Bald kann man die Stunden zählen

Neun Monate und zweieinhalb Tagebücher nach meiner Abreise aus Deutschland: Wir schreiben den 27. Mai, den letzten Abend in Shanghai bei meiner Gastfamilie. Morgen am späten Abend geht der Flug zurück, und übermorgen um diese Zeit sitze ich schon bei meiner Familie und meinen Hunden in meinem beschaulichen Dörfchen.

Also, genau genommen ist mein Ort gar kein Dorf, aber gegen chinesische Städte ist irgendwie alles winzig, was ich in Deutschland je gesehen habe. Ich kann es noch überhaupt nicht fassen – zack, ist es vorbei, einfach so, und man kann sich das ganze Szenario noch gar nicht so richtig vorstellen. Wie wird es sein, zurück zu Hause? Wie werden die alten geliebten Menschen auf einen reagieren, und umgekehrt? Wie sehr wird einem das Chaos und der Lärm am Ende doch fehlen? Werde ich womöglich vor lauter bedrückender Stille Verfolgungsangst kriegen und nicht schlafen können?

Die letzten Tage sind wie im Flug vergangen. Da war erst unser letztes Camp, das uns zwar nicht so richtig auf das Zurückkommen vorbereitet hat, aber es hatte doch viel mehr sinnvolle Inhalte als beim letzten Mal. Zwei Tage danach bin ich mit meiner Gastschwester Ya Yun für ein verlängertes Wochenende in die chinesische Hauptstadt Beijing gefahren. Das war die wohl spannendste Zeit meines Aufenthaltes hier, denn ich habe nicht nur die Stadt, sondern vor allem Ya Yun sehr viel besser kennen gelernt. Sie hat mich manchmal derartig zum Schmunzeln gebracht, dass ich mir das Lachen verkneifen musste. „Man kann sich mit Shampoo auch am Körper waschen? Ehrlich?“ Sie war manchmal wirklich süß. Und in anderen Momenten musste ich dann wirklich die Ruhe bewahren und durchatmen, wenn das verwöhnte Stadtmädchen rausgekommen ist, das noch nie allein von zu Hause weg war.

Ich habe sie sehr lieb gewonnen und sie wird mir schrecklich fehlen, genauso meine Gasteltern, besonders die Mama. Heute Abend haben wir zu Zweit zu Abend gegessen, und noch mal richtig schön unterhalten und sie hat mir tolle Geschenke gegeben. Zwar sind die erlaubten 20kg längst erreicht, aber das muss unbedingt mit: Stäbchen für meinen künftigen Haushalt, zwei sommerliche Kleidungsstücke für die heißeren Tage und eine wunderschöne Teetasse.

Ich habe mich wirklich wohlgefühlt bei Familie Zhang, das ist mir heute Abend noch mal ganz bewusst geworden. Und auch, wenn wir leider nicht so eng miteinander geworden sind, wie ich es mir gewünscht hätte, bin ich froh über das, was ich an ihnen hatte. Sie haben mir alle Freiheiten gelassen, mich wie eine erwachsene, arbeitstätige junge Frau behandelt und mir vollends vertraut. Ich werde ihnen ewig dankbar sein.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>