Altmodisch oder aufgeschlossen: Zwei Seiten von Brasilien

Ich laufe die Straße zur Bushaltestelle hoch. Es regnet. Rechts und links tropft es von den Dächern und Balkonen, in den riesigen Schlaglöchern hat sich eine Menge Wasser gesammelt. Ein Auto fährt hupend an mir vorbei und durch die gewaltige Pfütze. Das dreckige Regenwasser spritzt an meinen Beinen hoch, doch das lässt sich hier eher selten vermeiden. Ich laufe in den 10 Minuten, die ich zum Bus brauche, an vier Kirchen vorbei (Kirche = umgebaute Garage mit Plastikstühlen und einem provisorischem Altar). Dann fahre ich in den nächsten 10 Minuten mit dem Bus an 6 Motels vorbei (die Zimmer sind stundenweise zu vermieten, versteht sich). Alle glauben an Gott, keiner hat Sex vor der Ehe, aber warum sind so viele Mädchen schwanger? Die Leute sind teilweise sehr altmodisch und abergläubisch und wenig aufgeschlossen, und doch ich bin sehr überrascht, wie viele homosexuelle Freunde ich hier habe. Ich habe hier innerhalb von 3 Monaten so viele Schwule und Lesben kennengelernt, so viele hab ich in 18 Jahren in Deutschland nicht gekannt! Nicht, dass ich Homosexualität verurteile, im Gegenteil, ich habe wirklich viele schwule Freunde hier und wenn ich feiern gehe, gehe ich meistens in Schwulenclubs (die Musik dort ist eher meins). Es gibt auch viele, die sagen, sie wären bi, wobei mir das hier teilweise wirklich wie ein „Modeding“ vorkommt, so ein bisschen „ich bin so aufgeschlossen, ich bin offen für alles“. Irgendwie passt es für mich nur nicht zusammen, dass die Brasilianer so streng religiös sind, aber andererseits anscheinend wenig wert auf Treue legen. Ich hab z.B. eine Freundin, die seit 2 Jahren einen festen Freund hat und mir neulich erzählte, dass sie sich am Wochenende mit einen Typen getroffen und mit ihm rumgemacht hat. Sowas ist hier völlig normal.

Ich war neulich mit 3 anderen Austauschschülern feiern, und wir waren in einem bekannten Schwulenclub. Es hat super viel Spaß gemacht und man lernt hier so schnell Leute kennen, selbst wenn man die Sprache eher schlecht als recht beherrscht. Die meisten Brasilianer sind total offen, freundlich und lieb! Es war ein super Wochenende, denn mich hat eine Freundin besucht und wir waren feiern, shoppen und am Strand. Anna wohnt hier ca. 1,5 Stunden von mir entfernt wohnt, kommt aber genau wie ich aus Hamburg. Ich mache hier so viel mit anderen Austauschschülern, da man ja irgendwie das gleiche durchmacht und die gleichen Probleme hat (mit der Familie und der Sprache, Freunde zu finden und die gelegentlichen Kulturschocks). Aber auch bei denen ist es meist so, dass man, genau wie bei den Brasilianern, so dieses „1-Jahr-Limit“ hat. Ich mach hier ganz viel mit einer Australierin und einer Neuseeländerin und verstehe mich gut mit ihnen, aber nach diesem Jahr sieht man sich wahrscheinlich nie wieder… Deswegen bin ich so froh, Anna zu haben. Da wir immer wissen, was bei dem anderen so los ist und man sich auch nach diesem Jahr in Brasilien noch sehen kann.

Am Anfang hab ich oft drüber nachgedacht, was ich alles in Deutschland zurückgelassen habe, doch mittlerweile denk ich oft daran, was ich nach diesem Jahr hier alles zurücklassen werde. In Deutschland werde ich in 8 Monaten ja auf jeden Fall wieder sein, aber werde ich es nochmal schaffen, meine Familie und Freunde hier zu besuchen? Klar kenne ich meine Freunde in Deutschland länger und besser, aber auch die Leute hier wachsen einem doch sehr ans Herz… Es ist alles ein ziemliches Gefühlschaos…

Ich merke hier erst, was ich an meiner Heimat oder allgemein an Deutschland sehr schätze, z.B. ist Deutschland nicht sehr gefährlich. Ich kann sogar ohne Bedenken um 4h nachts als Mädchen alleine über den Kiez laufen und würde keine Angst haben. Hier wurde die Australierin um 6h abends auf dem Parkplatz eines Supermarktes überfallen und mit einer Waffe bedroht. Ich vermisse meine Unabhängigkeit. Auch merke ich, dass ich eigentlich die Zeit mit meinen Freunden viel zu wenig genossen habe, bzw. viel zu wenig gemacht habe…

Seit gut einer Woche fühle ich mich nun richtig zu Hause. Ich denk nicht mehr darüber nach, ob ich in die Küche gehe und mir ein Glas Wasser hole, sondern mach es einfach. Ich glaube, ich bin nun wirklich angekommen. Auch mit der Sprache wird es besser, ich kann sogar schon ein paar Witze machen. In der Schule fühle ich mich wohl, langweile mich aber auch ziemlich. Ich verbringe meine Zeit damit zu zeichnen, Briefe zu schreiben, Vokabeln zu lernen oder Tagebuch zu schreiben, da ich z.B. Bio, Physik, Mathe und Chemie selbst auf Deutsch nie verstanden habe und das Fachvokabular natürlich außerhalb meiner Liga ist. Meine Mitschüler schreien viel, was sehr merkwürdig ist, da ich oft nicht verstehe, was sie schreien…

Ich hab nur noch diese und nächste Woche Unterricht, dann ist wieder eine Testwoche, und dann bis Anfang Februar Ferien. In der Zeit werde ich viel machen, mit Freunden, mir die Stadt genauer angucken und nach Sao Paulo und Rio de Janeiro fliegen und dann hab ich immer morgens Unterricht. Die Schule beginnt um 7h morgens (momentan geh ich noch Nachmittags zur Schule), was den Tod für mich bedeutet, da ich auch die „Austauschschülerkrankheit“ habe, d.h. ich bin dauermüde. Da ich selbst in Deutschland schon 8-10 Stunden pro Nacht geschlafen habe, steigt mein Schlaf hier ins unermessliche. 12 Stunden schaff ich locker!
Wobei es mir sehr schwer fällt einzuschlafen, da es immer laut ist (Radio, Tv, Stimmen etc) und ich sehr viel nachdenke.

 

In den letzten Tagen regnet es sehr viel, was ich gut finde, da die Leute irgendwie ruhiger werden…
In den Shoppingcentern hängt schon wie Weihnachtsdeko. Ich kann Weihnachten einfach nicht ernst nehmen wenn es 30°C ist und ich am Strand liege…

Der Blick von meinem Balkon


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