Alexandra in Alexandra

„Wir fahren morgen in die Psychiatrie, um uns einen Vortrag über das Down-Syndrom anzuhören“, begrüßte mich meine Kollegin Nicky an einem Dienstagmorgen. Alta du Toit hatte mich und Nicky zu diesem öffentlichen Vortrag in „Alexandra“ – so der Name der Psychiatrie – angemeldet und uns dafür einen Vormittag frei gegeben.

Am nächsten Tag machten wir uns dann in Nickys Auto auf den Weg in die wenige Suburbs entfernte Psychiatrie, die wie ein Hochsicherheitsgefängnis abgesperrt war. Wie fast überall in Südafrika mussten wir alle denkbaren Daten von uns am Tor des Wachpersonals hinterlassen (Namen, Passnummer, Name der Einrichtung für die wir hier sind, Autokennzeichen…), bevor die Schranke geöffnet wurde. „Alexandra“ ist eine ziemlich weitläufige Anlage mit großen Rasenflächen und Palmen und ich muss zugeben, dass das Areal auf mich eher den Eindruck eines Rehazentrums oder einer Wellnessfarm machte.

Um in den Vortragssaal zu gelangen passierten wir das Verwaltungsgebäude. Nicky erklärte mir derweil, dass die Psychiatrie gerade mit staatlichen Subventionen renoviert wird. Sie war wohl vor einigen Jahren schon mal hier gewesen und damals sei „Alexandra“ in einem erbärmlichen Zustand gewesen. In dem alten Verwaltungsgebäude hatte man das Foyer mit einigen Schaukästen ausgestatten, in denen alte medizinische Instrumente als Exponate ausgestellt wurden. Der Anblick der alten, gläsernen Spritzen hat uns – und Nicky ist immerhin selbst eine Krankenschwester – kalte Schauer über den Rücken gejagt. „Das würde man heute vielleicht für Elefanten oder so benutzen“, kommentierte Nicky die monströsen Nadeln.

Damit war unsere unfreiwillige Reise in die Medizingeschichte allerdings noch nicht zu Ende: Ein paar Meter weiter kamen wir in das Gebäude, in dem der Vortragssaal war. Da wir die ersten Zuhörer waren, sahen wir uns in dem Haus etwas um und gelangten dabei in eine Lounge. Nicky bewunderte gerade einen alten Wohnzimmerschrank aus Holz, als eine der Mitarbeiterinnen meinte, es gebe hier noch viele andere alte Dinge. Sie stand sofort aus, um sie uns zu zeigen und wir folgten ihr und dachten dabei natürlich an antiquierte Möbelstücke. Entsprechend schockiert waren wir, als die Frau einen Raum aufschloss und wir auf einen alten Operationstisch sahen, an dem die Lederriemen herunterhangen, so dass es so aussah, als sei eben erst ein Patient nach einer neurologischen Behandlung aufgestanden. Weiter hinten stand der Torso einer alten Puppe, die man wohl für mal für das Medizinstudium rund um die Jahrhundertwende benutzt hatte, in der Ecke fanden wir einen uralten Zahnarztstuhl und eine Glasvitrine, in der wohl mal die Instrumente oder Medikamente aufbewahrt worden waren. Die Situation war völlig absurd, Nicky flüsterte mir nur zu: „Let’s run away!“ und ich dachte mir, dass man hier sofort ein paar Kameras aufstellen und mit dem Dreh eines Horrorfilms beginnen könnte…

Etwa eine Stunde nach unserer Ankunft waren endlich die Referentin und die etwa 40 anderen Zuhörer – Studenten, Ärzte, Pfleger, Verwandte von Down-Syndrom-Behinderten – anwesend, so dass wir beginnen konnten. Ich war etwas gespannt, ob ich dem englischen Vortrag folgen könnte, aber es war gar kein Problem. Die Referentin war ein Mitglied der Down-Syndrom Association Western Cape und zudem Mutter eines 17-jährigen Jungen mit Down-Syndrom. Entsprechend würzte sie ihr Referat mit Anekdoten aus ihrem Leben mit ihrem Sohn, so dass ich nicht nur Basisinformationen zu dem Gendefekt erhielt, sondern auch einen Einblick, wie schwierig es für die Familienangehörigen sein kann, sich mit einem behinderten Kind zu arrangieren.

Danach hielt eine Therapeutin einen Vortrag über Autismus, was ich nicht so interessant fand, da wir kaum Autisten in Alta du Toit haben – während etwa zehn Prozent der Behinderten das Down-Syndrom haben – und die Referentin in ihrem Vortrag eigentlich nur die harten Facts runterratterte ohne dem Ganzen eine persönliche Note zu verleihen.

Diese öffentlichen Vorträge werden monatlich angeboten und ich will nun mit Nicky versuchen, regelmäßig nach „Alexandra“ zu fahren, da es für uns eine schöne Abwechslung zu unserem Arbeitsalltag ist und wir gleichzeitig ein wenig medizinisches Hintergrundwissen zu den Krankheiten der Behinderten erhalten.

Nachdem die Wächter am Gate den Kofferraum von Nickys Auto geöffnet und sich davon überzeugt hatten, dass wir keine Psychiatrie-Patienten nach draußen schmuggeln, konnten wir wieder zurück ins Alta du Toit fahren.


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