Zwischen Ferien und Schule, Aufregung und Langeweile

Seit 6 Monaten bin ich nun hier, das ist schon mehr als die Hälfte der Zeit! Rückblickend verging die Zeit rasend schnell, doch wenn ich darüber nachdenke, dass ich noch fast 5 Monate vor mir habe, kommt es mir vor wie eine Ewigkeit.

Ich habe immer noch Ferien und mich doch sehr daran gewöhnt. Am 6. Februar geht die Schule wieder los… und ich werde sterben, da ich nicht mehr um 11 Uhr aufstehen kann, sondern so gegen 5:30 Uhr hoch muss. Ich habe 2 Wochen meiner Ferien im Süden Brasiliens verbracht bei meiner Gastschwester Vici, die bei mir in Deutschland war. Der Süden ist total anders, was bei Brasiliens Größe nicht allzu überraschend ist.  Ich war in Joinville (Staat Santa Catarina) und in Sao Paulo. Ich fühlte mich sicherer und es war viel europäischer, bzw. deutscher auf Grund der zahlreichen deutschen Vorfahren. Es hab einen „Biergarten“ und das Hotel „Tannenhof“.

Ich war viel mit den Freunden meiner Gastschwester unterwegs und hatte wirklich sehr viel Spaß. Natürlich war es auch schön die Familie kennenzulernen. Es war irgendwie komisch, auf einmal die umdrehten Rollen zu haben: Ich war die Fremde in der Familie meiner Schwester, nicht sie in meiner. Sehr genossen habe ich das Familienleben dort, z.B. das gemeinsame Essen oder Brettspiele oder einfach beieinander sein und lesen oder TV gucken. Trotz der ganzen schönen Erlebnisse hatte ich sehr starke Sehnsucht nach Deutschland, da mich dort eben viel mehr an Deutschland erinnert hat, und auch ihre Familie ist meiner Familie in Deutschland viel  ähnlicher. Und natürlich haben Vici und ich auch über meine Familie und gemeinsame Erinnerungen geredet.

Nachdem ich zurück in Salvador war, war ich immer noch sehr nachdenklich und etwas traurig, aber natürlich auch mal wieder genervt. Nach einem halben Jahr kommt bekanntlich nochmal ein Tief, in dem ich auch etwas hineingeraten bin. Ich mag meine Familie hier sehr gerne, aber mir fällt hier mehr und mehr auf, was mir fehlt. Ich habe hier alle Freiheiten der Welt, aber ich vermisse das richtige Familienleben. Wir sind 7 Leute in einem kleinem Haus, aber wir leben eher aneinander vorbei als miteinander. Wir essen nicht zusammen und gar nichts. Ich bin generell in eher gegensätzlichen Verhältnissen gelandet, als es der „normale Fall“ ist.

Auf den Vorbereitungswochenenden hieß es immer, dass wir in relativ reiche Familien kommen, in sichere Gegenden, auf Privatschulen gehen, wohl nie mit dem Bus fahren dürfen, weil es zu gefährlich ist, auf Parties gehen auch eher nicht, Religion oft sehr wichtig ist und Kinder sowieso wenig machen und nichts zusagen haben. Ich bin in einer eher ärmeren Familie, in einem nicht so schönem Viertel, gehe auf eine öffentliche Schule, fahre nur Bus (meine Familie hat gar kein Auto), darf machen, was ich will, weggehen etc., wurde nicht einmal gefragt, ob ich mit in die Kirche will und habe eigentlich alle Freiheiten. Also so ziemlich das Gegenteil von der „Standartfamilie“.

Es ist definitiv eine Erfahrung dem „normalen“ Luxus wie z.B. einer Spülmaschine und einem Auto zu entsagen und ein Jahr unter anderen Umständen zu leben, aber leider ist es dadurch auch so, dass meine Familie einfach nicht das Geld hat, zusammen was zu machen, wie z.B. ins Kino zu gehen. Und so sehr ich meine Gastmutter auch mag, man merkt eben doch manchmal, dass sie nie zur Schule gegangen ist. Ich finde meine Familie toll, aber manchmal denke ich schon, dass wir aus „verschiedenen Welten“ kommen, also manche Weltansichten und so sind doch sehr verschieden!

Sonst war ich am Freitag auf einem Musikfestival, was ich sehr genossen habe und als Ausländer sind wir sogar auf die Homepage gekommen (http://g1.globo.com/bahia/festival-de-verao/2012/noticia/2012/01/publico-mantem-frequencia-e-lota-tenda-eletronica-no-3-dia-do-festival.html).

Momentan streikt die Polizei hier, was mir ein etwas unsicheres Gefühl gibt…

Normalerweise würde am Montag die Schule wieder losgehen, aber ich fliege von Montag bis Freitag nach Rio de Janeiro mit AFS. Dann habe ich 2 Tage Schule und dann ist Carneval (der größte Straßenkarneval der Welt!!!) und dann  bin ich auch in fast 3,5 Monaten wieder da. Ach ja, die Zeit ist ein komischer Wegbegleiter…

Mein Heimweh hält sich dauerhaft die letzten 6 Monate in Grenzen. Ich sitze hier nicht herum und weine und bin todtraurig, sondern habe Sehnsucht. Sehnsucht nach Freunden, Familie, Orten und Gewohnheiten. Ich vermisse es total, Auto zu fahren und ganz besonders fehlt mir die Menge an Freunden. Hier mach ich immer was mit den gleichen Leuten, das wird auf Dauer langweilig und irgendwann hat man sich nicht mehr so viel zu sagen… Dann kriegt man natürlich noch mit, was die Freunde in Deutschland alles machen, was man verpasst, während man in einem fremden Land mit einer fremden Familie lebt, immer wieder irgendwo aneckt und sich soooo langweilt. Alle sagen immer, ich solle doch mehr machen. Aber was? Ich kann mich hier schlecht in einem Park oder irgendwo auf der Straße mit Freunden treffen und reden, weil es zu gefährlich ist und wir zu sehr auffallen. Am Strand zu sein macht auch irgendwann kein Spaß mehr, wenn die ganzen alten Männer die jungen Mädels angaffen und alle Händler dir was verkaufen wollen, was du eh nicht kaufen könntest, da du aus Angst vor Überfällen kein Geld dabei hast.

Entspannen ist dann nicht. Und es kostet auch immer alles Geld, der Bus, dann isst man was oder trinkt was… Das kommt alles zusammen. Also bin ich oft genervt von den ganzen Leuten auf kleinstem Raum, dem ewigen Lärm, den wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten und dem Fehlen mancher Wörter.

Aber die positiven Momente machen das alles wieder wett!


2 Gedanken zu Zwischen Ferien und Schule, Aufregung und Langeweile

  • Hi Nathalie!
    Klingt genau nach dem, was ich gerade vorhatte in meinen Blog zu schreiben… 😀 Danke fuers Vorwegnehmen 😉 Hoffe, du hast nicht zu viel Heimweh“sehnsucht“ nach dem Suedenbesuch… Aber auch ich komme immer wieder auf deutsche Begriffe: tomar „Dusche“ (=duschen 😉 ), „Hausi“ (=Internetcafe) etc 🙂
    Wuensche dir noch viel Spass auf deinen Reisen und beim Carneval! 😀 Das ist der Kompromiss: „doofe“ Dinge in Kauf nehmen fuer einen Haufen megatoller Sachen 😉
    bjs do Estado Rio de Janeiro
    VLG

  • Hey 🙂
    Dein Blog ist echt super geschrieben. Ich bin ein Jahr in der Türkei und das ständige Aufeinandergehocke, die Geräuschkulisse aber eben auch das aneinandervorbei-leben geht mir genauso auf die Nerven wie dir.
    Ich wünsch dir trotzdem ganz viel Spaß in Rio, das wird bestimmt eines von den Erlebnissen, das alles wett macht.
    Viele Grüße aus Istanbul

    http://sommmerkind.blogspot.com/

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