Sieben Wochen, wo bleibt die Zeit?

Nun bin ich bereits sieben Wochen in Brasilien, irgendwie vergeht die Zeit doch schnell…

Ich habe mich wirklich gut eingelebt und mittlerweile ist schon so etwas wie „Alltag“ eingekehrt. Mein Tag sieht in der Regel so aus: Ich stehe gegen 9h auf, dusche, esse und helfe im Haushalt oder beim Kochen etc. und wenn gerade nichts zu tun ist lese ich, lerne oder surfe im Internet. Um 12h mache ich mich fertig für die Schule, esse und gehe mit meiner Gastschwester kurz vor 13h los. Wir gehen zum Bus und warten da oftmals noch bis zu 20 Minuten auf den Bus, da es in einer Großstadt wie Salvador keine S-Bahnen etc. gibt, sondern nur ca. 3469156823 verschiedene Busse (leicht übertrieben) und die kommen halt irgendwann. Oft habe ich das Gefühl, dass mein Leben hier nur aus warten besteht. Warten auf Leute, auf Busse und darauf, dass die Zeit umgeht. Aber man gewöhnt sich daran. Ich habe es in Deutschland gehasst zu warten, aber hier habe ich eh nichts Besseres zu tun. Dann fahre ich eine halbe Stunde zur Schule, bin meist zu spät, aber das stört hier keinen. Unterricht habe ich von 13.30h-18.00h, was an sich nicht lange ist, aber wenn man nichts versteht ziehen diese 4,5 Stunden sich auch ganz schön in die Länge. Aber ich rede viel mit meinen Mitschülern. Sie sind alle sehr bemüht mit mir zu reden und versuchen, mir möglichst schnell Portugiesisch beizubringen. Dennoch hab ich oft das Gefühl, dass die mir entgegengebrachte Freundlichkeit oberflächlich ist. Bei einigen Leuten natürlich nicht, aber andere wirken da schon etwas „fake“, was mir von vielen Seiten auch schon bestätigt wurde. Dennoch fühle ich mich sehr wohl. Nach der Schule ist wieder warten auf den Bus angesagt, dann geht es eine halbe Stunde im überfüllten Bus nach Hause. Ich esse, rede mit meiner Familie, gucke TV etc., also genau das, was ich in Deutschland auch gemacht habe. An sich klingt mein Tag nicht so spannend, aber in einem fremden Land ist zumindest am Anfang alles eine Herausforderung…

In der Schule langweile ich mich oft, also schreibe ich Briefe (die ich Wochen später abschicken werde, wenn ich es endlich mal zur Post schaffe 😀 ) oder lerne Vokabeln, zeichne oder unterhalte mich mit Freunden. Der Unterricht hier ist sehr anders. Die Lehrer sind zwar Respektpersonen, aber werden auch angefasst und umarmt (viel Körperkontakt in Brasilien ist normal). Wenn der Unterricht beginnt, sitzt die Hälfte der Klasse (ca. 40 Leute) bereits auf ihren Plätzen. In der nächsten halben Stunde kommt ein weiteres Viertel dazu. Das andere Viertel kommt zu einer der nächsten Stunden oder gar nicht. Die Schüler kommen und gehen wann sie wollen, auch gerne mitten in der Stunde. Es ist immer laut, sehr laut, alle schreien. Sie schreien wirklich, das ist nicht mehr „laut reden“. Der Unterricht wird dadurch sehr lebendig, aber auch anstrengend. Alle reden auf einmal und werden immer lauter um die anderen zu übertönen.

Da ich Nachmittags/Abends Unterricht habe, komme ich nicht dazu, mit meinen Mitschülern etwas zu Unternehmen, da es nach der Schule zu spät ist und davor hat keiner Lust, weil alle schlafen oder zu Hause helfen müssen. Für mich kommen weitere Probleme hinzu: Salvadors Einwohner sind zu 2/3 dunkelhäutig, deswegen falle ich als „Weiße“ auf und Salvador ist eben auch nicht ganz ungefährlich. Desweitern bin ich überfordert mit der Anzahl der verschiedenen Busse. Das größte Problem ist jedoch, dass ich die Sprache noch nicht gut genug verstehe und spreche, um nach dem Weg zu fragen. Deswegen gestalten sich auch Unternehmungen am Wochenende schwierig, zumal meine Familie kein Auto hat.

Natürlich habe ich Kontakt mit anderen Austauschschülern und über Facebook sieht man oft die Fotos ihrer Familien, Häuser, Freunde und Aktivitäten und tauscht sich mit ihnen aus. Vor allem betreffend der Sprachfortschritte und oft habe ich dann das Gefühl so schlecht Portugiesisch zu sprechen. Natürlich weiß ich, dass jeder sein eigenes Tempo hat und jede Familie ihre guten und schlechten Eigenschaften, doch manchmal bin ich schon etwas neidisch. Ich bin zwar sehr, sehr, sehr froh in einer großen Stadt zu sein, aber manchmal denke ich, dass man in einer Kleinstadt mehr machen könnte, weil es nicht ganz so gefährlich ist. Es ist wie in allen Bereichen des Lebens: Es gibt immer positive und negative Aspekte.

Meine Familie ist nicht besonders wohlhabend und ich wohne nicht in einem Haus mit großem Gitter etc., sondern eher in einem „ärmlichem“ Viertel. Also nicht zu extrem, aber nach den Fotos der anderen Austauschschüler zu urteilen doch definitiv anders. Einerseits schränkt mich das etwas ein, andererseits fühlt es sich wie das „echte Brasilien“ an, da ich nicht wohlbehütet in einem Haus in einer Wohnsiedlung sitze.

Mit der Verständigung wird es auch immer besser. Vor allem mit einigen Leuten klappt es gut, da ich mich oft mit ihnen unterhalte und so mich an ihre Art des Sprechens gewöhne. Die Leute sind alle sehr bemüht mit mir zu reden und mir Portugiesisch beizubringen und reagieren selten genervt, wenn ich etwas nicht verstehe. Lediglich meine Gastschwestern sind manchmal mit ihren Nerven am Ende, ist aber auch verständlich wenn ich sie mal wieder wie ein Auto angucke. An manchen Tagen hab ich das Gefühl, ich mache schnell Sprachfortschritte, und an manchen Tagen denke ich, ich rede noch genau so wie am Anfang. Allgemein ist es bei mir ein Auf und Ab der Gefühle. Manchmal denke ich, ich kann mich schon super verständigen, dann versteh ich wiederum die leichteste Kleinigkeit nicht. Mal wäre ich nirgends lieber als auf dem Balkon meines Hauses in Brasilien und dann würde ich so viel dafür geben mit meinen Freunden in Hamburg auf den Kiez zu gehen. Ich liebe meine Gastschwestern und manchmal nerven sie mich ungemein. Ich möchte so viel lachen, weil ich so glücklich bin, aber auch oft weinen, weil einfach ALLES anders ist.

Mein Heimweh hält sich sehr in Grenzen. Ich vermisse meine Freunde und Familie, jedoch weiß ich, dass ich dieses Jahr hier bleiben werde und ich danach sagen werde, dass es das geilste Jahr meines bisherigen Lebens war und deswegen würde es mir nichts bringen, traurig zu sein. Ich denke, ich habe einen Vorteil gegenüber anderen Austauschschülern: Ich habe in Deutschland bereits mein Abi und bin schon 18 Jahre alt. Dass ich mit der Schule durch bin nimmt mir hier den Druck, dass ich gut sein muss oder lernen muss um in Deutschland wieder die von mir erwartete Leistung zu bringen und ich lasse meine Freunde anders zurück, da sich unsere Wege trennen und viele ins Ausland gehen, als Au-Pair oder ein FSJ machen etc. oder wegziehen zum Studieren. Es ist nicht so, dass ich meine ganze Klasse zurücklasse und wenn ich wiederkomme ist diese Klasse noch so vorhanden. Das stell ich mir sehr hart vor.

Ich wäre mit 15/16 Jahren nicht ein Jahr ins Ausland gegangen, aber ich habe mich verändert und bin „erwachsener geworden“. Ich rate jedem, der ein Jahr weg möchte, vorher intensiv darüber nachzudenken, was man erwartet und was man zurück lässt. Das habe ich getan. Ich denke, deswegen habe ich auch kein Heimweh, da mir von Anfang an klar war, was ich zurücklassen werde. Und ein Jahr ohne Familie und ohne Freunde ist kein Klacks, zumal man meist die Sprache nicht beherrscht und das ist sehr, sehr frustrierend und wirklich nicht zu unterschätzen!

Wie gesagt, ich bin bereits sieben Wochen hier und habe schon viel erlebt und noch viel vor. Rückblickend kommen mir diese sieben Wochen sehr kurz vor und die ca. neun Monate, die ich noch hier verbringen werde, sehr lang. Aber ich bin mir sicher, wenn ich im Flugzeug nach Hamburg sitze, werde ich denken, dass ich gerade mal ein paar Wochen in Brasilien war. Und ich bin mir sicher, ich werde denken, dass es das geilste Jahr meines Lebens war!


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