Die Ankunft in Chile und bei meiner Gastfamilie

Nachdem ich jetzt nach mehr als drei Wochen mich endlich mal aufgerafft habe einen Blogeintrag zu schreiben, ist er jetzt auch endlich fertig.
Es beginnt mit einem lauten Piepton und dem Aufblinken eines Warnsignals an der Decke. Dann erbebt der Boden und alles neigt sich langsam nach vorne. Der Bildschirm wird schwarz und ein erneutes Beben durchfährt den Boden, als dieser sich noch ein Stückchen weiter nach vorne neigt. Eine blecherne Stimme kommt aus den Lautsprechern und gibt ein paar unverständliche Informationen durch, zunächst in Spanisch, dann ein bisschen besser verständlich in Englisch. Ein helles Kreischen kommt von irgendwo außerhalb und ein Zittern durchfährt die Wände.

Die angespannte Stille wird von dem leisen Weinen eines Kindes durchbrochen. Das leise Weinen steigert sich langsam aber stetig in ein nervenaufreibendes Schreien. Es steigert sich weiter als ein lautes „Klong“, gefolgt von einem leisen Surren, das ertönt und der Boden sich unmerklich wieder in die Waagrechte begibt. Jetzt kurz vor dem von allen herbeigesehnten Ende beginnt sich der Boden erneut leicht zu neigen, diesmal jedoch in die andere Richtung. Ein letztes Beben und Schütteln, heftiger als alle zuvor, durchläuft die Lufthansa Maschine vom Flug LH494626 von Sao Paulo nach Santiago de Chile, als die Reifen der Boeing auf der, vom Gummi anderer Flugzeugreifen schwarzgefärbten, Landebahn in Santiago aufsetzten. Applaus brandet auf. Als mein Fuß zum ersten Mal chilenischen Boden berührt, endet für mich der erste und längste Teil meiner Reise. Für mich der Beginn einer neuen Erfahrung in die ich halb blind und ohne große Spanischkenntnisse hineinrenne.

Das ist jetzt mehr als drei Wochen her. Nach der Landung ging es dann direkt mit einem Reisebus, dessen Sitze für meinen Geschmack etwas zu weich waren, weiter. Das erste, was ich nach dem Flughafen, von Chile sehe ist eine Autobahn und relativ zugemüllter Fluss, an dessen Ufern sich ärmliche Behausungen aus Wellblech, Ziegeln, Plastikplanen und Holz drängen. Doch dahinter erstreckt sich die 6 Millionen Hauptstadt Chiles, Santiago. Vollverglaste Gebäude, die trotzig jedem Erdbeben standhalten, säumen den Randbezirk der neuen Mitte der Millionenstadt. Und das war auch dann auch schon der erste Blick auf Santiago. Der Bus fährt in einen Tunnel und für die nächsten zehn Minuten sehen ich und die anderen AFS-Schüler nichts als Beton, rote Lichter und eine Menge japanischer Autos.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt verlässt der Bus die Stadtautobahn und begibt sich auf eine Straße, die vermutlich vor 50 Jahren geteert und seit dem nicht mehr erneuert wurde. Neben der Straße verläuft ein hoher Maschendrahtzaun, dessen Oberseite mit gefährlich aussehenden Stacheldraht gesäumt ist. Plötzlich werden wir von einem dunkelgrünen, voll mit Soldaten besetzten, Kleinbus begleitet. Nach etwa zwei Minuten auf der Straße und 30 Sekunden in Militärbegleitung hält unser Bus vor einem schmiedeeisernen Tor. Der Militärbus überholt uns langsam und fährt in Richtung der Vordertür des Busses und von dort aus weiter, um die Soldaten zu einer wenigen Kilometer entfernten Kaserne zu fahren, was auch den Stacheldraht erklärt. Unser Bus begibt sich durch das Tor und wir beenden den zweiten Teil unserer Reise vor einer Jugendherberge. Hier treffen jedes Jahr AFS-Schüler aus der ganzen Welt ein.

Alle sind gespannt, aufgeregt und ein bisschen traurig, aber keiner weiß was ihn in diesem Land erwarten wird. US-Amerikaner, Österreicher, Dänen, Kanadier, Franzosen, Deutsche, Norweger, Schweden und in diesem Jahr vor allem Italiener. Und zum ersten Mal kann ich mein tolles deutsches Schulenglisch in der Praxis erproben (ich erprobe es übrigens immer noch) und es zeigt sich, dass es funktioniert. Bis auf den einen US-Amerikaner hat hier niemand Englisch als Muttersprache, nicht einmal der Kanadier, denn er kommt aus dem französischsprachigen Teil Kanadas. Mit der Verständigung gibt es bis zu diesem Moment für niemanden Probleme. Auch ansonsten gibt es keine Probleme, ausser mit der Orientierung im Haus, denn dieses ist ein bisschen wie ein Kloster aufgebaut, mit vielen kreisförmigen Gängen. Außerdem ist es sehr kalt. Die meisten Häuser in Chile sind nicht zentral mit Öl geheizt, da das Öl hier sehr teuer ist. Das Benzin seltsamerweise nicht, aber woran das liegt kann ich mir nicht erklären. Die Räume werden einzeln mit Gasheizern geheizt. Das Warmwasser wird ebenfalls mit Gas erhitzt, meistens in einem Durchlauferhitzer. Es gibt kein Fußbodenheizung oder ähnliches. In diesem Haus wurden nur fünf oder sechs Räume geheizt, dort war es dann aber angenehm warm. Die Betreuer, die ausnahmslos Freiwillige waren und alle ein Auslandsjahr mit AFS heil überstanden hatten, waren sehr nett und wir bekamen viele Geschichten ihrer Auslandsaufenthalte zu hören. Aufgeteilt in nach Sprachen sortierten Gruppen bekommen wir einen „Crashkurs- Chile“. Wir lernen wie wir uns in gewissen Situationen zu verhalten haben, wir lernen über das Geld und über die Unterschiede zu Europa. Wir bekommen auch einen dreißig Minütigen Sprachkurs, der allerdings meiner Meinung nach völlig nutzlos ist, wenn man nicht schon über gewisse Spanischkenntnisse verfügt. Soll heißen ich konnte danach genauso viel Spanisch wie vorher. Nichts. Denn meine Grundkenntnisse bestanden aus „hola“ und „Soy Jannis“. Ich dachte mir, dass das für den Anfang schon ausreichen würde. Das hat es dann glücklicherweise auch, da alle Mitglieder meiner Gastfamilie Englisch sprechen bzw. mein Gastvater sogar relativ gut deutsch spricht.

Am Sonntag den dritten Tag nach meiner Ankunft in Chile ging es dann los. Langsam setzte auch bei mir die Aufregung ein, die sich in den Wochen vorher immer nur angedeutet hatte… die Gastfamilien kamen. Langsam fuhr ein großes Auto nach dem anderen auf den viel zu kleinen Parkplatz und bereits nach 20 Minuten war der Platz und die enge Zufahrtsstraße völlig SUV- verstopft. Und dann zog sich die Zeit, es waren zwar nur eineinhalb Stunden vom Eintreffen der ersten Gastfamilie bis zur Ankunft meiner Familie, aber es kam mir wie ein halber Tag vor. Zur Ablenkung spielten wir multikulturelles Fußball. Und dann war es soweit nach 12 Stunden, bzw. eineinhalb Stunden rollte der lilane SUV auf den Parkplatz oder bessergesagt er blieb direkt neben dem Eingangstor stehen, da sich die Lage auf dem Parkplatz bis jetzt nur unwesentlich entspannt hatte. Mit unterdrückter Aufregung begrüßte ich meine Gastfamilie. Mein Gastvater musste noch am selben Abend arbeiten, aber dennoch nahm er sich die Zeit mir einen sehr schönen Teil von Santiago zu zeigen, unteranderem Starbucks wo wir einen, in Euro umgerechnet, sehr billigen Kaffee tranken. Noch wenige Wochen vorher hatte ich am Stuttgarter Hauptbahnhof das Dreifache bezahlt. Die Gebäude, von denen ich bereits ein paar auf der Anreise zur Jugendherberge gesehen hatte, waren alle sehr schön und viele sind ganz verglast, aber die meisten sind nicht besonders hoch und sehen ein wenig wie nicht fertig gebaute Wolkenkratzer aus. Aufgrund der Erdbeben ist es sehr schwer und extrem teuer hoch zu bauen. Dennoch wird in Santiago gerade das höchste Gebäude Südamerikas gebaut.

In Chile sind die Menschen Erdbeben gewöhnt, Erdbeben sind hier so unbesonders, dass man sie in zwei Kategorien unterscheidet. Es gibt die sogenannten „temblor“, was übersetzt so viel wie Zittern bedeutet. Sie geschehen mehrmals im Monat und stellen für die Bevölkerung und die Gebäude keine Gefahr da. Die „Terremoto“ geschehen im Schnitt alle 20 Jahre. Diese großen Erdbeben stellen für moderne Gebäude auch keine Gefahr da. Beim letzten großen Erdbeben 2010 starben kaum Menschen durch das Erdbeben an sich. Die meisten Opfer forderte der darauf folgende Tsunami der ohne Vorwarnung eintraf.
Ich bin jetzt seit mehr als drei Wochen in Chile und habe noch kein Erdbeben mitbekommen, aber schon zwei verschlafen.
Nach Starbucks mussten wir uns auf den Weg Richtung Süden, nach Rancagua, machen. Auf der Autobahn begann ich meine ersten Vokabeln zu lernen, „Salida“ was auf der Autobahn so viel wie Ausfahrt bedeutet und „Parada“ was Bushaltestelle heißt. Ja, hier gibt es Bushaltestellen an der Autobahn. Und an den Mautstellen stehen Menschen die einem Brot oder Süßigkeiten verkaufen wollen. Man kann auch an der Mautstelle anhalten und sich dort Schnitzereien, Gemälde oder Winddrachen kaufen. Allerdings nicht wie in Deutschland an einer Raststelle in einem Gebäude, sondern auf dem verbreiterten Standstreifen der Autobahn.

Der lilane SUV hält jedoch nicht, er fährt weiter, vorbei am größten, in vielen Farben leuchtenden, Casino Südamerikas. In Rancagua angekommen verlässt er die Autobahn und ändert die Richtung nach Osten, den Anden entgegen, nach Machali, einem Vorort, der für südamerikanische Verhältnisse, kleinen Stadt Rancagua. Rancagua hat gerade mal 220.000 Einwohner. Nach dem Passieren der Schranke, dem Durchfahren des von Guards bewachten Viertel „Parque Sanfuentes“ habe ich das endgültige Ziel meiner Reise erreicht. Ich verlasse das Auto, meine Schritte knirschen auf dem Kies als ich mich mit meiner Gastfamilie langsam Richtung Eingangstüre begebe. Nebelmaschinen und Orchestermusik gab es in diesem Moment leider nicht, dafür aber drei, mich freudig begrüßende, Hunde. Ich betrete den Ort, an dem ich die nächsten elfeinhalb Monate meines Lebens verbringen werde. Ich treffe noch die Freundin meines Gastvater, mir wird mein Zimmer gezeigt, das mir meine Gastschwester freundlicherweise für ein Jahr überlässt. Ich räume meinen Koffer aus, wir essen zusammen und ich begebe mich völlig erschöpft ins Bett.


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