Ankommen im Projekt

Nur etwa eine Handvoll der insgesamt 42 Behinderten in meiner Gruppe sind in der Lage, Motive auszumalen oder Papier zu reißen und zu bekleben, was die kreativen Projekte natürlich sehr einschränkt. Um einen Überblick in mein Projekt zu geben, werde ich einen üblichen Tagesablauf von mir skizzieren.

 

7.45 Uhr: Frühstück

Mein Arbeitstag beginnt jeden Morgen um 7.45 Uhr in der Kantine, wo ich dem Küchenpersonal und den Pflegern bei den Vorbereitungen helfe. Das bedeutet konkret: Toastbrote mit Peanutbutter und Marmelade beschmieren, Porridge austeilen und Kaffee ausschenken. Nach 15 Minuten sind wir damit durch und ich gehe in die Räume der Low-Function-Group, wo ich arbeite. Nicky, meine Kollegin, ist meistens schon da und kümmert sich um den kleinen Garten, den sie vor einigen Wochen angelegt hat. Gegen 8.15 Uhr kommen die Clients dann in unsere Räumlichkeiten, wo Nicky ihre Bibelstunde abhält. Leider verstehe ich davon gar nichts, da in afrikaans vorgelesen wird. Diese Zeit nutze ich dann für mich, um entweder zu lesen oder spätere Bastelprojekte vorzubereiten. Bis zur Teatime, die gegen 10.30 Uhr stattfindet, beschäftigt Nicky die Behinderten mit kleinen Spielen wie beispielsweise „Reise nach Jerusalem“ oder Verstecken. Das ist schon ziemlich ulkig, da die Clients die Spiele in weiten Teilen nicht wirklich verstehen und deshalb ziemlich langsam sind oder einfach stehen bleiben. So eine richtige Challenge kommt also nicht auf. Das sind dann die Momente, in denen mir immer wieder klar wird, dass viele der Behinderten in ihrer eigenen Welt leben…

 

10.45 Uhr: „Arbeiten“

Nach der Teatime kommen einige der Behinderten – also jene, die etwas basteln können oder Eierkartons reißen, aus denen später Papier oder Kaminpapier hergestellt wird – in den oberen Bereich des Raumes, wo dann „gearbeitet“ wird. Nicky und ich denken uns Bastelprojekte aus, die sich mit den Clients umsetzen lassen, was ziemlich schwierig ist, da ja keiner mit der Schere umgehen kann. Daher beschränkt sich das Basteln auf Ausmalen mit Wachsmalstiften oder das Reißen von Papier, deren Schnipsel dann zu Collagen geklebt werden. Seit einigen Wochen sind wir damit beschäftigt, die beiden großen Räume mit solcherlei Arbeiten zu verschönern, denn sonst sieht es schon ziemlich karg aus. Ich koordiniere gerade die Arbeit für ein großes Mobile. Dafür hatte ich die auszumalenden Motive gemalt. Nachdem die Clients die Motive – die allesamt etwas mit Sommer zu tun haben – ausgemalt hatten, habe ich sie laminiert und ausgeschnitten. Auf einem der Spaziergänge mit den Clients habe ich vergangene Woche große Äste gesammelt, an die die Motive nun gehängt werden sollen.

 

12 Uhr: Lunchtime

Um 12 Uhr gibt es Essen für die Low-Functions, was für mich vor allem eines bedeutet: zwei Stunden Pause. Nach dem Essen halten die Behinderten Mittagsschlaf bis 14 Uhr und ich habe die Zeit zur freien Verfügung.

 

14 Uhr: Nachmittagsprogramm

Ab 14 Uhr gehe ich wieder zurück in die Gruppe und warte auf die Clients. Meistens dauert es 45 Minuten bis sie da sind, da ja alle erst geweckt und angezogen werden müssen. Da ich ja ein Sonnenfan bin und die Clients sonst den ganzen Tag nur im Gebäude hocken, aktiviere ich sie bei gutem Wetter zu einem Spaziergang hier auf dem Gelände. Die meisten kommen mit, andere haben keine Lust und stricken lieber, puzzeln oder quatschen mit den Low-Functions der Senioren-Gruppe nebenan. Da Nicky nur vormittags da ist, bin ich nachmittags mit den Clients alleine. Manchmal nehme ich auch einen Ball mit zum Spaziergang und spiele mit ihnen ein wenig, da viele nach der Pause ziemlich müde sind, aber laut Anweisung der Therapeutin aktiviert werden sollen. Ich habe aber auch schon Perlenarbeiten angeboten oder mit den Clients getanzt. Da es um 15 Uhr wieder Tee gibt und ich nur bis 16 Uhr arbeite, geht die Nachmittagszeit ziemlich schnell rum.

Das ist im Prinzip mein Tagesablauf. Montags, dienstags und mittwochs bin ich ab 15 Uhr bei meiner Laufgruppe und renne mit denen eine Fünf-Kilometer-Runde, die ziemlich anstrengend ist, da das Alta du Toit mitten in einem Hang liegt und wir dementsprechend hoch und runter laufen müssen. Aber ich gewöhne mich langsam an die Steigung und werde von Mal zu Mal besser. Insgesamt ist meine Kondition am schlechtesten, denn die Clients (allesamt aus der Arbeitsgruppe und damit High-Function) der Laufgruppe haben bereits Marathon-Erfahrung und sind entsprechend gut in Form. Mich stört das allerdings gar nicht, es macht mich eher gut gelaunt, da die Leutchen dann sehen, dass sie auch etwas besser können als „normale“ Leute.

Wie man sieht kann ich mich nicht über zu viel oder anstrengende Arbeit beschweren, vielmehr ist es so, dass ich leider überhaupt keine Handarbeit mit den Clients machen kann. Es gibt zwar eine Näh-, eine Web- und eine Strickgruppe, aber hier wird angeblich keine Arbeit gebraucht und so hat man mich jetzt in die Low-Function-Gruppe gesteckt, die ja sonst nachmittags ganz ohne Betreuung sind.

Mit Maren, der anderen Freiwilligen, rede ich häufig über die Clients und das Projekt und wir fragen uns, wie die Arbeit in einer Werkstätte für Behinderte in Deutschland aussieht. Ich war zwar im Rahmen meiner Arbeit bei der Zeitung schon öfter mal in solchen Einrichtungen, aber ich habe nicht wirklich Einblick, wie die Arbeit mit den Behinderten dort aussieht. Wir gehen davon aus, dass die Behinderten in Deutschland eine wesentlich intensivere Einzelbetreuung erhalten. Hier erhalten die Behinderten meines Wissens bis auf ihre Medikamente und die Körperpflege keine Art von Therapie. Falls also jemand diesen Blog liest, der ein bisschen was über die Arbeit mit Behinderten in Deutschland weiß, würde ich mich sehr über ein paar Kommentare freuen. 🙂



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