Die Angst vor Abschied und Wiedersehen

Heute ist mir etwas passiert, was ich lange nicht mehr erlebt habe. Ich habe wieder bewusst darüber nachgedacht, wie es eigentlich hier in Brasilien ist. Ich saß im Bus, habe auf das Meer geschaut, und da ist mir bewusst geworden, wie sehr ich das vermissen werde. Am Anfang war ich jedes mal so glücklich, als ich direkt am Strand lang gefahren bin, aber nach ca. 5 Monaten werden auch diese wundervollen, für mich neuen Dinge zum Alltag. Als ich vom Bus nach Hause gelaufen bin, wurde ich wirklich etwas sentimental. In genau 10 Wochen sitze ich im Flugzeug. Ich habe die letzten Wochen doch eher intensiv betont, wie sehr ich Deutschland vermisse und mich auf zu Hause freue und hier irgendwie nur meine verbleibende Zeit „absitze“. Das ist zwar immer noch irgendwo wahr, aber je näher der Abreisetermin rückt, desto mehr lerne ich die mittlerweile alltäglichen Besonderheiten Brasiliens wieder schätzen.
Die freundlichen Leute, die Lockerheit, die bunten Straßen, die laute Musik, die ganzen kleinen Straßenstände… Wahrscheinlich liegt meine positive Sichtweise auch daran, dass ich nur Dienstag in der Schule war, da die Lehrer hier mal wieder streiken. Ich weiß auch selbst nicht, warum ich die Schule so hasse. Wahrscheinlich weil ich mit den Leuten nicht so richtig warm werde und für mich jede Unterrichtsstunde wie die andere ist. Nämlich ein Meer aus Fragezeichen.
Ich habe auch das Gefühl, dass es mit meiner Familie wieder etwas bergauf geht.

Ich habe auch darüber nachgedacht, wie merkwürdig am Anfang alles war. Wie schwer es mit der Sprache war – alles war eine Herausforderung. Das Familienleben habe ich bewusst wahrgenommen und über alles nachgedacht („Gehe ich in die Küche und esse etwas oder nicht?“). Das ist schon lange nicht mehr der Fall, ich fühle mich schon lange wirklich zu Hause.

Ich freue mich nach wie vor wahnsinnig auf Deutschland. Mir ist hier wirklich bewusst geworden, wer die wahren Freunde sind. Dazu muss ich sagen, dass ich zeitweilig natürlich von einigen Leuten enttäuscht war, aber sich sonst wirklich wenig verändert hat, da es mir auch einfach zu wichtig war, da wirklich mein Bestes zu geben. Mir ist gerade hier aufgefallen, was für tolle Freunde ich habe, da sich alle wirklich bemühen, sich trotz der Entfernung und der langen Zeit nicht von mir zu entfremden und mich immer noch zu integrieren. So weiß ich bis heute noch bestens über Klatsch und Tratsch Bescheid und weiß, wer wann wo wie was erlebt hat.

Langsam denke ich auch daran, wie es mit den Leuten wird, wenn man sich das erste Mal nach gut 11 Monaten wieder richtig gegenübersteht. Worüber redet man? Man hat fast 1 Jahr unabhängig voneinander weitergelebt. Nicht nur ich werde mich verändert habe, auch meine Freunde. Sie studieren mittlerweile, haben neue Freunde, die ich nicht kenne, einige sogar eine neue Beziehung. Pass ich noch in dieses Leben? Besonders hart ist es zu sehen, wie man selber mit vielen Freunden nach wie vor gut befreundet ist, aber Freunde sich untereinander auseinanderleben. Es ist hart zu akzeptieren, dass man eine Welt verlässt und in eine andere wiederkommt, ohne diesen Wandel selbst miterlebt zu haben, geschweige denn beeinflusst zu haben. Ich hatte sozusagen 1 Jahr eine Pause von der Zeit in Deutschland, aber die Uhren sind auch dort nicht stehen geblieben.

Ein weitere Sache ist die Familie. Auch wenn es immer die eigene Familie ist, ist es doch komisch, wenn ich mir das erste Wiedersehen mit meinen Eltern vorstelle. Ich bin ja immer noch ich, aber vielleicht sehen sie starke Veränderungen in mir, die ich selbst gar nicht wahrnehme? Ich denke, ich werde mich auch zu Hause erstmal wieder eingewöhnen müssen.

Mit Sicherheit werde ich Brasilien sehr vermissen – immerhin war es für fast 11 Monate mein zu Hause und ich hab hier viel erlebt.
Nun denke ich auch, was ich hier zurücklassen werde. Natürlich meine Familie, aber das war mir von Anfang an bewusst. Aber ich habe hier wirklich eine wahnsinnig gute Freundin gefunden, Kirsten, aus Neuseeland, und sie ist einfach zu einer meiner besten Freundinnen geworden, und es macht mich unsagbar traurig, zu wissen, dass ich mich in 10 Wochen von ihr verabschieden muss. So ist das eben, das Austauschjahr. Traurig, schmerzhaft, frustrierend, einschüchternd und nervig, aber eben auch schön, witzig, aufbauend, bereichernd, lehrend und verändernd. Es sind Erfahrungen und die Erinnerungen, die ich mein Leben lang bei mir tragen werde.


2 Gedanken zu Die Angst vor Abschied und Wiedersehen

  • Heey 😉 du sprichst mir mit deinem Blog, bzw. mit deinen Worten so aus der Seele und ich wollte dir nur sagen, dass ich es gut finde, dass du auch den Mut hast, so ehrlich zu schreiben, weil ich finde, dass man leider viel zu selten und viel zu wenig wirklich „reale“ Eintraege liest. Die meisten, die ich lese sind immer nach dem Motto: 365 Tage laeuft alles super, ich verstehe mich blendend mit meiner Familie und habe einen Haufen von Freunden, Heimweh hab ich auch nicht und ich will nie wieder zureuck!“

    Das stimmt teilweise ja auch und ich hab auch super Erfahrungen hier gemacht und bin total dankbar (bin momentan in Argentinien) aber es gibt einem bzw. mir wirklich auch irgendwo Mut, wenn ich deinen Blog lese bzw. weiss ich, dass ich mich nicht undankbar oder schlimm fuehlen muss, weil es auch andere gibt, die das gleiche fuehlen bzw. durchmachen.. ;). Ich denke, dass viel zu Wenige den Mut haben, auch mal ueber die nicht so guten Dinge zu reden bzw. zu sagen, dass sie sich auf Deutschland freuen. Aber ich finde, so wie du das machst, auf ne ehrliche und total sympatische Art und Weise ist es super. Mach weiter so, und alles, alles Gute 😉

  • hey Lena!
    Vielen Lieben Dank, es freut mich sehr, dass du das so siehst! ich denke auch, dass viele oft diese Sachen weglassen, wobei das gerade wichtig ist meiner Meinung nach!
    Ich wünsche dir noch viel Spaß und alles Gute für Argentinien!

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