Russland-langsam taut es

-25 Grad war das Kälteste, was ich gespürt habe. Jeder Atemzug ist eine kleine Qual, die Feuchtigkeit der ausgeatmeten Luft schlägt sich auf die Haare, die Wimpern nieder. Wenn du dich nicht warm genug anziehst, fühlt es sich an, als würde dir jemand ein glühendes Bügeleisen auf die Haut drücken. Aber hey, wer kann schon von sich behaupten, den russischen Winter erlebt zu haben?

Man kann auch Spass haben, bei MinusgradenSoll ich euch was verraten? Wenn es kälter als – 15 Grad ist, vermeiden sogar die Russen jeden Gang auf die Straße. Also gehe ich die 20 Minuten zur Schule, gehe nach Hause zurück, und der Tag ist so gut wie gelaufen. Ich lese ein Buch, schaue Fernsehen oder surfe im Internet. Wenn mir sehr langweilig ist, fange ich an für Deutschland Chemie und Latein zu lernen. Das ist mein neues Leben. Mein Leben für jetzt noch 3 Monate.

Ich habe mich sehr verändert hier in Russland. Ich habe meine Begabungen erkannt, habe gelernt mit Schwächen umzugehen. Was ich an Menschenkenntnis dazugelernt habe, ist unbeschreiblich. Ich bin zu einer Optimistin geworden. Aber all das habe ich nicht durch viel Aufregung gelernt, nicht durch große Events. All das habe ich in der Stille, beim Nachdenken gefunden.

In einem Autauschjahr ist man des öfteren auf sich allein gestellt, man hat viel Zeit. Vielleicht ist das die größte Schwierigkeit darin. Wenn man Angst vor Einsamkeit hat, sollte man lieber zu Hause bleiben. Ich möchte damit niemandem Angst machen. Man ist nie wirklich allein. Zu dicht ist das Netzwerk aus AFS-Ehrenamtlichen, Gastfamilie, Schule und natürlich anderen Austauschschülern. Aber es ist nicht so, dass man durchgehend beschäftigt ist.

Der erste Schritt wird von vielen als der wichtigste benannt. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt. Ich glaube es ist eher, dass man das angefangene Gespräch gut fortführen können muss. Fragen zu stellen, immer und immer wieder zu fragen. Nur, wenn ich etwas frage, kann ich etwas lernen.

Sehr wenige Austauschschüler hier haben russische Freunde. Ich habe russische Freunde. Irgendwann kommt der Punkt, an dem du nicht mehr als Ausländer interessant bist, sondern als Mensch oder gar nicht.  Das Leben ist nirgendswo ein Zuckerschlecken, aber jeder hat eine Chance, es sich ein bisschen zu versüßen.

Ich würde gerne mit euch das teilen, was ich hier gelernt habe. Es sind Lektionen die ich eher auf die harte Tour gelernt habe.  Ihr müsst verstehen, dass Russland ein Land mit tausend Gesichtern ist. Jeder Austauschschüler wird etwas anders sehen, fühlen, erleben. Jedes Land ist einzigartig, und jeder Austauschschüler behauptet, dass seines das Beste ist. So behaupte auch ich, dass Russland das beste Land für einen Austausch ist.

Russland – für mich ist das ein sehr offenes Land. Die Menschen haben eher nicht die Möglichkeit ins Ausland zu fahren. Es fehlt an dem nötigen Geld. Die Menschen wissen kleine Dinge zu schätzen. Ihre Herzenswärme versucht gegen die kalten Winter anzukommen. Freunde und Familie sind wichtiger als Beruf und Arbeit. Ich wusste wenig über Russland, nun habe ich das Gefühl es zu verstehen. Das ist ein echter Austausch, es hat mir die Augen geöffnet.

Meine beste Freundinn macht ein Austauschjahr in den USA. Sie sagte, dass sie dort dumm werde und ich hier philosphisch 😉


Ein Gedanke zu Russland-langsam taut es

  • Wow, ein wunderschöner Beitrag über die Erfahrungen eines Austauschschülers. Du hast das unglaublich ausgedrückt! Ich finde es bewundernswert, wie sehr du ein Bild von Russland zeigst, von dem viele hier nichts wissen! Du machst einem Lust, Russland kennenzulernen!
    Ich glaube, dass genau das oft auch die Erfahrungen eines Austauschschülers ausmachen, dass man lernt, das eine Kultur viel tiefer reicht, als nur der oberflächliche Eindruck, den man oft hat und dass jede Kultur liebenswert ist!
    Ich selbst war in Chile im Austausch und kann dir nur zustimmen, die Erfahrungen die man sammelt sind unbezahlbar! Und wie du sagst, oft geht es einfach nur darum weiter zu fragen und zu lernen…
    Ein großes, großes Lob an deinen Blog!

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