Acrylfarben, Fettsuppe, Kälte – die Arbeit in meinem Projekt

Ja, ich lebe noch! Und, ja, mir geht es sogar gut 🙂

Nach nun schon drei Monaten hier (die Zeit rennt so!) kann ich auch endlich mal etwas über meine Projektarbeit berichten. Nachdem die ersten zwei Monate wirklich gar nichts passierte, ging es so Ende Oktober endlich los: Außeneinsätze in warmen Bergdörfern und trübe Tage im kalten Büro.

Wie ich schon in vorigen Beiträgen erwähnt habe, ist der Name der Organisation, in der ich arbeite “Mujer Impulsa”, doch eigentlich verbirgt sich hinter meinem Projekt noch eine zweite Organisation “JR”. Erstere unterliegt Rosie und “JR” ihrem Mann Jaime.
Grund hierfür ist, dass einige Gruppen oder auch die Regierung nicht mit der einen Gruppe zusammen arbeiten will, weil sie andere Themen vertritt und wir dann einfach im Namen der jeweils anderen Organisation auftreten. Irgendwie finde ich das albern, weil es eh alles die gleichen Mitarbeiter sind und alle alles zusammenarbeiten.

Wie schon gesagt, arbeiten hier in unserem Büro im Zentrum Teziutláns das “Chef-Ehepaar” Rosie und Jaime, sowie Magda (25) und Manuél (26).

Die Themen der Organisationen sind zum Beispiel: Gleichstellung von Frau und Mann, Umweltschutz, Unterstützung armer Familien, Verbesserung von Bewässerungsmethoden in trockenen Gebieten, oder die Vergabe von Krediten um wichtige Projekte zu realisieren.

Klingt erstmal ganz nett, aber so richtig vorstellen konnte ich mir darunter anfangs nichts. Was sollte da jetzt meine Aufgabe sein? Die Antworten darauf bekam ich selber ja leider auch erst vor kurzer Zeit.

Gegen 8:00 Uhr morgens komme ich im Büro an und beginne erstmal mit eine Stunde Englischunterricht mit Rosie und Jaime. Nach meinen anfänglichen Zweifeln muss ich sagen, dass es doch ganz gut läuft und auch Spaß macht.

Ich versuche die Stunden abwechslungsreich zu gestalten, eine Stunde sieht zum Beispiel so aus:

  1. zeige ich ihnen ein Foto zu einem Thema, welches sie beschreiben sollen
  2. dann sind sie neugierig, was dahinter steckt und wir lesen einen Text zu
    dem Thema, zu dem sie Verständnisfragen beantworten.
  3. um das ganze letztlich zusammenzufassen, gucken wir ein kleines
    Filmchen dazu und
  4. spielen am Ende meist noch ein Spiel, z.B. Hangman.

Wenn ich dann bestimmet grammatische Lücken feststelle, schiebe ich mal eine Grammatikstunde ein oder wir üben die unregelmäßigen Verben.

Den restlichen Arbeitstag bis 14.00 Uhr teile ich mir immer so ein, wie ich eben gerade will. Es kümmert sich keiner darum, was ich nun mache, oder nicht.
Meistens checke ich erstmal meine E-Mails, dann gehts ab in den anderen Büroraum, den Vanessa und ich zu unserem Malatelier gemacht haben 🙂

Vor einiger Zeit haben wir in einer Gruppenbesprechung zu unserem Mülltrennungsprojekt geguckt, was noch zu tun ist, bevor wir mit diesem Projekt an die Schulen gehen können. Da es für Kinder ist, wollen wir ganz viele Spiele und Aktivitäten rein bringen, um nicht nur einen langweiligen Belehrungsvortrag zu machen, wie es für Mexiko üblich ist.

Vanessa und ich haben die Aufgabe all diese Spiele zu entwickeln und vorzubereiten. Seit einiger Zeit sind wir dabei zwei Puzzel zu erstellen, eines, das zeigt, was der Umwelt schadet, ein anderes, das zeigt, was gut für die Umwelt ist. Der Anfang war gar nicht so leicht, denn es hieß einfach nur “macht mal!” Wir überlegten uns also wie wir das machen wollten und fragten nach Farben, mit denen wir das malen konnten. Als Rosie dann mit einer Hand voll abgenutzten Filzstiften ankam, dachte ich echt, das kann nicht sein. Soll ich damit zwei schöne, für Kinder ansprechende Puzzel malen??? Also bitte! Das hat mal wieder gezeigt, wie wenig perfektionistisch die hier sind. Die geben sich irgendwie immer kaum Mühe für so etwas. Magda hat ein Plakat gemacht, weiße knitteriges Papier mit nichts weiter als ein paar hässlich ausgeschnittenen Bildchen, nix weiter – so etwas unesthetisches habe ich selten gesehen. Damit wollen sie seriös wirken und Kinder überzeugen?

 

Erstes Puzzelbild (noch nicht fertig)
Erstes Puzzelbild (noch nicht fertig)
Zweites Puzzelbild (auch unfertig)
Zweites Puzzelbild (auch unfertig)

Letztlich haben wir es geschafft, dass wir Acrylfarben kaufen konnten und so pinseln wir jetzt Tag für Tag eifrig herum, hören Musik und haben einen Heizlüfter an. Manchmal laufen wir dann in die Stadt und trinken heiße Atole und wärmen uns in der Sonne auf.

Das Wetter ist schon komisch irgendwie.
Morgens wache ich in einem völlig ausgekühlten Haus bei 15°C auf, ziehe mir die dicksten und bequemsten Sachen an (ich hab mir schon ne fette Daunenjacke zugelegt :)) Im Büro ist es dann noch tausendmal kälter, da wickel ich mich in meine Fleecedecke ein, die ich immer
mitnehme, und sitze vorm Heizlüfter. Mein Hände und Füße sind täglich taub vor Kälte. Wenn wir dann raus in die Sonne gehen und ein bisschen herumlaufen, ziehe ich immer mehr aus und stehe letztlich schwitzend im T-Shirt da. So habe ich letzte Woche, leicht bekleidet draußen im Garten gestanden Weihnachtssachen aufgestellt und ne‘ dicke Schneemannfigur aufgepustet. Sehr lustig! Abends kann ich dann vor Kälte wieder kaum einschlafen und wache morgens mit Eisfüßen auf.

Noch interessanter finde ich allerdings, wie unterschiedlich das Klima hier in der Gegend ist.

Letzten Mittwoch zum Beispiel waren wir mit der Arbeit wieder auf einem, ich nenne es
mal “Außeneinsatz”. Morgens sind wir im kalten, vernebelten Teziutlán losgefahren. Mit jedem Kilometer wurde es ein wenig wärmer und die Pflanzen tropischer. Als wir nach drei Stunden in dem kleinen Dorf Huehuetla ankamen, knallte die Sonne extrem und mir war noch im Top zu warm. Huehuetla ist eines von vielen Dörfern hier, in dem größtenteils indigene Bevölkerung lebt, die nicht nur Spanisch, sondern auch Nahautl oder Totonaca spricht. In Mexiko sind alle 62 indigenen Sprachen als Nationalsprache anerkannt!!!

Huehuetla
Huehuetla

Auf einer Internetseite fand ich gerade spannende Informationen über Huehuetla:

Ökonomische oder wirtschaftliche Struktur

In dem Ort Huehuetla existiert eine Gesamtzahl von 568 Haushalten.

Von denen sind 544 normale Häuser oder Wohnungen, 65 sind über irdenem Boden konstruiert und 69 bestehen aus nur einem Raum.

506 der Häuser und Wohnungen verfügen über sanitäre Einrichtungen, 338 sind an das Wasser und Abwassernetz angeschlossen und 509 haben Zugriff auf elektrischen Strom.

Die wirtschaftliche Struktur des Ortes erlaubt 31 Haushalten einen Computer zu besitzen, 73 besitzen eine Waschmaschine
und 395 verfügen über ein oder mehrere Fernsehgeräte.

Schule und Ausbildung in Huehuetla

Abgesehen davon dass es etwa 375 Analphabeten in der Gruppe 15 Jahre und älter gibt, besuchen 9 der Kinder und
Jugendlichen zwischen 6 und 14 Jahren keine Schule.

In der Bevölkerung von 15 Jahren aufwärts haben 348 keine Schulbildung und 489 verfügen nur über eine geringe
Schulbildung ohne Abschluss.

In diesem Ort besuchten wir also eine kleine Backstube, in der es einfach himmlisch duftete! In Deutschland wäre diese Bäckerei aus allen hygienischen Gesichtspunkten und Sicherheitsgründen völlig undenkbar, aber irgendwie fand ich es gemütlich dort (wahrscheinlich nur wegen dem Geruch :)). Die Besitzer hatten letztes Jahr einen Kredit von unserer Orgnisation bekommen, um davon einen neuen modernen und effizienteren Ofen zu kaufen. Dieser neue Ofen passt einfach nicht in das Gesamtbild: groß, elektrisch betrieben und kann viele Bleche auf einmal fassen. Der alte hingegen ist ein wunderschöner Steinofen, wird mit Holz betrieben und es passen leider nur zwei Bleche rein.

In der Backstube
In der Backstube

Wie immer wurden wir dann auch zum Essen eingeladen. Da es meist ärmere Leute sind und die uns als etwas viel besseres und tolleres ansehen, tischen sie immer das beste und teuerste auf, was sie besitzen. Das kann in manchen Fällen echt schlimm enden: einmal waren wir auf einem Jubiläumsfest der Banenbauern eingeladen und bekamen, im Gegensatz zu allen anderen Gästen, einen Teller mit einer ganz besonderesn Suppe. Ja, besonders war sie, definitiv. Es war einfach nur Fett mit etwas Tomatensauce und in dieser Fettbrühe schwammen dann noch Fettstückchen drin herum. Kein Fleisch, nur das Fett davon. Appetitlich, sag ich euch! Da mich mal wieder alle angestarrt haben, musste ich es wohl oder übel probieren. Außerdem dachte ich mir, dass es sooo schlimm doch nicht sein kann. Aber es war schlimm, einen Löffel voll bekam ich runter, aber ich war kurz davor das wieder auszuspucken – so widerlich! Pures Fett! Leider hatten es alle gesehen und ich wurde ganz böse angeguckt, dass ich das “gute” teure Essen nicht mag und es nicht aufesse. Und mit böse, meine ich wirklich böse!

In Huehuetla hatten wir aber Glück: Es gab einen Teller mit sehr scharfer, aber leckerer “mole verde” (spezielle grüne Sauce) und einem kleinen feinen Stück Fleisch. Dazu köstliche Tortillas und Frijoles (Bohnen).

Im "Nichts" - auf einem Berg, der immer eingenebelter wurde... hohe Luftfeuchtigkeit, aber kalte Luft
Im "Nichts" - auf einem Berg, der immer eingenebelter wurde... hohe Luftfeuchtigkeit, aber kalte Luft
Auf dem Weg nach Huehuetla
Auf dem Weg nach Huehuetla

 

Ein schon etwas länger zurückliegendes Highlight war die Zimternte.
Mit dem Jeep sind wir hoch in die Berge gefahren, über Straßen, die keine Straßen sind, sondern nur Schotter, Sand und Felsen. Bei dieser holprigen Angelegenheit braucht man auch einen Jeep.

auf dem Weg
auf dem Weg

Bei einem Haus, zwischen Bananen-, Papaya-, Macadamia-, Kaffee-, und unzähligen Orangenpflanzen, hielten wir an.

Banenpflanze
Banenpflanze

In der Hitze der knalligen Sonne krabbelten wir durchs dichte Gebüsch einen kleinen Berg hoch, auf dem die dann einen kleinen Baum fällten und in kleine Teile sägten. Aha, warum das?
Irgendwie hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was Zimt eigentlich ist! Es  kommt von einem Baum und der Zimt, ist sozusagen die zweite Rinde des Baumes.

Zimternte
Zimternte

Mit dem Messer kratzt man dann vorsichtig die erste Rindenschicht ab. Die Schicht darunter ist dann die Zimtschicht. Um die etwas zu lösen muss man mit einem anderen Zimtast darüberrubbeln. Mit einem Messer versucht man dann ganz vorsichtig die Zimtrinde zu lösen. Und dann hat man die Zimtröllchen, die nur noch trocknen müssen und langsam braun werden. Total toll! Aber echt schwer und extrem zeitaufwändig.

Aber zwischen den ganzen tropischen Pflanzen und Blumen, in der warmen Sonne, da macht das Arbeiten spaß!
Außerdem waren da schöne Wasserfälle und Flüsschen…

 

Nun eine Frage an euch:

Was interessiert euch am meisten? Worüber soll ich was schreiben? Habt ihr Ideen? Es gibt so viel erzählenswertes, was ich nicht alles schreiben kann, deswegen, möchte ich wissen, was euch am meisten interessiert, z.B. Essen, Wochenenden, Alltagsgeschichten, mein Tag an der Schule meiner Gastschwester, … also?

Schreibt eure Favoriten oder Ideen einfach als Kommentar 🙂


6 Gedanken zu Acrylfarben, Fettsuppe, Kälte – die Arbeit in meinem Projekt

  • Hey Carina!
    Hast du jetzt Sommer oder Winter? Wie sieht so dein normaler Tag aus? Isst du auch fast jeden Tag nur das Gleiche?
    Soviel zu Fragen 😉
    Hier in Brasilien ist es am Tag zwar ziemlich warm, weil jetzt Sommer ist, aber nachts habe ich kurz nach meiner Ankunft bei immer offenen Fenstern und Ventilatoren doch auch gefroren… 😀
    Beijos nach Mexico!

  • Hola Caro!

    Meinen Tagesablauf habe ich schon in einem anderen Blogeintrag mal geschrieben. Also wens dich interessiert, musst du ihn nur suchen und lesen 🙂
    Das Essen ist definitiv noch einen ganzen Eintrag wert!
    Und logischerweise ist bei mir Winter (Nordhalbkugel und kalt).

    Liebste Grüße,
    Carina

  • Hey Carina,
    ich habe vor kurzem die Bestätigung bekommen, dass auch ich nächstes Jahr nach Mexiko gehen werde. Bin total neugierig weil ich noch nicht so viel über das land Mexiko weiß und daher sehr interessiert an deinen Erfahrungen.
    Also schön fleißig weiter schreiben 🙂
    wünsch dir ne tolle Zeit!

    LG Ivana

  • Hallo Carina,
    besonders interessant finde ich natürlich deine Schulaktivitäten (Aufbau deiner Englisch-Lektionen).
    Mich würde interessieren, wie in Mexiko ein Schultag bei deiner Gastschwester abläuft und wie dein Mülltrennprojekt an der Schule so ankommt – die Plakate sehen jedenfalls klasse aus!

    Viele Grüße
    Lutz Richert

  • Hey du, Mexico interessiert mich auch.. ich wollte fragen wie die Menschen so sind? Haben sie Verständnis für die Gemüter der Austauschschüler?
    Hast du ein Stipendium, wenn ja, welches und was hast du für „Ausfgaben“ in dem Stipendium?
    Danke

  • Hallo Franzi,
    hast du meinen Artikel richtig gelesen??? Dann müsste dir aufgefallen sein, dass ich nicht als Austauschschülerin in Mexiko bin, dir also nicht helfen kann mit deinen Fragen. 🙂

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