Einmal Township und zurück

Mit einer der Pflegerinnen – Vuyokazi – des Alta du Toit hatte ich seit meiner Ankunft Freundschaft geschlossen und so entstand die Idee, am Wochenende zusammen auszugehen. Ursprünglich wollten wir ins legendäre „Mzolis“ im Township Guguleth fahren. Leider fanden wir niemanden, der uns mit dem Auto dorthin kutschieren konnte und mit dem Minibustaxi wäre das viel zu gefährlich geworden. So kamen wir dann auf die Idee, einfach ins „Italian House“ in ihrem Stadtteil Delft zu gehen. Weil wir auch hier wieder die Problematik hatten, dass ich vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein müsste, konnte ich bei Vuyo übernachten.

An einem Sonntag fuhr ich mit dem Minibustaxi erst nach Kapstadt und von dort nach Delft. Die Insassen konnten gar nicht glauben, dass ich tatsächlich alleine als Weiße nach Delft fahre. Dauernd sagte mir jemand, dass ich bloß vorsichtig sein sollte, da das dort echt gefährlich ist. Mich konnte das aber nicht aus der Fassung bringen, da ich ja wusste, dass mich Vuyo am Supermarkt abholen und sicher in ihr Haus bringen würde. Mittags kam ich dann in Delft an und realisierte, dass dieser Vorort tatsächlich eine Art Township ist. Mit „eine Art Township“ meine ich, dass die Häuser – zum Großteil zumindest – aus Stein gebaut sind. Während man hier auch Townships sieht, die hauptsächlich aus sogenannten Shacks – zusammengenagelten Wellblech-Hütten – bestehen.

Endlich in Delft angekommen wartete ich ungefähr 30 Minuten auf Vuyo. In der Zeit wurde ich von den Leuten regelrecht angestarrt und natürlich auch angesprochen. Endlich sah ich Vuyo, die ich in ihrem Sommerkleid fast nicht erkannt hätte, schließlich kenne ich sie sonst nur in ihrer Pfleger-Uniform. Zusammen mit ihrem Bruder holte sie mich ab und führte mich in das nur wenige Meter entfernte Haus, das die Familie in Pink angestrichen hatte. Überhaupt fand ich Delft sehr farbenfroh, die meisten Häuser waren bunt angemalt, so dass der Ort gar nicht so trostlos wirkte, wie ich vermutet hatte.

Das Haus wurde von Vuyo und drei ihrer Schwestern, sowie den vier Brüdern und der Mutter bewohnt. Und natürlich von Gracious, der einjährigen Tochter von Vuyo. Für so viele Menschen war das Haus jedoch relativ klein und ich zählte auch nur drei Schlafzimmer. Ich wollte natürlich nicht überall einfach rumlaufen und in jedes Zimmer sehen, deshalb fragte ich Vuyo nach ein paar Stunden, wo denn eigentlich das Badezimmer sei. Daraufhin erklärte sie mir dann, dass sie kein Badezimmer haben, sondern nur eine Toilette. „Und wo wäschst du dich dann?“, fragte ich sie, woraufhin sie auf einen Waschzuber zeigte und den Wasserkocher, mit dem sie das Wasser vorher warm macht. Ich war dann doch etwas irritiert angesichts dieser Tatsache und gleichzeitig beschämt, als ich mich daran erinnerte, dass mehrere andere AFS-Freiwillige meiner Gruppe in Townships leben und sich wohl auch nicht wirklich duschen können.

Zuerst zeigte mir Vuyo das „Italian House“, eine Bar, in deren Innenhof am Wochenende ein DJ auflegt. Nachdem wir festgestellt hatten, dass im „Italian House“ noch nichts los war, gingen wir wieder zurück und ich machte ein paar Fotos, wir tranken billigen Fusel-Wein und quatschten. Dauernd kam irgend jemand vorbei, der sich als Freund oder Nachbar vorstellte und sich mit mir über Deutschland und meinen Eindruck von Südafrika unterhalten wollte.

Mein persönlicher Höhepunkt allerdings war, dass man mir Vuyos vier Monate alten Neffen mit einem Handtuch auf den Rücken band. Seit meiner Ankunft hier war ich fasziniert davon, dass die Babys mit dieser Methode den ganzen Tag rumgetragen werden und bat daher darum, dass mal gezeigt zu bekommen. Der Kleine ließ das auch ganz brav mit sich geschehen, während seine 25-jährige Mutter im Nebenraum neue Zöpfe geflochten bekam. Entgegen meiner Befürchtung fühlte es sich recht sicher an, den Kleinen einfach nur in dem Handtuch auf dem Rücken zu tragen. Zudem war es schön warm, so dass ich ihn etwa eine Stunde mit mir rumtrug, bis er einschlief.

Später am Abend machten wir uns auf den Weg zum „Italian House“ das nun knallvoll war. Bis zum späten Abend blieben wir in dem windigen Innenhof, tanzten, lachten, quatschten. Immer wieder wurde ich von Männern und Frauen aufgefordert mit ihnen zu tanzen und andauernd fotografiert.

Die Nacht habe ich in einem großen Bett in einem der Schlafzimmer mit der kleinen Schwester von Vuyo verbracht. Zu meinem Entsetzen ließ sich das Deckenlicht nicht ausschalten, so dass ich mir meinen Schal über das Gesicht legte, aber wirklich zur Ruhe kam ich in der Nacht nicht. Morgens um 5 Uhr kam Vuyo dann in die Küche und ich hörte, wie sie sich in dem Waschzuber wusch. Um 6 Uhr wurde ich dann geweckt und stand auf, zusammen liefen wir zum Minibustaxi-Treffpunkt, bestiegen das Fahrzeug und fuhren damit zurück nach Bellville. Für mich war es interessant zu sehen, welche Strecken Vuyo jeden Morgen schon zurückgelegt hat, während ich noch im Bett liege…

 

Zu vorgerückter Stunde im Italian House.

 

Vuyos kleiner Neffe, ich und Vuyos kleine Schwester.

 

Vuyos Haus in Delft.

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