Eintägiger Schulbesuch in Kuilsrivier

Einen weiteren Punkt auf meiner „To Do-Liste für Südafrika“ konnte ich vor einigen Tagen abhaken. Nach neun Monaten in Alta du Toit Nasorg hatte ich es endlich geschafft die Alta du Toit Skool zu besuchen, wenn man so will die große Schwester meines Projektes.

Während Alta du Toit Nasorg ein Arbeitgeber und eine Betreuungsstätte für erwachsene Menschen (ab 18 Jahren) mit geistiger Behinderung ist, kümmert sich die Alta du Toit Skool um Kinder mit geistiger Behinderung im schulpflichtigen Alter. Die Wurzeln haben beide Einrichtungen insofern gemein, dass sie von den Eltern von Alta du Toit – einer unserer Bewohnerinnen mit Down-Syndrom – gegründet wurden. Inhaltlich, rechtlich und finanziell gesehen sind Schule und Nasorg jedoch völlig unabhängig voneinander.

Schon kurz nach meiner Ankunft in Südafrika hatte ich mir vorgenommen, die Schule zu besuchen, da viele Menschen bei dem Namen „Alta du Toit“ erst die Schule und weniger das Nasorg-Zentrum assoziieren. Während mein Projekt in Belleville angesiedelt ist, liegt die Schule einige Kilometer entfernt in Kuilsrivier, inmitten eines sehr wohlsituierten Wohngebietes. Auch dahingehend sind die beiden Einrichtungen also ähnlich. Mir war es wichtig, die Schule zu besuchen, um einen Einblick in eine Special School zu haben, wenn ich auch leider keine Vergleichsmöglichkeiten mit Deutschland habe (das hole ich nach, sobald ich wieder da bin!). Die Clients, mit denen ich hier lebe und zusammen arbeite, haben leider kaum noch Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu erweitern. Das, was sie können, basiert im Wesentlichen auf dem, was sie während ihrer Schulzeit gelernt haben und ist natürlich abhängig von ihrer geistigen Behinderung.

Morgens um 8.30 Uhr fuhr mich Charlotte, die Ansprechpartnerin für die Freiwilligen in meinem Projekt, höchstpersönlich in die Schule, nachdem sie meinen Besuch nur wenige Tage vorher telefonsich angekündigt hatte. Ich war positiv gestimmt und neugierig, wie eine Schule für Kinder mit geistiger Behinderung in Südafrika aussieht und strukturiert ist. Zudem sind solche Termine immer wunderbare Gelegenheiten dem Alltagstrott in meiner Gruppe zu entfliehen und ein Stück mehr Südafrika zu erleben.
Nachdem wir mit dem Auto das Tor zur Schule passiert hatten, empfing uns dort ein großzügiges Gelände mit Rasenflächen und Bäumen. Charlotte meldete mich im Sekretariat an und sofort stand eine Lehrerin parat, die mich die folgenden Stunden durch die Schule führte. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich den Namen in dem Moment, als sie ihn mir gesagt hatte, sofort wieder vergessen habe. Da die Lehrerin ein bißchen aussieht wie Gwen Stefani, nenne ich sie ab sofort einfach Frau Stefani 🙂

Da ich mitten in einer Unterrichtsstunde ankam, konnten wir die erste Zeit nur in die unbelegten Schulklassen hineinsehen. Ich war erstaunt, wie groß die Schule ist, in der täglich 360 Kinder zwischen 5 und 18 Jahren unterrichtet werden. Neben den Schulklassensälen, die wie stinknormale Schulen nach Jahrgängen organisiert werden, gibt es in der Alta du Toit Skool jede Menge Spezialräumlichkeiten, wie beispielsweise einen Ergotherapieraum (mit Matten und sportmedizinischen Gerätschaften), einen Webraum, eine Lernküche oder eine Holzwerkstatt. Da die Kinder hier auch Mittagessen gibt es eine Kantine und – wie in meinem Projekt – einen „Snoepie“, was ein Kiosk ist, in dem sich die Kinder Süßigkeiten kaufen können. Anders als in einer üblichen Schule werden in der Alta du Toit Skool keine klassischen Fächer wie Mathematik, Englisch, Physik oder Geschichte unterrichtet. Stattdessen liegt der Focus auf der „Life Skills Orientation“. Das bedeutet, dass sich die rund 35 Lehrer darum bemühen, den Kindern alltagsnahe Themen beizubringen, um deren Leben zu erleichtern. Da geht es beispielsweise um Körperhygiene, höfliches und angemessenes Benehmen, Nahrungsmittel, den Umgang mit Geld, etc. Aber auch Themen, die mich sehr an Grundschulunterricht (das Alphabet, Zahlenreihen, die Entwicklungsstadien von Pflanzen) und Handarbeitsstunden (Stricken, Sticken, Perlen aufädeln) erinnert haben.

Hin und wieder besuchte ich mit Frau Stefani einzelne Gruppen und Klassen und wurde von den dortigen Lehrern nach Nasorg-Clients aus meinem Projekt befragt, die einst Schüler in dieser Schule waren. Somit hatte ich also auch einen Überblick, welche unserer Nasorg-Clients einstmals in der Alta du Toit Skool unterrichtet wurden.

Mit dem Pausenzeichen bekam ich nun auch die Kinder zu Gesicht. Was mir dabei sofort aufgefallen ist: Anders als die Clients bei uns, die sofort auf fremde Menschen zugelaufen kommen und diese umarmen wollen, waren die Kinder sehr zurückhaltend. Ich hatte erwartet, dass die Schüler mir viele Fragen stellen und mich berühren wollen, aber sie haben mich maximal interessiert angesehen. Frau Stefani erklärte mir, dass sie in der Schule die Kinder dazu erziehen, einen angemessenen Abstand zu Fremden zu wahren. Und nicht nur das war ganz anders als in meinem Projekt: Die Schule empfand ich als sehr farbenfroh, detailverliebt dekoriert und ausgestattet. Ich fühlte mich sofort wohl und war völlig beeindruckt davon, mit wie viel Hingabe und Geduld die Schulflurwände bemalt worden waren. Auch die Lehrer empfand ich als sehr aufgeschlossen und freundlich – was sich auch auf den Bildern widerspiegelte, die im Eingangsbereich der Schule aufgehängt waren und die Freude am Verkleiden zu Anlässen wie Fastnacht, Valentinstag oder dem Frauentag deutlich machte.

Eine Unterrichtsstunde lang durfte ich nun in einer Mädchenklasse (mit gerade mal zwölf Schülerinnen) verbringen, die an diesem Tag Lesezeichen aus Perlen herstellten. Ich war erstaunt, wie schnell die Schülerinnen das, was sie von der Lehrerin gezeigt bekamen, umsezten konnten. Ganz anders als bei meiner Arbeit, wo man den meisten Clients eine neue Aufgabe 50.000 Mal zeigen muss, bis sie diese alleine bewältigen können. Aber auch hier waren die Mädchen nicht sonderlich an mir als Fremde interessiert, sondern arbeiteten still an ihren Lesezeichen. Ich im übrigen auch, denn ich durfte mitbasteln 🙂

Dieser Tag hat mir gezeigt, wie sehr es mir Spaß macht, raus aus meinem Arbeitsalltag zu kommen, Projekte zu besuchen, mich zu informieren und neue Leute kennenzulernen. Und nicht nur deswegen fand ich den Tag lohnenswert: Ich werde mit Charlotte darüber sprechen und sie bitten das eintägige „Praktiktum“ in der Alta du Toit Skool künftig für alle Freiwilligen bei Alta du Toit Nasorg aufzunehmen, um noch mehr Einblick in die Arbeit mit behinderten Menschen in Südafrika zu geben und den Austausch zwischen ADT-Skool und ADT-Nasorg zu intensivieren…

Der Eingangsbereich der Alta du Toit Skool.
Ein Freizeitraum, dessen Decke ganz kreativ mit Kuscheltieren dekoriert wurde.

 

In der Weberei lernen die Kids eine Handarbeitstechnik, die bei uns in Deutschland nur noch selten gelehrt wird.Im Gartenbereich lernen die Schüler den Kreislauf der Natur kennen.

 

Siebtklässler beim Perlenauffädeln.



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