Mei ban fa – Kann man nichts machen!

Noch zwei Wochen bis es nach Hause geht – und man fängt an zu resümieren, zu überlegen, ob man sich verändert hat und was man aus der Zeit mitnehmen wird.

Abendessen bei meiner Gastfamilie
Abendessen bei meiner Gastfamilie

Die ersten Monate habe ich mich sehr schwer getan. Die fremde Kultur, die fremde Sprache, das Stadtleben, die Art der Menschen hier, all das hat mich viel Zeit gekostet, mich an alles zu gewöhnen. Dazu kam der Winter, als es überall zu jeder Zeit kalt war, sodass ich oft in ziemlich negativer Stimmung war. Nach meinem Familienwechsel direkt nach zwei Wochen war es erst mal ganz okay, alles war neu und aufregend. Aber als meine Mandarin-Kenntnisse besser wurden und ich die Unterhaltungen meiner Familie nach wie vor nicht verstehen konnte, weil sie kein Mandarin benutzen; als ich Tag und Nacht gefroren habe und es immer kahl und dunkel war; als ich jeden Morgen Schwierigkeiten hatte, mich in meinen Bus zu quetschen, da war es immer mal sehr schwierig, sich wohlzufühlen.

An Vieles werde ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen können; dass man zum Beispiel immer ein Fremder sein wird mit meinem Gesicht und meinen Haaren, und immer wieder angestarrt und als Ausländer (外国人 – Wai Guo Ren) bezeichnet wird. Und andere Sachen sind total normal geworden und ich habe sie zu schätzen gelernt.

Insgesamt hat mir die Zeit in China eine riesige Portion Geduld und Nachsicht gebracht, was ich offenbar beides bitter nötig hatte, weshalb ich mich sehr darüber freue. 😉 Ich nehme die Dinge nun viel mehr als vorher einfach wie sie kommen, mache mir kaum noch Gedanken über Sachen, die ich sowieso nicht voraussehen oder ändern kann.

没办法 (Mei ban fa) benutze ich mindestens zwanzig Mal am Tag: „Kann man nichts machen; ist eben so; na ja, meine Güte…“ Aufregen bringt eh nichts, also spar dir eine Menge Ärger und Nerven und lass es einfach. Das konnte ich früher nicht so gut.

Außerdem habe ich eine Menge Dinge gelernt und getan, die ich mir eigentlich nicht zugetraut hätte. Ich kann jetzt von mir

Xiuxi yi xia - Entspann dich mal!

behaupten, dass ich mich ohne Scham vor 50 Kinder stellen kann, deren Sprache ich nicht spreche, und irgendwie 35 Minuten mit ihnen rumkriege, und mich einfach mal spontan zum Affen machen kann. Dass ich vor einer ganzen Schule englische Vorträge über Roots & Shoots halten kann, ohne aufgeregt zu sein oder mich zu verhaspeln. Dass ich mich generell aus haarigen Situationen winden kann, anstatt peinlich berührt davonzulaufen. Ich sehe einfach alles viel gelassener, wünsche den Damen und Herren einfach einen wunderschönen guten Tag, wenn sie fast vom Fahrrad fallen, weil sie mich angucken anstatt nach vorn. Mei ban fa! Ich bin ein ganzes Stück gelassener geworden, sehr zu meiner eigenen Erleichterung. Und das in einer so wenig gelassenen Gesellschaft wie der Shanghais!

Und noch etwas ziemlich wichtiges habe ich gelernt, das man wahrscheinlich nirgends so deutlich wie hier zu spüren bekommt: Dass Menschenrechte und Rechte im Allgemeinen etwas unheimlich Wertvolles sind. Wie das mit so vielen Sachen so ist, merkt man oft erst was man hat, wenn man es dann nicht mehr hat. Dass man gewisse Themen im Internet einfach nicht finden kann, weil niemand davon wissen soll, oder dass Plattformen komplett unzugänglich sind, um sich nicht zu sehr mit der Welt austauschen zu können, habe ich hier zum ersten Mal miterlebt. Wildfremde Menschen dürfen an der „freiwilligen Taschenkontrolle“ in der Metro einen einfach festhalten und fordern, die Tasche durchsuchen zu dürfen (was sie nur mit manchen Leuten machen, natürlich besonders gern mit Ausländern). „Ich möchte nicht“, hab ich ein mal gesagt, woraufhin die Frau mich festgehalten hat und gesagt hat, „Dann möchtest du eben auch nicht mit der Metro fahren.“ Auf meine Erwiderung hin, dass ich überall anders jederzeit mit der Metro fahren darf, hat sie mich nur böse angefunkelt und ich habe lieber aufgegeben, denn auf ein Recht zu beharren, das ich nicht habe, bringt eben nichts. Mei ban fa!


4 Gedanken zu Mei ban fa - Kann man nichts machen!

  • Oh mein KInd, ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dir diese Gelassenheit erhalten kannst, gelassen aber nicht nachlässig, du warst immer soo streng zu dir, strenger als ich es war und hin und wieder hat mir das Sorgen gemacht. Du hast so viel erlebt, soviel kennen gelernt und damit auch dich wieder ein Stück kennen gelernt, ein Stück, dass wir hier alle nicht kennen, ich bin gespannt auf dich, hoffe, du hast Geduld mit mir, wenn ich den Menschen, der du jetzt bist nicht gleich verstehe. Ich kanns kaum erwarten, das Abenteuer mein Kind neu kennen zu lernen, zum 2. mal (-:

  • Ich kann dich voll verstehen, ich hab etwa das gleiche durchgemacht wie du, bloß in Costa Rica, man kann das ganz schwer in Worte fassen was man erlebt, die ganzen Extremen und alles was so anders ist, dass man sich fühlt wie in einer anderen Welt oder sogar einer anderen Zeit und dann ist alles schon fast wieder vorbei..

  • Und ich beneide dich sehr um diese Gelassenheit. Vielleicht kannst du mir davon ja ein großes Stück abgeben 😉
    Es ist wirklich Wahnsinnn, wie die Zeit verflogen ist – jetzt kommst du nächste Woche schon wieder! Ich hoffe, wir sehen uns dann mal =) Ich würde mich freuen!
    Eine wundervolle restliche Zeit und alles Liebe,
    Janina

  • Hey ;),

    bei dir sind es nur noch zwei Wochen? Das ist echt .. unfassbar! ich habe ja noch gott sei dank noch etwa 2 Monate before mir… ich hoffe, dass du noch deine letzten zwei Wochen geniesst und du einen wunderschoenen abschied hast 🙂
    Noch eine tolle (Bestimmt nicht zum letztenmal 🙂 ) Zeit in China!
    Annika

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