Noch 2 Wochen und immer wieder „Warum Russland?“

Ich möchte an euch alle, da draußen, eine Warnung außsprechen: Solltet ihr euch überlegen Austauschschüler zu werden, oder seid ihr es sogar schon, dann nehmt euch in Acht vor unseren lieben Mitbürgern. Sie sind erbarmungslos und werden euch immer wieder die selben Fragen stellen! Hier die Top 5:

  1. Warum Russland?
  2. Wo kommst du hin?
  3. Was machst du da?
  4. Wann geht es los?
  5. Hast du nicht Angst?

Da du bestimmt genau so neugierig bist, wie unsere anderen lieben Mitbürger werde ich die Fragen mal beantworten:

Warum Russland?

Ich habe zwar auch eine Kurzfassung, wenn man diese Frage im Vorbeigehen beantworten muss, aber da ich ja gerade Zeit habe, gibt es für euch die Langfassung: Es war alles mehr oder weniger Zufall. Ich wollte immer schon ein Auslandsjahr machen, weil man dann noch einmal die Chance bekommt ganz neu anzufangen, in einem anderen Land, mit anderen Menschen. Ich möchte mir selbst die Frage beantworten, wie es gewesen wäre, wenn ich nicht in Deutschland geboren worden wäre.

Da es sich meine Eltern nicht leisten können, mir ein Auslandsjahr zu ermöglichen, habe ich mich für 3 Stipendien beworben: das PPP (USA), die United World Colleges (u.a.Indien, USA, Italien) und das Baden-Würtemberg-Stipendium (Polen, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Russland, Lettland, Finnland, Frankreich, Spanien und Italien). Man darf beim BW-Stipendium 5 Wunschländer angeben. Meine waren: Lettland, Finnland, Spanien, Ungarn und Italien. Es kam wie es kommen musste. Ich bekam Absagen vom PPP und den UWCs und eine Zusage vom BW-Stipendium, mit dem Land: Russland.

Ja, das war ein ziemlicher Schock und ich war grenzenlos verwirrt. Warum haben die mir ein Land zugeteilt, in das ich gar nicht wollte? Die mir zugeteilte AFS-Betreuerin, die das Home-Interview bei mir durchführte, fragte für mich bei der „Zentrale“ nach. Sie sagten, dass das nicht üblich sei, aber da ich die Letzte auf der Liste sei, bleibe mir nur die Wahl anzunehmen oder abzulehnen und der nächste auf der Liste bekomme meinen Platz. Letztendlich siegte mein Wusch nach einem Austauschjahr, wenn es eben in Russland sein soll, dann ist das okay.

Also insgesamt super Motive nach Russland zu gehen, nicht? 😉

Wo kommst du hin?

Nach Klin, eine Stadt mit 81.900 Einwohnern, 90 km nordwestlich von Moskau. Klin war Wohnort von Dimitri Mendelejew, der das Periodensystem erfunden hat und Pjotr Tschaikowski, der, der „Schwanensee“ und „Der Nussknacker“ komponiert hat. Ja, ich glaube, man hätte es schlechter erwischen können. 😉

Was machst du da ?

Ist diese Frage nicht einfach putzig? Ich weiß wirklich nicht, was die Leute als Antwort erwarten. Also mal überlegen, ich werde dort in einer russischen Familie leben, in eine russische Schule gehen und versuchen, so gut wie möglich Russisch zu lernen und zu sprechen. Nebenbei werde ich hoffentlich etwas über die russische Kultur erfahren, Freunde finden und ich denke auch Spaß haben!

Ich denke es wird langsam Zeit, euch auch meine Gastfamilie vorzustellen: Sie besteht aus einem Gastopa, er war beim Militär „Oberst Offizier der Reserve“, er ist jetzt aber im Ruhestand, einer Gastmutter, sie arbeitet bei Gazprom in Moskau, ich glaube ingendetwas mit Logistik, einer Gastschwester, sie ist wie ich 16, und wir gehen zusammen in dieselbe Schule  und einem Gasthund, er sieht ein bisschen aus wie ein Chihuahua.

Wann geht es los?

Am 19. August fliegen alle Russland- Hoppees nach Moskau, dort haben wir dann ein „Arrival-Camp“. Dieses dauert 2-3 Tage, dannach dürfen wir zu unseren Gastfamilien.

Hast du nicht Angst?

Wieder eine Frage der Kategorie „Was um Himmels Willen, soll man darauf antworten?“ Ich weiß nicht, wovor man Angst haben sollte. Als ich dann auch mit genau dieser Gegenfrage antwortete, bekam ich ziemlich lustige Anworten, zum Beispiel „Ach, die Russen, die trinken doch so viel. Ich schätze dich zwar jetzt nicht so ein, dass du nicht weißt, wann gut ist, aber man muss sich da schon in Acht nehmen.“  Liebe Lehrerin, Sie können ganz beruhigt sein, Alkohol ist für AFS- Schüler verboten :-). Auch immer wieder lustig sind die Antworten: „Die Russen schlagen doch ihre Kinder!“ und „diese ganze Schüleraustauschsache ist doch organisierte Kinderarbeit, da wirst du in irgendeinen reichen Haushalt gesteckt und darfst den ganzen Tag putzen!“

Ja, ja,  wenn alle Menschen so denken würden. Aber genau darum möchte ich euch das alles schreiben, weil ich weiß, welch schlechten Ruf Russland hat. Ich weiß, dass ich bevor ich mich entschlossen habe, dieses Abenteuer zu wagen, selbst Russland nicht unvoreingenommen gegenüber stand. Allein der Entschluss nach Russland zu gehen, hat mich so gesehen schon sehr verändert.

Ich denke wir alle sollten uns darüber im Klaren sein, dass Deutschland genauso wenig das Paradies und die Stadt der Engel ist, wie jedes andere Land der Welt.


5 Gedanken zu Noch 2 Wochen und immer wieder "Warum Russland?"

  • wow, mit klin hast dus echt nicht schlecht erwischt!
    wenn besagte lehrerin erfahren würde, dass das periodensystem dort entwickelt wurde würde sie sicher anders über russland reden 😉

  • Wirklich ein toller Eintrag! Mir ging es ähnlich bevor ich letztes Schuljahr nach Norwegen ging. Genau die selben Fragen!
    Finde deine Einstellung klasse – halt die Ohren steif und viel Spaß in Russland! 🙂

  • Das mit der Kinderarbeit stimmt aber – zumindest für die Austauschschüler, die nach Deutschland, Nürnberg, in meine Familie kommen: Die Kids müssen putzen (genau so viel wie meine eigenen Kinder 😉 ).
    Wir hatten im letzten Schuljahr zwei Mädchen, die beide eigentlich nicht nach Deutschland wollten. Letztlich haben sie sich (trotz Putzdienst) sehr wohl gefühlt, super Deutsch gelernt und viele Freunde gefunden.
    Viel Spaß in Russland!

  • Letztendlich wird dir Russland höchstwahrscheinlich etwas mehr bringen als die USA – eine andere Sprache zu lernen, das ist etwas ungeheuer Wertvolles und die kulturellen Unterschiede sind auch größer. Das soll nicht heißen, dass die USA nichts bringt oder nicht aufregend ist oder so, aber für mich ist es nicht dasselbe. Ich finde immer noch, dass jeder Austauschschüler einen wahnsinnigen Mut aufbringt, und insbesondere die, die in etwas exotischere Länder gehen.
    Ich selber war mit dem AFS in Südamerika, und für mich war es die großartigste Erfahrung meines Lebens. Das PPP hatte ich knapp nicht bekommen, und so war Südamerika für mich nur die zweite Wahl – aber es war das beste, tollste, schönste und reichste Jahr meines Lebens und ich wünsche dir, dass du alle diese Erfahrungen auch machen wirst.
    Liebe Grüße, Lilli

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