer neben der N1

Nachdem ich eine Woche nach Ankunft in meinem Projekt in eine Behinderten-WG gezogen bin, wo es mir sehr sehr gut gefallen hat, standen im neuen Jahr Hals über Kopf erneut räumliche Änderungen an.

Letztlich waren es etwa viereinhalb Monate, die ich in der Wohngemeinschaft für wohlsituierte Clients leben durfte, bis man mich wieder zurück in das Gebäude „Tosnini“ verfrachtete, wo ich bereits meine allererste Woche in Alta du Toit verbracht hatte. In Tosnini leben und arbeiten jene Clients, die am stärksten behindert sind. Die meisten wohnen in Mehrbettzimmern, einige Wenige haben auch Einzelzimmer. Insgesamt verteilen sich die Zimmer auf 3 Flure, wobei in jedem dieser Flure auch zusätzlich Personalzimmer sind. In zwei dieser Personalzimmer wohnen die AFS-Freiwilligen.

Nachdem ich mich von dem gröbsten Schock über den plötzlichen Umzug erholt hatte (wer mich näher kennt, weiß dass ich auch in Deutschland Umzüge so sehr mag wie Zahnschmerzen…), räumte ich also meinen ganzen Kram an einem Wochenende von Elkana nach Tosnini. Glücklicherweise musste ich nicht in genau den Raum ziehen, in dem ich in der ersten Woche gewohnt hatte, denn ich wusste, dass die Clients in diesem Flur unglaublich laut sein können. 😉

Mein neues Reich befindet sich nun im unteren der drei Flure und ist wohl der ruhigste Flur – zumindest gemessen an der Lautstärke der dort lebenden Bewohner. Dafür hab ich von meinem neuen Zimmer einen wunderbaren Ausblick auf die Schallmauer der N1 – dem Hauptverkehrs-Highway von Südafrika! Genaugenommen schlafe ich nur ein paar hundert Meter von der Autobahn entfernt. Da ich ja, dank meines deutschen Zuhauses, gut auf Fluglärm eingestellt bin, war der Schnellstraßenlärm glücklicherweise schon nach wenigen Tagen nicht mehr zu hören 🙂

Während ich in Elkana innerhalb einer Gemeinschaft von sieben Clients mit mehreren Bädern, einem Wohnzimmer mit Fernseher und einer Küche gewohnt hatte, beschränkt sich mein direkter Wohnraum nun auf ein etwa 18 Quadratmeter großes Zimmer inklusive Bad. Im Grunde reicht mir der Platz für meine Habseeligkeiten, leider ist der Schnitt des Zimmer etwas ungünstig, so dass ich nur wenig Sonnenlicht abbekomme. In meinem kleinen Badezimmer habe ich keine Dusche sondern eine Badewanne. Und da die Badewanne auch keine Brause besitzt, sondern nur einen Kalt- und einen Warmwasserhahn bade ich seit vier Monaten praktisch täglich und spüle mich danach mit einem ausgedienten Marmeladenglas aus. Anfänglich fand ich diese Badebedingungen ziemlich nervig und zeitaufwendig, aber ich habe mich mittlerweile sehr daran gewöhnt und brauche für ein ordentliches Bad nicht länger als für eine Dusche. Dennoch freue ich mich immer tierisch über jede Gelegenheit mich mal wieder richtig abduschen zu können.

Da ich ja nun keine Küche mehr habe, hat mir Mandy – eine AFS-Freiwillige, die hier in der direkten Nachbarschaft wohnt – einen Kühlschrank besorgt, der nun in unserem Office steht. In den vergangenen Wochen, vor allem seit Julia auch hier ist, haben wir unsere provisorische Office-Küche immer stärker ausgebaut. Da wir keinen Wasserhahn und auch kein Waschbecken haben, sondern im Grunde nur Kühlschrank, Mikrowelle, Toaster und Ablagefläche, haben wir uns zwei Plastikzuber gekauft, in denen wir nun alle paar Tage unser Geschirr spülen. Dafür müssen wir draußen im Hof Wasser holen und dieses im Wasserkocher heiß machen – auch wenn es darum geht, Kaffee oder Tee zuzubereiten. Es sind jetzt alles keine langen Wege, aber an manchen Tagen kommt es uns schon sehr umständlich vor. Vor allem wenn man bedenkt, dass unser Office von unseren Zimmern auch nicht gerade um die Ecke liegt und wir nach Feierabend auf dem Weg dorthin natürlich etlichen Clients begegnen, die gegrüßt werden wollen. Was ich sagen will, ist: Ich habe vergleichsweise wenig Privatsphäre und die Behinderten nach einem Arbeitstag dann im Schlafanzug zu begegnen ist manchmal mehr, als ich ertragen kann und will.

Laut Vertrag stehen den AFS-Freiwilligen drei Mahlzeiten pro Tag zu. Morgens gibt es immer abwechselnd Haferbrei und Pap. Beides nicht gerade mein Lieblingsfrühstück, aber mit etwas gutem Willen durchaus essbar. Während sich Julia immer ihr eigenes Müsli zubereitet, esse ich den Brei, wobei ich seit ich hier bin praktisch täglich um mein Frühstück kämpfen muss, da häufig nichts mehr übrig ist…
Das Mittagessen ist unsere Hauptmahlzeit, weil sie wirklich am besten schmeckt. Julia und ich sind beide laktoseintolerant und ich dazu auch noch Vegetarier. Ich glaube das Küchenpersonal macht drei Kreuze, wenn die deutschen Freiwilligen mit den komischen Nahrungsgewohnheiten endlich wieder abgereist sind 🙂 Da hier in Südafrika Karrotten, Kürbis und manchmal auch Erbsen stark gesüßt (Butter, Zucker und Zimt) werden, es wenig frisches (und nicht schon steril gekochtes) Gemüse und unglaublich große Mengen Kohlenhydrate (Kartoffeln, Reis und Nudeln gleichzeitig) gibt, muss man hier sehr darauf achten, nicht zu viel zuzunehmen.
Die fragwürdigste Mahlzeit ist das Abendessen. Hier gibt es an manchen Tagen zwei Scheiben ungetoasteten Toast mit Ketchup, Mayo, Thunfisch und Ei und an anderen Tagen einfach noch mal das, was es zum Mittagessen gab. Deshalb bin ich dazu übergegangen, seit Anfang April abends nur noch Salat zu essen. Problem hierbei: Wir müssen dann eben alle zwei oder drei Tage zum Supermarkt laufen und bezahlen uns dann dumm und dämlich am Gemüse. Julia und ich suchen deshalb seit einigen Tagen nach einer gesunden, abwechslungsreichen und portmoneefreundlichen Abendbrot-Alternative…

 


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