Familienwechsel

Eigentlich war es genau das, was ich auf keinen Fall wollte: die Gastfamilie wechseln. Ich habe mich gut mit meiner ersten Gastfamilie verstanden. Es gab einen Vater und eine Mutter, die beide oft zu Hause waren. Mein Zimmer habe ich mir mit meiner 23-jährigen Gastschwester geteilt. Mit ihr habe ich sehr viel Zeit verbracht. Sie war mit mir bei vielen Orten, ich habe ihre Freunde kennengelernt, war mit ihr bei Feiern. Aber dann war sie ein paar Mal beim Arzt und dann kam die Nachricht: Sie hat Krebs. Und weil das so eine große Belastung für die Familie war, wurde entschieden, dass ich die Familie wechseln soll. Meine Familie wollte das nicht, denn wir haben uns wirklich sehr gut verstanden, aber AFS hat entschieden, dass es besser ist zu wechseln. Und irgendwie habe ich das ja auch eingesehen. Ich packte dann also meine Sachen und wir fuhren zu der neuen Familie. Meine „alte“ Mutter und meine Gastschwester mussten total weinen.

Aber gut, dann war ich bei einer anderen Familie in einem anderen Haus. Und diese Familie war total anders, ist total anders. Das totale Gegenteil. Vorher war ich bei einer etwas „einfacheren“ Familie gewesen. Ein kleines Haus, etwas spärlich eingerichtet. Die Mutter wusch jeden Tag die Wäsche mit der Hand draussen auf dem Hof. Sie kochte auch selbst und putzte das Haus. Gefrühstückt haben wir oft ohne Teller, einfach auf der Tischdecke. Sie waren locker und herzlich. Meine neue Familie ist ganz anders. Jetzt bin ich in einem grossen Haus mit drei Bädern und Swimmingpool und Empregada, also Dienstmädchen. Die Mutter holt das Mittagessen jeden Tag (!) aus dem Restaurant, weil sie nicht kochen kann oder will. Ich habe jetzt auch mein eigenes Zimmer mit PC, den ich benutzen darf. Und ich habe drei Gastschwestern, die nach der Schule Extra-Englischunterricht nehmen, Deutschunterricht nehmen, zum Religionsunterricht und zum Pilates gehen. Der Vater arbeitet in der Landwirtschaft und manchmal besuchen sie anscheinend eine Fazenda, wo sie dann reiten… Komplett anders, aber auch sehr, sehr nett. Ich halte weiterhin ein wenig den Kontakt zu meiner anderen Familie, aber hier bin ich auch sehr glücklich. Eigentlich ist es interessant, dass ich zwei völlig verschiedene Familien kennengelernt habe. Jetzt weiss ich, dass durchaus nicht alle Brasilianer gleich leben.

Ja, ich habe meine Gastfamilie gewechselt. Eigentlich hatte ich mir vor diesem Jahr vorgenommen, das nicht zu tun, aber so schlimm ist es gar nicht. Und AFS kümmert sich sehr gut. Als ich etwas traurig war, weil ich meine andere Familie vermisst habe, hat eine AFS-Betreuerin mit mir geredet und dann war ich wieder froh. Bin jetzt sehr glücklich. Tudo bem!


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