Die Uhr tickt … noch drei Monate in Brasilien

Es ist Sonntag und ich bin etwas ratlos, was ich mit mir anfangen soll. Ich muss zugeben, ich verbringe die Zeit, die ich „zu Hause“ bin meistens vor dem PC. Aber viel anderes kann ich auch nicht machen, da der Rest meiner Familie auch nur im Internet surft oder vor dem Fehrnseher sitzt oder PS3 spielt. In der Woche bin ich wirklich oft genervt uns zähle die Tage, bis ich wieder auf deutschem Boden bin, und am Wochenende wird mir oft erst bewusst, wie sehr ich das alles hier vermissen werde. Die Schule nervt einfach total, es ist wirklich nur Zeit absitzen. Am Wochenende geht es dann bergauf, da ich mir immer etwas vornehme, aber leider hat das Wochenende ja immer noch nur 2 Tage und gerade Sonntag kann ich auch nicht so viel machen.
Es ist eben zum totalem Alltag geworden, und mein Alltag in Deutschland war eben abwechslungsreicher und unkomplizierter. Hier ist nichts mehr neu oder aufregend… Ich vermisse die Freiheit und Unabhänigkeit die ich in Deutschland hatte.

Gerade wenn ich um 6.15h in einem Bus sitze (mit viel Glück) für die nächsten 75 Minuten und mich fühle wie ein Schwein auf einem Schlachttransport, da es unglaublich voll ist und alle schwitzen, vermisse ich die deutsche Infrastruktur. Gerade hier habe ich viele Dinge in Deutschland erst richtig schätzen gelernt, z.B. die Sauberkeit. Hier werden leere Bierflaschen ohne Reue aus dem Busfenster geschmissen. Oder die Sicherheit. Täglich begegne ich hier Polizeitruppen mit Waffen die in einem Actionfilmmassaker gut aufgehoben wären. Ich merke hier erst, wie wichtig u.a. Bildung ist. Meine Gastschwester meinte neulich, dass sie nach Europa und Deutschland reisen will. Da meinte ich, dass ihr schon klar ist, dass Deutschland in Europa liegt und Europa kein Land ist. Nein, das wusste sie nicht. Darauf folgte die Frage: „ New York ist aber ein Land, oder?“.

Ich schätze meine Gastfamilie sehr, ich habe alle Freiheiten die ich brauche, und doch ist es eher ein „nebeneinander leben“ als ein „miteinander leben“. Jeder macht sein eigenes Ding. Ich hab innerhalb meiner 8 Monate hier nicht einmal was mit meiner Familie zusammen unternommen.
Generell fällt mir auf, wie rücksichtslos die Brasilianer sind. Alle wissen, ich muss als erste aufstehen und gehe deswegen früh schlafen, was aber keinen daran hindert um 24h noch laut rumzuschreien. Oder wenn ich mal länger schlafen kann, morgens laut zu singen. Und wenn ich am nächsten Tag sage, dass ich aufgewacht bin, weil sie so laut waren (als berühmten Wink mit dem Zaunpfahl) kommt nur zurück „Que pena!“ was soviel heißt wie „was für ein Pech!“. Ich vermisse die rücksichtsvollen, überhöflichen, pünktlichen Deutschen.

Allgemein geht es mit meiner Gastfamilie etwas bergab, es ist einfach dieses „von einander genervt sein“ durch die bloße Anwesenheit. Das meinen sie auch sicher nicht böse, und mir geht es ja genau so. Auch wenn ich nun zur Familie gehöre, gehöre ich irgendwie eben nur temporär dazu, und irgendwie eben nicht richtig.
Die Uhr tickt, und ich habe das Gefühl, noch so viel machen zu müssen, aber obwohl ich in der drittgrößten Stadt Brasiliens lebe, gibt es hier äußerst wenig zu unternehmen, was auch ungefährlich ist.

Natürlich habe ich den Strand, den ich auch total vermissen werde. Aber auch das ist nach 8 Monaten zur Gewohnheit geworden. Und leider ist auch nichts umsonst. In Deutschland konnte ich mich, wenn ich mal wieder pleite war, mit Freunden in einem Park oder so treffen, Bier trinken etc. was hier einfach nicht geht. Ich weiß, ich vergleiche viel zu viel mit Deutschland, und ich sollte die positiven Aspekte sehen, die es ohne Zweifel gibt, aber gerade das wird einem auch während eines Austauschjahres bewusst: Was man in der Heimat hatte, was man immer als selbstverständlich hingenommen hat. Man lernt Dinge und vor allen Leute viel mehr schätzen wenn man das alles nicht mehr hat. Auch wenn ich im Moment andauernd darüber nachdenke, was ich in Hamburg alles machen werde, so weiß ich auch, dass ich das hier alles vermissen werde. Aber man will ja immer das haben, was man gerade nicht haben kann.

Das klingt jetzt alles schrecklich negativ, aber manchmal überschatten die negativen Sachen leider die Guten. Ich bereue nicht, nach Brasilien gegangen zu sein. Ich habe wirklich viel über mich gelernt und darüber, was ich mit meinem Leben anfangen will, aber nach 8 langen Monaten ohne die eigene Familie und die Freunde, die Stadt und die „normalen“ Lebensumstände hat man nunmal richtig Sehnsucht!
An sich klingen die fast 3 Monate, die ich noch vor mir habe, lang, aber ich weiß, sie werden wie im Flug vergehen und ich darf eigentlich kein Wochenende mehr verschwenden!

Ich versuche, das Beste aus der verbleibenden Zeit zu machen, aber ich muss ganz ehrlich sagen: Ich freu mich schon ganz ganz doll auf zu Hause. Aber wie gesagt, alleine dafür war das Austauschjahr gut. Zu merken, wie wichtig „zu Hause“ ist und die Leute um sich rum zu haben, die man liebt. Und dass es eben nicht selbstverständlich ist. Ich habe hier so viel Zeit zum Nachdenken gehabt und bin dankbar dafür, da ich nun viele Dinge bewusster wahrnehme.

Das Austauschjahr ist immer ein Auf und Ab der Gefühle. Und wie wurde uns bei der Vorbereitung gesagt? Es wird das schönste, aber auch das schlimmste Jahr unseres Lebens.


5 Gedanken zu Die Uhr tickt ... noch drei Monate in Brasilien

  • Hey, also ich war in ecuador, und mir ging es auch manchmal wie dir jetzt. aber du musst dich echt anstrengen über die kleinen nervigen Dinge hinwegzusehen. Warum hast du keinen Spass in der schule? magst du die leute nicht? wenn nicht, geh doch einfach nicht hin. Hab ich oft auch nicht gemacht. Genieße einfach die andere Lebensweise, ärger dich nicht, dass du morgens aufgewacht wirst. Freue dich, dass deine Familie einfach laut lossingt,wenn sie dazu lust hat. ich wünsche dir noch ganz viel Spass 😉

  • Hallo Nathalie,

    ich war auch fuer ein Jahr in Brasilien und hatte GENAU die selben Gedanken wie du! Im Moment bin ich auch wieder in Brasilien und obwohl mein Austauschjahr mittlerweile 6 Jahre her ist, habe ich wieder die selben Gedanken wie damals!
    Ich kann mich meinem Vorredner nur anschliessen und dir raten, dass Beste aus der restlichen Zeit zu machen! Ich weiss aber selber aus Erfahrung, dass man sich nach 8 Monaten in einem Trott befindet, aus dem nicht mehr so schnelle raus kann.
    Ich war auch irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem ich nicht wusste was ich mit mir in dem (auch nach der langen Zeit fremden Land) anfangen soll. Ich habe mich auch tierisch gelangweilt in der Schule und wenn du die Moeglichkeit siehst, nicht in die Schule zu gehen und deine Zeit anders zu verbringen, dann mach es! Dafuer sind die restlichen drei Monate zu wertvoll, als dass du sie in der Schule verschwenden solltest (wenn du dort eh nichts lernst)!

    Aproveite!! 🙂

  • Hey Nathalie,

    gerade auf Facebook über die AFS-Gruppe deinen Eintrag gesehen und natürlich sofort angefangen zu lesen. Es ist total toll zu sehen, dass es mir hier gerade in den USA nicht wirklich anders geht. Also bei mir sind es viele verschiedene Dinge die in mir das Gefühl: „ICH VERMISSE DEUTSCHLAND“ hervorrufen, welches du nun auch hast. Danke für die tolle Beschreibung. Ich weiß genau was du am Ende meinst. Du bist oder fühlst dich zwar gerade nicht so gut, aber bereust den Schritt dich nach Brasilien gewagt zu haben, nicht wirklich. Du bist in einer ziemlich großen Stadt in Brazilien. Ich wohne in Washington DC. Also die Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Und auch hier gibt es nicht wirklich viel zu machen. Ich gehe leider auf die akademic beste Schule hier in der Stadt und das heißt extrem viele Hausaufgaben. Bowling kostet 30 Dollar. Und viele andere Dinge die ich einfach an meinem Berlin vermisse.

    Also danke für deinen tollen Post.
    Can 🙂

  • Hey Nathalie,

    es geht sicher vielen Austauschschülern so wie dir – nach einer gewissen Zeit wird das anfangs aufregende Leben zur Routine und die Alternativen scheinen schnell erschöpft.

    Es ging mir in meinem Austauschjahr ähnlich. Ich war in einem kleinen Dorf im Zentrum Chiles – man erwartet dort nicht grade das kulturelle Zentrum der Welt. Dennoch war ich überrascht, wie reichhaltig das kulturelle Leben dort ist. Es gibt zahlreiche Tanzgruppen, einen Chor, Sport, Musik…vielleicht gibt es in deiner Stadt etwas, das du schon immer einmal ausprobieren wolltest. Ich hatte in meinem Austauschjahr nicht die Initiative, etwa einen neuen Sport anzufangen oder zu tanzen, und jeder Versuch versickerte schnell im Boden. Ich hätte da etwas hartnäckiger sein können…

    Was die Kultur betrifft, nehme ich viele Dinge Ähnlich wahr. Ich habe die Ordnung in Deutschland und die Mentalität wirklich zu schätzen gelernt. Man kann die Leidenschaft und die Spontanität der Lateinamerikaner aus Sicht der stereotyp eher verkrampften Deutschen idealisieren, doch diese Sorglosigkeit geht manchmal auch mit einem anderen Stellenwert bzw. einer anderen Wahrnehmung von Rücksichtnahme einher. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille…und das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner, da gebe ich dir Recht! 🙂 Die Geräuschkulisse etwa (der Fernseher, Gespräche, die wattstarke Anlage des Nachbarn) hat mir auch lange zu schaffen gemacht und ich habe mich während des ganzen Jahres nicht daran gewöhnt. Nach einem Jahr in verschiedenen Studentenwohnheimen bin ich da etwas gelassener – deutsche Rücksichtnahme Fehlanzeige. 😀

    Alles in Allem wünsche ich dir für die restliche Zeit alles Gute – vielleicht findest du noch eine Aktivität, die dir gefällt. Ich finde deine Offenheit sehr gut, du bist sehr ehrlich mit deiner Wahrnehmung und traust dich, Dinge auszusprechen, die viele Austauschschüler während ihres Jahres zwar denken (mich eingeschlossen), sich aber nicht trauen, es offen zu sagen. Ich hoffe, dass du das Tal bald verlässt und wieder zu einem neuen Hoch findest. Du kannst die letzte Zeit sicher gut nutzen! 🙂

    Beste Grüsse,
    Jan

  • Hier ist ja eine rege Teilnahme an meinem Blog! Vielen Dank dafür! 🙂
    Es ist immer schön zu hören, wie es anderen geht / ergangen ist (und auch nebenbei zu merken, dass es wirklich Leute gibt, die das hier lesen! 😉 )
    Und ich gebe mein bestes die Zeit hier zu genießen und habe auch noch einige Pläne!
    Und so sehr ich auch rumnörgel, so weiß ich auch, dass ich das alles echt vermissen werde!

    Danke euch allen für die zustimmenden / ratschlaggebenden / mitfühlenden Kommentare!

    Nathalie

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