Was will ich eigentlich hier?

Ich fahre hier oft und lange Bus. Ich mag es sehr, schon in Deutschland hatte ich kein Problem damit, lange im Bus zu sitzen. Ich hab mich ans Fenster gesetzt, Musik gehört und nachgedacht. Hier ist es jedoch anders, wenn man Bus fährt. Ich höre keine Musik, es ist zu gefährlich, und oft stehe ich lange Strecken, eng aneinander mit schwitzenden Brasilianern. Früher hätte mich sowas total angenervt, aber ich bin jetzt schon entspannter geworden.Ich denke, das liegt auch an den Leuten: Alle sind viel freundlicher und positiver als in Deutschland. Die Busse sind meist etwas „ranzig“ und auch die Straßen nicht sehr gut. Ich fahre eine lange Strecke am Meer entlang, dann in die Stadt hinein. Oft denke ich, während ich aus dem Fenster gucke und das Meer sehe, darüber nach, was ich eigentlich hier will. Ich bin mir nicht ganz sicher. Einerseits wollte ich eine andere Kultur, ein anderes Land, eine andere Sprache und andere Leute kennen lernen. Andererseits will ich auch mich selber besser kennen lernen. Ich bin 18 Jahre alt und habe mein Abitur dieses Jahr bestanden. Viele meiner Freunde gehen in andere Städte zum studieren. Einige sind ebenso wie ich im Ausland. Ich hatte nach dem Abi, und auch jetzt, noch keine Idee, was ich mit meinem Leben anfangen will. Die Schule ist vorbei, die Wege der langjährigen Freunde trennen sich. Ich wollte nicht einfach so ein neues Leben anfangen, irgendwo studieren, sondern mir die Zeit nehmen, herauszufinden, was ich will und dies tue ich, indem ich ein Jahr in einem anderen Land lebe, ohne Freunde und ohne Familie. Meine Schwester sagte zu mir, ich solle alles, was mich belastet in Deutschland lassen und hier neu anfangen. Ich denke und hoffe, ich habe dies getan. Ich werde nicht das ganze  Jahr über meien Zukunft grübeln, sondern natürlich auch die Augenblicke genießen. Aber ich bin nicht nur in Brasilien, um neue Freunde zu finden. Ich bin auch hier, um mich selbst zu finden. Und diese Selbstfindung beginnt im Bus mit dem Blick aufs Meer und den Gedanken in der Gegenwart, aber auch in der Zukunft.

Casper – Auf und Davon


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>